Deutsche Außenpolitik

08. Aug 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Hellmann.jpgGibt es noch deutsche Außenpolitik? Trotz Europäisierungs- und Globalisierungsbedingungen behält die deutsche Außenpolitik ihren Platz, meint Gunter Hellmann. Es gelingt ihm, die zunehmende Komplexität von Außenpolitik in multimethodischer Weise darzustellen. Von Christoph Rohde

Gunter Hellmann ist einer der methodisch besonders sorgfältig arbeitenden Wissenschaftler im Bereich der außenpolitischen Forschung in Deutschland. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass der Fülle der Analysen zur deutschen Außenpolitik mit seinem neuen Buch Deutsche Außenpolitik – Eine Einführung ein beachtlicher Beitrag hinzugefügt werden konnte.

Methodenpluralismus

Portrait_Hellmann.JPGHellmann (Bild links) legt eine stark theoriegeleitete Darstellung deutscher Außenpolitik vor. Dabei greift er auf einen sozialkonstruktivistischen Ansatz zurück. Das Denken in Kategorien der Macht, von Realisten vertreten, ist für ihn hingegen etwas "für Laien". Eine gewisse Arroganz in dieser Perspektive ist nicht zu übersehen, zumal Hellmann lediglich die üblichen Rezeptionen dieses Ansatzes wiederholt und sein Buch realistische Literatur nur bis zum Jahr 2002 berücksichtigt. Dabei wird vergessen, dass gerade die zunehmende Nachfrage nach Ressourcen eine Renaissance des Realismus in den internationalen Beziehungen wahrscheinlich macht. Rein ideelle Ansätze sind nicht geeignet, um die sich abzeichnenden Machtveränderungen im internationalen System zu beschreiben und zu erklären.


Geschichte von der Ersten Reichsgründung bis zur Wiedervereinigung

Hellmann versucht die Geschichte Deutschlands von der ersten deutschen Reichsgründung 1870 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu rekapitulieren – aus der Sicht des Offensiven Realismus John Mearsheimers aus Chicago. Dessen Ansatz zur Erklärung weltpolitischer Gesamtzusammenhänge ist der Prototyp eines angewandten, grobschlächtigen Realismus, der dann auch ein breites Feld für Kritiken jedweder Provenienz bietet.

Dennoch ist Hellmann zugute zu halten, dass er die Stärke des Realismus, die historisch-rekonstruktive Betrachtungsweise von Mächtegleichgewichtsprozessen, durchaus zu würdigen weiß. Es fehlt jedoch leider der Hinweis auf komplexere Realismen wie den Neoklassischen Realismus aus den USA oder den Neorealismus der Münchner Schule. Diese Denkschulen vertreten nicht den leicht angreifbaren Strukturalismus Kenneth Waltzs.

Die Bedeutung der Persönlichkeit in der Geschichte

Sehr spannend ist der Aufbau des Buches gestaltet. Die unterschiedlichen methodischen Zugriffswerkzeuge auf das Sujet Internationale Beziehungen werden von Hellmann originell, verständlich und stets empiriegesättigt dargestellt.

Der Autor vertritt ein Wissenschaftsverständnis, dass der systemischen Analyse den Vorrang vor historiographischer Methodik gibt. Dennoch weist er auf die Notwendigkeit hin, neben institutionellen Ansätzen die Rolle besonderer Persönlichkeiten in der Politik zu beachten. Dies demonstriert an den Persönlichkeiten Konrad Adenauers und Willy Brandts. Etwas gewagt sind seine Überlegungen im Sinne der Herstellung hypothetischer, alternativer geschichtlicher Entwicklungen. Was wäre passiert, wenn die "einmalige Persönlichkeit" Hitlers nicht existiert hätte? Hellmanns Hypothesen in diesem Zusammenhang sind angreifbar.

Ebenfalls anders interpretierbar ist seine Annahme, dass der Politikwissenschaftler Hans Morgenthau 
die Persönlichkeit des Staatsmannes nur als Verwalter struktureller Kräfte interpretiere. Dies trifft nur halb zu, denn Morgenthaus Gesamtwerk richtet sich in hohem Maße an die Moralfähigkeit von konkret handelnden Persönlichkeiten; besonders deutlich wird dies in seinem Werk Truth & Power.

