Die gute alte Zeit

04. Jul 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Loeffler.jpg16 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung meldet sich auch ein heute in der Öffentlichkeit nur wenig bekannter General der Nationalen Volksarmee zu Wort, der vielleicht Verteidigungsminister geworden wäre, wenn es nicht die Wende gegeben hätte. Eine ziemlich langweilige Autobiographie mit wenig neuen Erkenntnissen. Von Wolfgang Mehlhausen

Schon das Vorwort des letzten realsozialistischen Verteidigungsministers Heinz Hoffmann lässt ahnen, was den Leser erwartet. Die Nationale Volksarmee (NVA) möchte man realistisch betrachten, mahnt er, denn niemals hat ein Soldat der NVA in kriegerischer Absicht das Territorium eines fremden Staates betreten. Fast, denn was war 1968 bei der Invasion in der CSSR? “Soldaten der NVA schießen nicht auf das eigene Volk”, wird Armeegeneral Heinz Keßler im Vorwort zitiert. Keßler wurde zu einigen Jahren verurteilt, weil seine Grenzsoldaten auf jeden schossen, der in den Westen wollte. Dass die DDR-Volksarmee wirklich einen entscheidenden Beitrag zur Friedenssicherung in Europa leistete, ist auch der Wunsch des Generals Hans-Georg Löffler. Beweisen kann er diese Behauptung in seinem Buch Soldat der NVA von Anfang bis Ende allerdings nicht.

Zehn Kapitel Autobiographie

Die ersten Kapitel enthalten kaum etwas, was über die Schilderung eines Soldatenalltags hinausgeht. Schmunzeln kann man, dass der Autobiograph beschreibt, wie froh man war, als die Kasernierte Volkspolizei bzw. NVA endlich eigene, deutsche, an die Wehrmacht erinnernde Uniformen erhielt und man nicht mehr mit “Russen” verwechselt wurde. Bis zur Mitte des Buches findet man nur genauste Aufzählung von allen möglichen Berufskollegen mit vollem Vor- und Nachnamen, Dienstgrad und Funktion, Löffler vergisst dabei wohl keinen einzigen Hauptfeldwebel in seiner Dienstzeit, was die Lektüre nicht gerade zu einem Vergnügen macht.

Nur weniges ist zu finden, was vielleicht neu oder in Vergessenheit geraten ist. Dass auch in der DDR kurzzeitig ein chinesisches Modell “Mode” war, wonach Generäle auch mal wieder Soldat spielen sollten, werden die wenigsten wissen. Auf Seite 95 wird dann auf die Okkupation der CSSR eingegangen, doch das “Kind” nicht beim Namen genannt. Angeblich hat Walter Ulbricht, der ja der schlimmste Scharfmacher gegen Alexander Dubcek war, den Einsatz von DDR-Truppen im Nachbarland verhindert. Ein Wort der Reue zur Zerschlagung des Prager Frühlings vermisst man. Peinlicher wird es nur noch, wenn man seine Ausführungen zu den Ereignissen in Polen 1980 liest. Was die Solidarnosc wollte und warum sie kämpfte, hat der General vermutlich nicht begriffen.

Ausbildung in Moskau und “Waffenbrüderschaft”

Ein wenig interessanter ist, was Löffler über seine zwei Auslandsstudien in Moskau berichtet. Kritische Worte zur Militärgeschichte der UdSSR fehlen meist, stattdessen auch hier wieder langweilige Aufzählung aller möglichen Lehrer und Mitkämpfer sowie lange Ausführungen zu den Institutionen. Fast entschuldigend wird angedeutet, dass die NVA-Offiziere keine großen Privilegien hatten und ihr Dienst schwer war. Löffler rechnet genau die Rubel-Bezüge in Ostmark um, setzt dagegen die Mieten auf Rubel und Kopeke genau, doch was weiter auf das DDR-Konto an Gehalt ging, erfährt der Leser nicht.

