Ein neues Zentrum für Berlin

14. Jun 2006 | von freier Autor | Kategorie: Gesellschaft

Hauptbhf_frontal_web.jpgDer Hauptbahnhof ist eingeweiht, die Reisenden staunen. Doch der Bahnhof ist mehr als Mobilitätsgarant und Knotenpunkt – symbolisch könnte er als Persilschein für die Berliner Republik wirken, sich der Vergangenheit zu entledigen und stadtplanerisch schuf er nicht nur die Nord-Süd-Achse, sondern auch die repräsentative Zentrumsachse. Ein Kommentar von Inga Haese

Hauptbahnhof - Lehrter Bahnhof. Ein Ungetüm aus Glas und Stahl, dessen Baustelle seit Jahren die Aufmerksamkeit eines jeden Berlin-Ankömmlings auf sich zieht: Welcher Wahnwitz mochte sich hinter dem Mega-Projekt mitten im Niemandsland vermuten? Wozu jener Aufwand, der die Spree aus ihrem natürlichen Flussbett leiten musste; der ein baustelleneigenes Betonwerk erforderte; der die Bahn 1,3 Milliarden Euro koste – in einem menschenleeren Stadtgebiet? Seit Jahren deutete das sagenhafte “Wurst”- Glasdach (Gerhard Schröder), das bloß eine kleine Oberfläche der Baustelle umwölbte, auf die Entstehung des Bahnhofs hin. Doch für flanierende Beobachter blieb die unterirdische Gigantomanie des Projektes “Hauptbahnhof” lange nicht nachvollziehbar.

Ein neues – altes Konzept: Der Kreuzbahnhof

Das von der Bahn aufgegriffene “Pilz-Konzept”, das im Kern die Einführung einer Nord-Süd-Achse meint, liegt allerdings seit Jahrzehnten in den Schubladen von Stadtplanern und Verkehrspolitikern. Sowohl in der Weimarer Republik als auch im Dritten Reich gab es Pläne, den 1871 in Betrieb genommenen Lehrter Bahnhof zum Kreuzbahnhof umzufunktionieren bzw. eine Nord-Süd-Verbindung durch Berlin zu schlagen. Nicht nur deshalb stellt der Hauptbahnhof die Realisierung stadtplanerischer Träume des (vor) letzten Jahrhunderts dar. Städte müssen geplant und reguliert werden, die Ströme von Menschen und Verkehr einer wohlgeordneten Planung folgen: Städtebau wie diesen finden wir schon bei Georges Haussmann, dem Präfekten für unsanfte Metropolengestaltung, der in den 1850er Jahren die großen Boulevards durch das alte Paris bahnte.

Einer Ironie des Schicksals gleich bot nun gerade die städtische Freifläche des Kalten Krieges mitten in Berlin die Gelegenheit, das Mammutprojekt “Pilz-Konzept” ohne besondere Umsiedelungsmaßnahmen realisieren zu können.

Achse der Neuen Mitte: Potsdamer Platz und Regierungsviertel

Die Berliner Stadtplanung nach der Wende kann mit einer baulichen Revolution gleichgesetzt werden. Symbolisch rüstet die neue Berliner Republik seit Mitte der 1990er Jahre schwer auf. Regierungsgebäude und Hochhausoptik am Potsdamer Platz galten als Nimbus des lang ersehnten Aufbruchs in eine neue Zeit; eine Zeit, die Weltkriege und Kalte Kriege im Rausch der glatten Fassaden vergessen machen will.

Zwar wurden jene zur Zielscheibe der Kritik, als protzig, künstlich, übertrieben und gewaltig wurde die Architektur der “Neuen Mitte” Berlins verunglimpft. Wer weiß, vielleicht mag der ein oder andere aus Westdeutschland zugezogene Neuberliner der alten, unspektakulären Hauptstadt Bonn dabei noch eine Träne nachgeweint haben. Die Kritik schien dennoch berechtigt: Tatsächlich fragte sich der Transitreisende stets, durch welch eigenartig leeres, teures Niemandsland er da führe, die einsame Baustelle des Hauptbahnhofs passierend, an deren Seite DB-Hochhaus und Kanzleramt wie ungehörige Aliens auf die Stadt blickten.

