Die Zukunft unserer Erde
Immer häufiger rasen in den letzten Jahrzehnten verheerende Hurrikans über die Lande, lang anhaltende Dürreperioden vernichten Ernten und ganze Landstriche. Allein das letzte Jahrzehnt bot ein bisher nicht gekanntes Ausmaß an Naturkatastrophen. Dabei drängt sich immer mehr die Frage auf: Ist das der Anfang vom Ende? Was verträgt unser Planet noch? Von Beatrice Kolp
Wer bisher hoffte, dass die Naturkatastrophen der letzten Jahre noch im Bereich des Normalen lagen, der wird spätestens nach der Lektüre von Die Zukunft der Erde, Was verträgt unser Planet noch? eines Besseren belehrt. Der Sammelband ist Ergebnis einer wissenschaftlichen Tagung und vereint 16 Beiträge unterschiedlicher Forschungsdisziplinen. So unterschiedlich die Autoren in ihrer thematischen Sichtweise auch auftreten, über eines herrschte allgemeiner Konsens: Die Erde steht kurz vor dem Kollaps. Viele derzeitige Probleme sind bereits heute irreversibel. Passiert nicht bald etwas, wird sich das Leben auf der Erde in den kommenden Jahrzehnten unwiderruflich verändern.
Aus Schaden klug werden?
Unlängst wurde der wissenschaftliche Nachweis dafür erbracht, dass die Erde zusammen mit der Biosphäre ein vernetztes System bildet, in das man nicht ohne unvorhersehbare Folgen eingreifen kann. Und so wie die Menschheit in den letzten Jahrzehnten gelebt hat, trug sie maßgeblich dazu bei, dieses sensible System nachhaltig zu verändern.
Die tägliche Berichterstattung ist voll von Hiobsbotschaften, aber irgendwie scheinen wir einen Weg gefunden zu haben, damit umzugehen. Tageszeitungen, Fernsehen, der Rundfunk – alle Medien berichten täglich von neuen Katastrophen. Doch nachhaltig zu ändern scheint sich nichts.
Die Jahrhundertflut 2002 und der darauf folgende Rekordsommer haben zumindest in Deutschland die Klimaproblematik wieder verstärkt in den Fokus des Interesses gerückt. Dabei stellen sich nicht nur Wissenschaftler die Frage, inwieweit diese Wetterextreme schon Anzeichen für den globalen Klimawandel sind. Das die Menschheit Einfluss auf das Klima hat, ist dabei unbestritten. So wird der Ursprung der derzeitigen Probleme vor allem darin gesehen, dass der Mensch durch seine vielfältigen Aktivitäten klimarelevante Spurengase in die Atmosphäre entlässt, die wiederum zu einer relevanten Erwärmung der Erdoberfläche und der unteren Luftschichten führt.
Die Konsequenzen für die Erde können mittels Computersimulation aufgezeigt werden: globale Erwärmung, Anstieg des Meeresspiegels, Abschmelzen der Gletscher, Überflutung ganzer Landstriche. Viele der Folgen erleben wie heute schon hautnah. Umso schwerer verständlich ist es deshalb, warum nicht gehandelt wird. Das Kyoto-Protokoll ist dabei lediglich ein erster wichtiger Schritt – aber keinesfalls eine weit reichende Lösung. Welche nachhaltigen Folgen dies für das Leben auf der Erde hat, führt Hans-Jochen Luhmann in seinem Beitrag "Das Grand Design der Klimapolitik" aus.
Energieeinsparung und Energieeffizienz
Für viele der aktuellen Klimaprobleme gibt es bereits nachhaltige Lösungen. Die großen Schlagworte lauten Energieeinsparung und -effizienz. So existieren bereits Technologien, die den Energieeinsatz deutlich verbessern können. Schon seit langen ist bekannt, wie ein Gebäude zu gestalten ist, so dass es kaum noch Heizenergie benötigt. Zudem gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, Strom und Wärme umweltfreundlich zu produzieren, doch werden diese noch immer zu wenig genutzt. Erst die Rekordpreise für fossile Brennstoffe haben in der jüngsten Vergangenheit ein Umdenken eingeleitet: sowohl bei der Industrie als auch in der Bevölkerung. Doch müssen wir erst vor dem Super-Gau stehen, um auf regenerative Energien auszuweichen? Schon heute steht fest, dass die Menschheit mit einem Teil der Probleme des Klimawandels leben werden muss, weil weit reichende und nachhaltige Lösungen zu langsam erschlossen werden.
