Die eine Hand zerstört, die andere baut
Die "Theory of Foreign Policy" von zwei amerikanischen Politikwissenschaftlern haucht der Außenpolitikforschung neues Leben ein. Von Tobias Heinrich
Wie immer und überall gibt es Dinge, die man lieber anders sähe, und Dinge, die man einfach gut findet. Die Freundin könnte wie Heidi Klum aussehen, aber ihre Gedanken sind zauberhaft. Das Bier könnte lieber ein oberbayrisches sein, aber in den USA lebt es sich gut mit vielen anderen Vorteilen. Dieser intuitiv klaren Prämisse bedienen sich die beiden Amerikaner Glenn Palmer (PennState University) und T. Clifton Morgan (Rice University) in ihrer Theory of Foreign Policy. Darauf basierend bauen sie ein reichhaltiges, facettenreiches Modell der Außenpolitik.
Der Realismus in der Internationalen Politik sagt, so lernt man es im Grundstudium, dass Staaten nur ein Gut produzieren würden, nämlich Sicherheit. Ein kurzer Blick in eine vernünftige Tageszeitung verdeutlicht, dass diese Abstraktion zu krass ist. Erhöht nun eine Beteiligung an einer UNO-Friedenstruppe die eigene Sicherheit oder nicht? Bedeutet das Zusammenbrechen der WTO-Handelsrunde mehr oder weniger Sicherheit? Und was bezweckt die Anwerbung von Spitzenkräften? Realismus lädt zum Geschichtenerzählen ein. Wenn alles, was ein Staat macht, die Sicherheit vergrößern solle qua Theorie, so gilt es nur das passende argumentative Zwischenstück zu finden. Palmer und Morgan kontern mit der Unendlichkeit aller möglichen außenpolitischen Aktionen eines Staates und subsummieren dann die Gesamtheit in die zwei größtmöglichen Gruppen: die Politikziele der Veränderung von Bestehendem und der Erhaltung des Status quo.
Diese zwei Ziele der Außenpolitik bestehen wiederum aus den einzelnen, in der Zeitung lesbaren Politiken, die dabei helfen, jeweils ein Ziel zu erreichen. Dafür werden Ressourcen benötigt, die notwendigerweise begrenzt sind zum einen durch ein beschränktes Budget (welches auch mit frappierender Neuverschuldung nicht unbegrenzt wird) und zum anderen durch die Ausgaben für Innenpolitik. Die Ressourcen werden auf die Politiken verteilt, wobei jede nur mit einer gewissen Effizienz wiederum zum Gut Änderung oder Beibehaltung beiträgt. Für den Regierungschef aggregieren sich diese Politiken mit ihren Effizienzen zu den Größen der Änderung und der Beibehaltung auf, welche wiederum unterschiedlich wichtig sind für den Gesamt-payoff.
Theorie und Empirie: Keines ohne das andere
Das Modell ist intuitiv plausibel und zugänglich dargestellt. Leser mit Mathematik- und Statistikaversion finden leicht Zugang zum Werk von Palmer und Morgan. Die empirische Überprüfung gelingt meist solide, sowohl beiden den recht banalen Hypothesen (Je stärker der Staat, in desto mehr militärische Dispute wird er involviert sein) als auch bei den vertrackteren.
Letztere finden sich vor allem bei der Außenpolitik-Substituierbarkeit. Diese Frage hatte im Kern auch den Anstoß zur Zwei-Güter-Theorie gegeben: Wenn Allianzbildung und Rüstungsausgaben das gleiche Ziel erreichen, sollten dann Staaten, die mehr Allianzen haben nicht weniger für Rüstung ausgeben? Während die Logik der von Benjamin Most und Harvey Starr Ende der 1980er aufgeworfenen Frage über ein Jahrzehnt hin nicht abgelehnt wurde, deuteten empirische Studien auf widersprüchliche Ergebnisse hin. Allianzportfolios wuchsen zusammen den Militärausgaben. Den Ausweg fanden dann die beiden Autoren Ende der 1990er: Man muss unterscheiden, wieso es überhaupt zu diesen Allianzen kam. Wenn sie aus dem Ziel herauskamen, dass man mehr verändern will aufgrund einer Präferenzänderung, so sollten Allianzen und Rüstungsausgaben gleichermaßen zunehmen.
Ein wichtiges Ergebnis der Arbeit von Palmer und Morgan ist, dass Allianzen befreiend wirken auf Staaten. Durch das Schließen selbiger werden Ressourcen frei, für andere außenpolitische Aktivitäten genutzt werden können. Ob das vermehrte Status-quo-Politik oder vermehrtes Bemühen nach Veränderung nach sich zieht, hängt davon ab, was der Staat vorher schon wollte, aber aufgrund knapper Mittel nicht tun konnte. Die Allianz vergrößert die Mittel, und der Staat kann aktiver in vorher nicht realisierten Politikfeldern agieren.
Postskriptum oder auch: Vor dem Skript
Im Buch ist vermerkt, dass das Manuskript schon 2003 fertig gestellt wurde, aber erst Anfang 2006 erschien. Dass Princeton Publishing drei Jahre brauchte, um das Buch herauszubringen, wirkt armselig. Die Inhalte des Buches waren (großteils) in den sechs Jahren zuvor in namhaften amerikanischen Journalen der International Beziehungen publiziert worden (Journal of Conflict Resolution, Journal of Peace Research u.a.). Eine schnellere Umsetzung wäre durchaus angemessen gewesen, bzw. die späte Publikation hätte Morgan und Palmer noch Zeit geben können, unpublizierte neuere Anwendungen und Tests der Zwei-Güter-Theorie bringen zu können. Das passierte nicht. Der Autoren Ideen und Hinweise zur weiteren Forschung finden sich zu Hauf am Schluss des Buches. Deren Umsetzungen wird mit Vorfreude erwartet.
Glenn Palmer und Clifton T. Morgan: A Theory of Foreign Policy.
Princeton University Press 2006, 224 Seiten
ISBN: 0-691-12359-4, $35,00
Die Bildrechte liegen bei der Princeton University Press.
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