Symbolik des Bahnhofs

Passanten_vor_Bahnhof_web.jpgDoch dann das: Der Tag vor der Bahnhofseröffnung war der letzte Tag für Zweifler, der letzte auch für die Zeit der halbfertigen Berliner Republik – aus dem Nichts heraus wurde der Hauptstadt ein neues Zentrum verpasst. Ein Ort, an dem niemand wohnt. Wie ein Schleier lag bereits die Vision der neuen Stadt über dem bezogenen Regierungsviertel: Ein neues Berlin, zusammengewachsen an jenem historischen Ort des Niemandslandes, würde sich über die Vergangenheit hinwegsetzen. Ein wiedervereinigtes Berlin, das ein gemeinsames, ein tatsächliches Zentrum als wirtschaftliche und politische Hauptschlagader auf den Stadtplan hebt. Als Fortführung des Bandes des Bundes, das von den Abgeordnetenhäusern, Reichstag und Kanzleramt symbolträchtig dargestellt wird, soll uns nun der Hauptbahnhof erscheinen. Der Kreuzbahnhof fungiert auch als Vereinigungsmetapher, nicht nur räumlich. Der Charakter eines politischen Disneylands soll endlich mit Leben gefüllt werden.

Konstruktion eines Zentrums

In der Tat: Erstaunt können distanzierte Großstädter beobachten, wie sich der Hauptbahnhof innerhalb der sechsstündigen Einweihungsfeierlichkeit in ein wirkliches “Zentrum” verwandelt – von der Baustelle im menschenleeren Raum zur Inbetriebnahme. In einem einzigen Augenblick wird die Leere durch ein vernetzendes Knotenbündel ersetzt, das aus seiner Konstruktionslogik heraus die Zentrumsfunktion des Kreuzbahnhofes erfüllt. Eine spannende Entwicklung nimmt von diesem Zeitpunkt an ihren Lauf: Wie wird die Anordnung all der repräsentativen Gebäude und Flächen auf der Achse Hauptbahnhof – Potsdamer Platz unsere Wahrnehmung der Stadt und ihrer Geschichte verändern? Wie werden wir zukünftig unsere Stadt nutzen? Eine Vision der Stadtplanung bestimmt gegenwärtig das neue Berlin, von ihrer Erfüllungsgehilfin Deutsche Bahn finanziert. Klare Linien, abgezirkelte Rasenflächen und rot-weiße Polizeisperren vor den amtlichen Häusern, Sichtbeton, Stahl und monochrome Ästhetik – die neue Mitte ist eine angelegte Bannmeile, sie lebt durch Flaneure und nicht durch Bewohnerinnen und Bewohner.

Ohne Vergangenheit?

Blick_aus_Bhf_groesser_web.jpgEs bleibt fragwürdig, ob sich der Traum des boomenden Berlins in ebensolcher Manier konstruieren lässt wie der des neuen Zentrums. Die wichtigste Frage jedoch ist die, ob die Berliner Republik und ihr politisches Gebaren die Symbolik des Bahnhofs als Knoten- und Vereinigungspunkt ernst nimmt, und wenn ja, wie sensibel sie mit ihrem Abschied von der historisch-gewachsenen Stadtstruktur umgeht. Nicht nur die Eröffnung des Holocaust-Mahnmals im letzten Jahr, das übrigens auf der angesprochenen Achse zu verorten ist, trägt gegenwärtig dazu bei, Erinnerung in öffentliche Phrasen zu verwandeln, um sie damit auch hinter sich zu lassen. Mit dem Hauptbahnhof ist das neue Zentrum der funktionstüchtige Magnet, den sich die politische Berliner Republik erhofft hatte und der eben auch eine neue Sprache spricht. Die Zeichen der Zeit wirken hier nicht mehr, das 20. Jahrhundert kann am Bahnhof Zoo aussteigen. Diese Vergangenheitsvergessenheit kann sich Berlin nicht leisten – der neuen Mitte Berlins täte es an einigen Stellen gut, anstatt Planungswut der gelebten und lebendigen Erinnerung überlassen zu werden.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


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Ein Kommentar
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  1. Also so einfach wie dargestellt ist es n

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