Welche Folgen die Klimaveränderung dabei für die Nahrungsversorgung hat, zeigt Klaus Halbrock in seinem Beitrag "Die unsichere Zukunft der menschlichen Ernährung". Während Europa versucht mit dem Überschuss an Lebensmitteln fertig zu werden, leidet weltweit eine Milliarde Menschen an Unterernährung. Doch die extrem belastete Biosphäre verträgt keine weitere Ausdehnung der Nahrungsmittelproduktion. Von seinem afrikanischen Ursprungsgebiet aus, hat der Mensch sich inzwischen über die gesamte bewohnbare Erde ausgebreitet und nutzt davon etwa die Hälfte zur Nahrungsmittelproduktion. Damit sind die Toleranzgrenzen der Biosphäre und des Ökosystems schon lange erreicht.
Hinzu kommt, wie Rainer Münz darlegt, dass die Bevölkerung in hoch entwickelten Ländern immer stärker zurückgeht, in den Entwicklungsländern hingegen jährlich um 1,4 Prozent wächst. Somit entfallen 95 Prozent des Zuwachses der Weltbevölkerung auf Entwicklungsländer.
Das blaue Gold
Wasser ist der Hauptbestandteil der lebenden Materie. 50 bis 90 Prozent der Masse lebender Organismen bestehen aus Wasser. Es scheint überall im Überfluss vorhanden. Doch tatsächlich sind nur drei Prozent des auf der Erde vorhandenen Wassers nutzbar. Wolfram Mauser zeigt, wie sehr die Welt-Süßwasserreserven zunehmend unter Druck geraten. Bevölkerungswachstum, steigende wirtschaftliche Aktivitäten sowie verbesserte Lebensbedingungen führen zu verstärkter Konkurrenz um die begrenzten Ressourcen. Die Ursachen für die heute dramatische Verknappung des Wassers als eines der wichtigsten Naturressourcen führt der Autor beispielhaft auf. Er zeigt Grenzen, aber auch Möglichkeiten, wie sich die Wassernutzung so gestalten lässt, dass sie generationengerecht und nachhaltig ist. Denn ohne Wasser ist kein Leben möglich.
Der ökologische Fußabdruck
Die vom Menschen derzeitige Inanspruchnahme der Umwelt überschreitet ihre Regenerationsfähigkeit bereits um 20 Prozent. Die verschiedenen Beiträge machen sehr deutlich: Wird sich die Menschheit nicht grundlegend ändern, also entgegen ihrer Natur auf kurzfristige Ziele zugunsten späterer Generationen und Krisenvermeidung verzichten, wird die Klimaveränderung unvermindert fortschreiten. Die Menschen nehmen sich ihren Lebensraum. So gibt es heute auf der Erde wohl kein System oder Kreislauf mehr, in dem der Mensch nicht schon eingedrungen ist und seine Spuren unwiederbringlich hinterlassen hat.
Nachhaltigen Nutzen gestalten
Unsere umweltpolitischen Probleme gehen im Wesentlichen auf hohen Ressourcenverbrauch für Wohlstand zurück: Gewinnung von Kohle, Verbrennung fossiler Energieträger, Waldrodungen, Flussbegradigungen etc. Dabei kommen 80 Prozent des Naturverbrauchs nur ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung zugute. Die für das Überleben der Menschheit unerlässlichen Dienstleistungen der Ökosphäre sind ohne einen sorgfältigen und sparsamen Umgang mit den Ressourcen der Natur akut gefährdet. Ohne eine spürbare und weit reichende Erhöhung der Ressourcenproduktivität können nachhaltiges Wirtschaften und zukünftiges Wachstum nicht erreicht werden. Jedoch sind beide Ziele realisierbar. Die Technik kann dies ohne Verlust an Lebensqualität leisten; vorausgesetzt jedoch, die richtigen wirtschaftlichen Anreize sind vorhanden. Diese müssen in erster Linie von der Politik kommen, hier muss der Grundstein für eine nachhaltige Entwicklung gelegt werden.
Dieser Band zeigt auf sehr anschauliche Weise, den Ist- und Soll-Zustand unseres Planeten. Das Resümee aller Texte lässt sich sehr gut auf einen Nenner bringen: Dreh- und Angelpunkt der zukünftigen, nachhaltigen Entwicklung sind die Vermeidung der Energieverschwendung zum Schutz der Biosphäre sowie der dringende Einhalt der massiven Verschwendung aller wesentlichen Ressourcen des Planeten und nicht zu letzt ein kontrolliertes Bevölkerungswachstum. Aus diesen Faktoren ergeben sich die großen Herausforderungen der Zukunft. Und nur, wenn es gelingt, diese Herausforderungen in den Griff zu bekomme, können wir nicht nur unsere eigene Zukunft sichern, sondern auch die der kommenden Generationen.
Ernst Peter Fischer, Klaus Wiegand
Die Zukunft der Erde, Was verträgt unser Planet noch?
(2005), Fischer Taschenbucherlag, Frankfurt/M,
432 S., ISBN 3-596-17126-1, 13,95 Euro
Der Verlag im Internet: www.fischerverlag.de


