Deutschland goes Südamerika
So groß die Enttäuschung in Brasilien und Argentinien über das vorzeitige Ausscheiden, so groß ist die Freude in Deutschland über den Einzug ins Halbfinale. Die Südamerikaner jubeln und trauern mit ihrem Team und zeigen, dass Fußball nationale Identitäten formt. Bringt uns die WM jetzt ein Stück des südamerikanischen Lebensgefühls? Von Petra Sorge
Vierzig Minuten, nachdem das 1:1 fiel, steht das Leipziger Zentralstadion Kopf. Das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien wird am Abend des 30. Juni erstmals live im bisherigen WM-Stadion übertragen. Nachdem der erste Rückstand für die Deutschen in dieser Weltmeisterschaft ausgeglichen ist, scheint die Hoffnung auf einen Sieg wieder zu steigen. Vierzig Minuten Anspannung: Immer wieder stimmen die 20.000 Fans Sprechchöre und Lieder für Ihre Fußballhelden an, wehen schwarz-rot-goldene Fahnen, schwappen Laola-Wellen und Bier übers Stadion. Vierzig Minuten Nervenstrapaze, dann die Gewissheit: Elfmeterschießen. Deutschland hält den Atem an. Wird Oliver Neuville, der erste Torschütze, den Ball sicher ins Netz befördern?
Worldcup-Konferenz im WM-Austragungsort
Vier Stunden früher und etwa acht Kilometer Luftlinie südlicher referieren zwei Professoren über “Fußball, Medien und Alltag” in Südamerika. Anlass ist die “Worldcup Conference Leipzig 2006“. Stickige Luft, ein verdunkelter Raum – Journalisten und Wissenschaftler schauen auf die Uhr, sie wollen sich zum Deutschlandspiel gute Plätze sichern. Die meisten von ihnen werden sich gemeinsam das Spiel beim “Public Viewing” ansehen. In der internationalen Atmosphäre der Konferenz wird deutlich: Es hat sich ein Stimmungswechsel angekündigt in Deutschland. Der Brasilien-Referent legt nach Vortragsende schnell sein gelb-grünes Trikot beiseite, um später ein Deutschland-Trikot anzuziehen. Selbst vor der Intelligenz macht die Fußballbegeisterung keinen Halt. Die Zeit will einen neuen Patriotismus erkennen im Gastgeberland und befindet, dass die Deutschen “verdammt normal” geworden sind.
Doch wie äußert sich diese Normalität? Ein Vergleich mit den vorzeitig ausgeschiedenen Favoriten Argentinien und Brasilien offenbart: Es ist keine Schande, sich durch die Fußballmannschaft mit dem eigenen Land in fast patriotisch übersteigertem Maße zu identifizieren. Erst als Weltmeister im eigenen Land groß gefeiert, sorgte die gestrige Niederlage der Mannschaft auf den öffentlichen Plätzen in Brasilien für Totenstille. Die Onlineausgabe der Zeitung Estado de Sao Paulo nannte die Niederlage gegen Frankreich “eine der größten Tragödien des brasilianischen Fußballs”. Vor dem Absturz in dieser Weltmeisterschaft zeigte sich seit den achtziger Jahren: “Der Erfolg der Nationalmannschaft half, die nationale Identität zu stärken”, so Lothar Mikos von der Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf”.
Die brasilianische Seele
Was als Freizeitvertreib der weißen Elite begann, weitete sich in den 1930er Jahren zum Massensport aus. Spätestens mit der Fusion der schwarzen und der weißen Fußballvereine zur Brazilian Football Federation (CBF) begann sich das Land auch nach außen hin als Ganzes wahrzunehmen. “Der Fußball wird in Brasilien als Darstellung gesehen, Kunst, Musik und Karneval sind Bestandteil und Ausdruck des Sports”, so Mikos. Der wachsende Erfolg des brasilianischen Fußballs erhielt bereits auf der Weltmeisterschaft 1950 seinen ersten Dämpfer: Die 1:2-Niederlage gegen Uruguay entpuppte sich als nationale Tragödie. Seitdem professionalisierte sich der Sport zunehmend und wurde von internationalen Sponsoren abhängig. Im letzten Jahr brachten allein Werbeverträge für Trikots 29 Millionen Euro nach Brasilien. Auch der Verkauf von Spielern ist lukrativ: Die 804 von ausländischen Clubs übernommenen Fußballprofis brachten 143,2 Millionen US-Dollar ins Land. Insofern ist der Fußball ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor geworden.
Fußball im Reggae-Land
Wie eng Fußball und Lebensgefühl in Südamerika verbunden sind, zeigte auch Donald Davis von der University of the West Indies. Mit einem einleitenden Reggae Song auf einem kleinen Transistorradio präsentierte er die Ergebnisse einer Psychoanalyse der jamaikanischen Fußball-Kampagne 1998. Die Idee der das ganze Land umfassenden Fußballeuphorie, die schon in den Schulklassen beginnt, führte zu Finanzkooperationen mit Brasilien und schließlich zur WM-Qualifikation vor acht Jahren. Aber: “Seitdem befindet sich der jamaikanische Fußball im freien Fall”, so Davis. Im Hinblick auf das rivalisierende Team von Trinidad und Tobago, das sich zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland qualifizierte, ist das für die Jamaikaner besonders bitter. Auf der Karibikinsel ist Fußball zwar ein Massensport, aber ein Sport der Schwarzen und damit notorisch unterfinanziert. “Tennis und das beliebte Kricket werden von den reichen Klassen finanziert”, erzählt Davis. “Aber die Fußballlobby muss sich erst noch entwickeln, es fehlt an Unterstützung.” In den dreißiger Jahren war Kricket ein Spiel der weißen Eliten, und damit ein Symbol der Unterdrückung.
Fußball zur Rebellion und Integration
Fußball wurde, ähnlich wie in Brasilien, zum Massensport, motiviert besonders durch das Idol Pelé, welches laut Davis zeigte: Der schwarze Mann hat das Potenzial, aus seiner Lage aufzusteigen. Die Hoffnungen der Schwarzen in Südamerika richteten sich auf den Erfolg ihrer Fußballer. Sport wurde damit zur legalen Form des Widerstands und wandelte sich mit der Professionalität zum Integrationsmotor.
Inwiefern kann nun die Weltmeisterschaft als Integrationsmotor in Deutschland wirken? Das Wir-Gefühl drückt sich aus in den WM-Partys und den La Ola-Wellen, dem Bekenntnis zur Nationalflagge und den Patriotismusdebatten von Medien und Politik. Greift mit der Fußball-WM eine neue Gelassenheit über die eigene Nationalität um sich? Kann der Fußball hierzulande, ähnlich wie in Südamerika, die Ängste und Hoffnungen, ja sogar Traumata einer Nation heilen?
Nach vierzig Minuten ist all das vergessen. Oliver Neuville trifft das erste Tor aus elf Metern, es steht 2:1. Dann der Argentinier Cruz, Ballack – und: Torhüter Lehmann hält zwei Tore. Deutschland ist im Halbfinale! Fanfaren, Freudenschreie, ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer – 20.000 Stadionbesucher im Taumel des deutschen Sieges.
Die Bildrechte liegen bei der Autorin.
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