Wenige Worte finden sich zu den Polen, die in seiner Schilderung sehr gut wegkommen. Zumindest das Wort Katyn wird erwähnt, wo Stalins NKWD polnische Offiziere und Beamte erschießen ließ und die Schuld den Nazis anlasten wollte. Vom Autor wird Verständnis gezeigt, dass die “Liebe zur Sowjetunion” bei den polnischen Genossen keineswegs “Herzenssache” war. Dass die Russen sogar bestimmten, welche Bilder im Zimmer eines Kommandeurs der NVA hängen sollten, verwundert nicht.

Kritik an den Verhältnissen – Nebensache

Immer wieder geht Löffler auf die schwierigen Bedingungen der Offiziere bezüglich ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen ein. Dass sie oft lange keine eigene Wohnung hatten und in Dreimannzimmern hausen mussten, ist glaubhaft, aber bei vielen einfachen Soldaten, die in Schlafsälen mit 60 Mann untergebracht waren, dürfte sich das Mitleid in Grenzen halten. Dass die NVA sich rückhaltlos den Russen unterordnen musste und beispielsweise stets 85 Prozent der Truppen im Dienst zu sein hatten, wird als Hindernis bei der Motivation der Soldaten deutlich, die nur selten in Urlaub und Ausgang gehen durften.

DDR-Soldaten verschlug es den Atem, wenn sie erfuhren, dass die Bundeswehr-Kasernen sich freitags leerten, die Soldaten Bier und Schnaps trinken und mit eigenen Autos nach Hause fahren durften. Die im Laufe der Jahre immer stärker fehlende Motivation zum Dienst bei Soldaten und sogar Offizieren wird erwähnt, aber die Ursachen kaum beleuchtet. Kein kritisches Wort findet sich über den stumpfsinnigen Soldatenalltag, wo beispielsweise das kunstvolle “Bettenbauen” wohl kaum der Kampfmoral diente, sondern nur Schikane war.

Kein Wort darüber, dass Wehrpflichtige, selbst Familienväter nur höchstens alle 12 Wochen Frau und Kinder über das Wochenende besuchen durften, kein Wort über die vergeudete Lebenszeit bei jungen Männern, die studieren wollten und dafür drei Jahre “dienen” mussten. Zumindest die sinnlosen Paraden in Berlin werden von Löffler in Zweifel gestellt, doch nicht erwähnt, dass die Masse der Berliner, 10jährige Jungens vielleicht ausgenommen, diese pompösen Aufmärsche nicht interessierte.

Der General beschreibt seine “Siege” bei Truppenübungen, Wettbewerben und Appellen und ist stolz auf Wimpel und Urkunden. Reformen beim DDR-Militär hätte es schon vor dem Herbst 1989 geben müssen, stellt er rückblickend fest. Immerhin hat der General a. D. es geschafft, nach der Wende nochmals Fuß zu fassen. Sichtlich stolz präsentiert er sich auf einem Foto als Begleiter bei der Transportministerkonferenz neben dem damaligen Verkehrminister Matthias Wissmann (CDU).

Ein Buch für Familie und Weggefährten in der NVA

Die Mitkämpfer des Hans-Georg Löffler werden seine Autobiographie gewiss mit Interesse und Freude lesen, ebenso die Familienmitglieder. Wer interessantes Hintergrundwissen erwartet und sich durch die vielen langweiligen Manöver- und Dienstlaufbahnberichte quält, um auf wirklich Neues oder gar Geheimes zu stoßen, wird enttäuscht. Hier gab es schon von anderen NVA-Offizieren aufschlussreichere Berichte. Militärhistoriker werden vielleicht Interessantes finden. Wer etwas über den Alltag in der DDR-Volksarmee wissen will, soll besser selbst “Gediente” befragen. Es gibt gewiß tendenziösere Werke zu diesem Thema, doch lohnend ist die Lektüre dieses Buches für den normalen, politisch interessierten Leser nicht. Selbst als Nachschlagewerk ist es ungeeignet, da ein Personen- und Ortsregister fehlt.

Hans-Georg Löffler

” Soldat der NVA von Anfang bis Ende”

(2006), Edition Ost Das Neue Berlin, Berlin

14,90 Euro, 280 S., ISBN 10: 3-360-0172-8



Die Bildrechte liegen beim Verlag. Der Verlag im Internet.



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