Ein sozialdemokratischer Widerständler

24. Okt 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch
Cover_Knoeringen_klein.jpgWaldemar von Knoeringen war einer der prägenden Politiker der Nachkriegs-SPD in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Dass dieser Mann nur wenigen bekannt ist, stellt eine Lakuna der Zeitgeschichte dar. Helga Grebing und Dietmar Süß haben ein zweibändiges Werk vorgelegt, das von Knoeringens 100. Geburtstag gewidmet ist und das Leben und Wirken des Politikers ins rechte Licht rücken soll. Von Christoph Rohde

Helga Grebing und Dietmar Süß haben ihr Buch Waldemar von Knoeringen – Ein Erneuerer der deutschen Sozialdemokratie sinnvollerweise aufgeteilt in einen Band 1, der Aussagen seiner Weggefährten über ihn enthält, während der zweite Band eine Dokumentation von Reden, Briefwechsel und Interviews versammelt.

Waldemar von Knoeringen (1906-1971) war ein Mann, dessen adlige Herkunft und persönlicher Erfahrungshorizont frühzeitig in Widerspruch gerieten. Der in Rechetsberg bei Weilheim geborene Waldemar fiel frühzeitig durch seine Redegabe und seine scharfe Prognosefähigkeit in Bezug auf gesellschaftspolitische Abläufe auf. Sein Leben erlangte jedoch besondere Glaubwürdigkeit dadurch, dass er selber ein aktiver Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus war.

Sein Biograph Hartmut Mehringer zeigt in seinem Beitrag “Der Weg vom revolutionären Sozialismus zur sozialen Demokratie” auf, in welch mutiger, kreativer und opferbereiter Weise von Knoeringen bereit war, seinen Weg durchs Exil in Österreich, der Tschechoslowakei, Frankreich und England zu gehen. In England arbeitete er beim Sender der europäischen Revolution, wo er die britische Propaganda gegen das Dritte Reich unterstützte.

Wertvolle Jahre im Exil

Seine Erfahrungen im Exil waren, das ist die Essenz der Bände, von unschätzbarem Wert für den Aufbau einer wirkungsvollen Sozialdemokratie in der jungen Bundesrepublik. Julia Angster nennt von Knoeringen den “bayerischen Attlee” und zeigt, wie stark ihn die britische Labour Party bei der Formulierung seines “demokratischen Sozialismus” geprägt hat.

Unter anderem erkannte er die Wirksamkeit einer binnenwirtschaftlichen keynesianischen Wirtschaftslenkung, die dem privaten Unternehmertum jedoch genügend Raum für Innovation lassen sollte. Im Exil musste von Knoeringen erkennen, wie wenig Widerstandsgeist im nationalsozialistischen Deutschland vorherrschte. Und er konnte sich vom Funktionieren der westlichen politischen Ordnungssysteme überzeugen.

Vom Idealisten zum Realisten

Von Knoeringens Leben steht, so Grebing und Süß, stellvertretend für die großen Brüche der SPD im 20. Jahrhundert: Es umfasst die Hoffnungen der Sozialdemokraten zu Zeiten der Weimarer Republik, die Erfahrungen im Widerstand und Exil, die Tatsache, von manchen Deutschen nach dem Krieg als Verräter angesehen zu werden sowie den Wiederaufbau und die Modernisierung der SPD nach dem Krieg.

Mit der Erkenntnis der moralischen Depraviertheit von Stalinismus und Maoismus wurden neue Wege gesucht, um die rasant fortschreitenden technischen Entwicklungen mit humanitären Idealen zu versöhnen. Und von Knoeringen war eine zentrale Figur bei der Entwicklung eines “demokratischen Sozialismus”, den Helga Grebing in einem eigenen Kapitel würdigt. Für ihn sollte nicht mehr die politische Wirklichkeit an die starre Struktur einer marxistischen Theorie angepasst, sondern eine gestaltungsfähige sozialdemokratische Theorie in pragmatistischem Sinne mit der Wirklichkeit in Einklang gebracht werden.

