Die ukrainische Zerreißprobe

18. Mrz 2006 | von Petra Sorge | Kategorie: Europa

Ukraine_Flagge.gifDie Ukraine steht vor einer Richtungswahl: Am 26. März wird sich zeigen, ob das Land sich weiterhin an Europa orientiert oder Gefahr läuft, nach Russland abgedrängt zu werden, glaubt der Kiewer Schriftsteller Andrej Kurkow. Auf der Buchmesse hat er seine Gedanken vorgestellt. Von Petra Sorge

In der Ukraine ist die Euphorie der ” Orangenen Revolution” vom Herbst 2004 der Enttäuschung über die Regierungspolitik des Präsidenten Viktor Juschtschenko gewichen. Der Rückgang der Industrieproduktion, der Gasstreit mit Russland und die Erfolglosigkeit im Kampf gegen die Kriminalität haben das Blatt, auf welches die Wähler bei den Parlamentswahlen am 26. März ihr Kreuzchen machen werden, gewendet: Die prorussische Seite unter Ex-Premier Viktor Janukowitsch ist wieder im Aufwind.

Innenansichten eines Zeitgenossen

“Das Land ist geteilt in zwei Teile. Es gibt nur eine Opposition”, sagte der russischsprachige Schriftsteller Andrej Kurkow, als er am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse im Rahmen eines Autorenspecials seinen Essay vorstellte. Die Ukraine ist mit der Verleihung des Preises für Europäische Verständigung an den Ukrainer Juri Andruchowytsch ein Schwerpunktland der Buchmesse. Der Kiewer Andrej Kurkow, der 11 Sprachen spricht, leistete seinen Militärdienst als Gefängniswärter in Odessa und begann danach eine Ausbildung zum Kameramann. Seit 1996 ist Kurkow als Schriftsteller und freier Journalist tätig. Seine Romane, von denen Picknick auf dem Eis und Die letzte Liebe des Präsidenten die bekanntesten sind, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Kurkow beschreibt in seinem politischen Essay die Gefahr, dass sein Heimatland im Spagat zwischen Rückschritt und Moderne, zwischen Russland und Europa vor einer Zerreißprobe steht. Die anfängliche Aufbruchstimmung der jungen Revolutionäre könne nun in Apathie umschlagen.

Byzantinische Kultur

Die eigentliche Ursache für die Spaltung der Ukraine sieht Kurkow in dem Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Kulturen: der westeuropäischen mit der römisch-katholischen Tradition und der byzantinischen mit der griechisch-orthodoxen Tradition. Auf die Frage, was denn das “Byzantinische” sei, antwortete Kurkow spontan: “Korruption. Die Menschen sind schlecht bezahlt, und es herrscht die Einstellung, man müsse sich sein Geld selbst verdienen.” Juschtschenko, der hart gegen die Korruption vorgehen wollte, hat bisher noch keine sichtbaren Erfolge vorzuweisen. Folklore und die Religiosität seien weitere Kennzeichen dieser Kultur. Zu den kulturellen Differenzen trägt die Zweisprachigkeit des Landes bei: Ukrainisch ist die Amtssprache, aber Russisch ist gleichwertig. Kurkow beschrieb die byzantinische Mentalität mit einer Sehnsucht nach Führerpersönlichkeiten, nach “großen starken Männern” und nach einer Opferbereitschaft. “Ukrainer lieben die Opfermentalität”, sagte Kurkow, “da hat Juschtschenko Vorteile von seinem Giftanschlag und seiner Entlassung durch Ex-Präsident Kutschma. Sein Gegner Janukowitsch war nie Opfer.” Allerdings würde Janukowitsch in allen anderen Bereichen punkten.

Der europäische Traum

Kurkow_3.JPGDie Hälfte der Ukraine, die sich nach der Europäischen Union sehnt, sei momentan noch stärker, so Kurkow. Der Traum der früheren Jugend war der “American Dream”, doch mit Ende des Kalten Krieges schlug dieser in Antiamerikanismus um. Die nüchterne Realität, das schwache wirtschaftliche Wachstum und die Armut hatten diesen Traum zunichte gemacht. Der heutige Traum sei der europäische, der so weit gehe, dass man sich auf den heimatlichen Balkons EU-Flaggen aufhänge. Die EU steht in der Ukraine für all das, was man nie haben konnte: einen besseren Lebensstandart, Reichtum und Glück. “Die Regierung erweckt den Eindruck eines Bittstellers, der auf die EU-Mitgliedschaft drängt”, kritisiert Kurkow, “nach dem Motto: Wenn wir uns nur erfolgreich hineingedrängt haben, werden wir reich und glücklich. Aber die Schlange der Bittsteller ist lang, und vor uns warten noch Rumänien, Bulgarien und die Türkei.” Dass die Union nicht alle Probleme lösen könne, hat das Beispiel Polen gezeigt – der Großteil der EU-Hilfen ging in die Sicherung der polnisch-ukrainischen Grenzen.

Balanceakte in Brüssel nötig

Sollte Brüssel der Ukraine eine Mitgliedsaussicht verweigern, könnte der europäische Traum wie eine Seifenblase zerplatzen, genau wie vor einem Jahrzehnt der amerikanische. Dann würde das ukrainische Bewusstsein wieder nach Osten Richtung Moskau umschlagen. Insofern gilt der 26. März als Stimmungsmesser. Zwar hofft Andrej Kurkow auf eine EU-Mitgliedschaft, aber er versetzt sich auch in die Lage Brüssels: “Ich frage: Braucht Europa ein Land mit solch gewaltigen Umweltproblemen? Braucht Europa ein Land, wo das Atomkraftwerk von Tschernobyl stand? Braucht es ein Land, das keine Zukunftsvisionen hat?”

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