Übergang zu systemischen Ansätzen

Die Struktur des Buches überzeugt, denn Hellmann deutet unterschiedliche Phasen der deutschen Außenpolitik mit Hilfe der Theorien, die die zeitgeschichtlichen Entwicklungen am plausibelsten erklären. Die Einbindung der Bundesrepublik Deutschland in das westliche Bündnis, in NATO und EU, lässt sich mit den Ansätzen der Internationalen Politischen Ökonomie (IPE), der Interdependenztheorie von Robert O. Keohane
und Joseph Nye sowie dem Paradigma des Handelsstaates am Besten betrachten. Deutschlands außenpolitische Integration kann nicht ohne die Strategie der "doppelten Selbstbindung" verstanden werden.

Theorien innerstaatlichen Handelns

Die Besonderheiten des deutschen Regierungssystems, die das außenpolitische Handeln betreffen, werden vom Frankfurter Professor mit Hilfe der Bürokratietheorie sowie der Theorie des rationalen Akteurs von Graham Allison und Philip Zelikow dargestellt. Besonders kenntnisreich schildern die Autoren die Planungsprozesse der Deutschen Ostpolitik, für welche Egon Bahr maßgeblich verantwortlich zeichnete wie die dramatischen Prozesse der zwei plus vier-Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung und hierbei die Frage der Mitgliedschaft Gesamtdeutschlands in der NATO. Hierbei kam es zu einem spektakulären Streit zwischen Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg und Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Weiter wird der Einfluss von Verbänden und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) auf das staatliche Handeln untersucht. Hellmann geht so weit und spricht von einer "Vergesellschaftung des Regierens" und einer "Privatisierung der Weltpolitik". Da diese NGOs überwiegend transnationalen Charakter aufweisen, verändert sich auch die Außenpolitik weg von einer rein nationalstaatlichen hin zu einer mehr transnationale Züge beinhaltenden Politik.

Politische Kultur und Diskursanalyse

Je weiter sich die Darstellung der Gegenwart nähert, desto feiner werden die analytischen Instrumente. Die Entstehung kollektiver Identitäten, gesellschaftlicher Normbildungen und die Veränderungen von Diskursen rücken in den Fokus der Analyse. Hellmann stellt zunächst die Bedeutung der politischen Kultur für die Handlungen von Nationen dar. Diese steht in enger Beziehung zur nationalen Identität. Wie nimmt ein Staat die Welt wahr? Welche Werte werden dabei betont? Was sind daraus abzuleitende Handlungsoptionen?

Plausibel wird, dass sich für die deutsche Außenpolitik eine unilaterale und Militärpolitik betonende Außenpolitik fast naturgemäß verbietet. Der Zweite Weltkrieg und die deutsche Niederlage haben diesen Präferenzwandel erzwungen. Die Diskursanalyse als methodisches Instrument hingegen analysiert den Wandel von Einstellungen in kurzer Frist. Textanalyse steht hierbei im Vordergrund. Diese Methode wird vom Verfasser am Beispiel der deutschen Out-of-Area-Einsätze durchexerziert.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Hellmanns hervorragendes Buch schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn er vermittelt nicht nur unterschiedliche theoretische Ansätze auf anspruchsvolle Weise, sondern verknüpft dieses theoretische Exerzitium mit einer gehaltvollen Analyse deutscher Außenpolitik. Auch wenn einige seiner Bewertungen (zum Beispiel bei der Anwendung der Methode kontrafaktischer Szenarien) strittig sind, tut dies dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Die sinnvolle Verknüpfung theoretischer Verfahren mit historischer und aktueller Empirie ist in bewundernswerter Weise gelungen. Zwar bleibt der Leser vor der Frage, welcher Ansatz denn deutsche Außenpolitik am Besten erkläre, unbefriedigt zurück. Dies ist aber vor allem die Folge der Tatsache, dass wir den "Boden alter Gewissheiten" längst verlassen haben.

Das Buch ist für Studierende der Politikwissenschaft und angrenzender Disziplinen, aber auch für Lehrende in dem Feld zur Strukturierung ihres Materials bestens geeignet.

Gunter Hellmann,
Deutsche Außenpolitik – Eine Einführung,
2006, Wiesbaden, VS Verlag für Sozialwissenschaft,
ISBN: 3-531-14906-7, 260 S., 21,90 Euro



Die Bildrechte liegen beim VS-Verlag (Cover) und der Universität Frankfurt/M. (Portrait). Der Verlag im Internet.


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