Der “demokratische Sozialismus” umfasste eine komplexe Synthese aus marktwirtschaftlichen Elementen mit sozialdemokratischen Idealen von Solidarität und sozialem Ausgleich. Im Gegensatz zu strukturdeterministischen Vorstellungen vom Sozialismus war von Knoeringen Befürworter eines offen gestaltbaren gesellschaftlichen Designs. Der Politiker vertrat das Modell eines humanistischen Kulturstaates.

Innovative Politikmodelle

Von Knoeringen gehörte zu den großen Reformen der SPD nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war maßgeblich an der Formulierung des Godesberger Programms der SPD beteiligt, welches den Weg zu einer regierungsfähigen Partei öffnete. Hedda Jungfer zeigt in ihrem Beitrag, dass sich von Knoeringen als Kulturpolitiker verstand. Er sah Politik nicht zuerst als einen funktionalistischen Prozess an, der möglichst effizient gestaltet werden musste. Für ihn waren Politik und Kultur eng miteinander verbunden.

Deshalb förderte er innovative, quasi-basisdemokratische Wahlkampfmaßnahmen wie “Das Gespräch mit Jedermann”. Der 1971 in Bernried verstorbene Politiker wollte die Demokratie als Lebensform etablieren; eine rein auf parlamentarischen Wahlen beruhende, prozedurale Demokratie enttarnte er als unvollständig. Für ihn entsprach die Demokratie der Natur des Menschen in maximaler Weise; und eine realistische Anthropologie war für ihn die Voraussetzung für eine erfolgreiche Politikführung. Dabei lag von Knoeringens besondere Mission im Aufbau eines wirkungsvollen politischen Erziehungswesens.

Wert der Bildungspolitik

Die Bildungsarbeit rückte ins Zentrum der Aktivitäten des oberbayerischen Politikers. Die Grenzen des Einflusses durch krude Machtausübung hatte er erkannt und für sein eigenes Wirken akzeptiert. Ihm ging es mehr um die Formulierung von großen politischen Konzepten als um das zähe Ringen in der Tagespolitik. Deshalb verzichtete er auf größeren Einfluss in Bonn, was Herbert Wehner und andere bedauerten.

Von Knoeringens großer Einfluss auf die Bildungspolitik ist noch in der Gegenwart deutlich nachweisbar. Sein Lieblingskind war die von ihm ins Leben gerufene Bildungsstätte Vollmar-Akademie, ansässig in Kochel am See. Von erheblicher Bedeutung ist auch die Akademie für politische Bildung in Tutzing. Dazu begründete er die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Bayern. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit lag in einer ethisch fundierten Technologiekritik.

Von Knoeringen als Vorbild

Nach Aussage von Hans-Jochen Vogel stimmten Reden und Handeln bei Waldemar von Knoeringen weitgehend überein. Seine Biographie sei der Garant für eine glaubwürdige Politikführung gewesen. In erstaunlicher Weise hat der Politiker zukünftige Entwicklungen antizipieren und fast schon postmodern zu nennende Ansätze des politischen Diskurses entwickelt.

Das Leben und Wirken von Knoeringens wird in den beiden Bänden von Grebing und Süß in umfassender Weise nachvollzogen und kommentiert. Überzeugend wird der Wert des Denkens des Politikers auch für die Analyse von politischen Gegenwartsproblemen dargestellt. Dazu überzeugt die Aufteilung der Beiträge in mehr biographische und weitgehend politisch-programmatische Aspekte.

Der Dokumentenband (Band 2) wird durch seinen aus Biogrammen, einem Abkürzungsverzeichnis und einem Personenregister bestehenden Anhang für Forschende sachgerecht gestaltet. Die Biographie ist für Forschende und Studierende im Bereich der Sozialdemokratie ebenso geeignet wie für zeitgeschichtlich interessierte Laien. Seine Lektüre ist über die einschlägigen Fachkreise hinaus sehr empfehlenswert.


Helga Grebing, Dietmar Süß (Hg.)

Waldemar von Knoeringen. Ein Erneuerer der deutschen Sozialdemokratie. (2 Bände).

(2006), Berlin, vorwärts buch.

ISBN 3-86602-290-5,  29,80 Euro

Die Bildrechte liegen beim Verlag. Der Verlag im Internet.


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