Der verflixte "Ismus"

20. Apr 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Paxton_Anatomie.jpgAnatomie des Faschismus heißt das neue Buch des amerikanischen Historikers Robert O. Paxton. Doch seine Analyse überzeugt nur teilweise. Von Wolfgang Mehlhausen

In den wenigen Zeilen seines ergänzenden Vorworts zur deutschen Ausgabe weist
der Autor aus gegebenem Anlass darauf hin, dass der US-Präsident noch immer
die “Herrschaft des Rechts” außer Kraft gesetzt hat und die europäischen Gesellschaften
weiter mit der Integration von Immigranten kämpfen.

Was ist Faschismus?

Portrait Paxton.jpgDie
kurze, griffige marxistische Definition des Faschismusbegriffs, die auch sicher
zu einseitig und ideologisiert ist, lehnt Paxton (links) ab. Er verweist auf
die Ursprünge des “Ismus” und vergleicht besonders genau die Entwicklung von
Faschismus in Italien und Nationalsozialismus in Deutschland. Hier findet sich
eine fast erdrückende Fülle von Fakten, Details, Namen und Ereignissen, die
zum Verständnis des Problems beitragen sollen. Auch Entwicklungen in anderen
Staaten werden tangiert, Parallelen aufgezeichnet und Besonderheiten herausgestellt.
Man könnte diese Perspektive als “vergleichende Anatomie” bezeichnen.

Naturgemäß wird der deutsche Leser bedeutend mehr über die NS-Zeit als über Mussolinis Bewegung
und den Faschismus in Italien wissen. Daher sind Paxtons Vergleiche sehr interessant.
Bemerkenswert ist hier nur als ein Beispiel seine Behauptung anzuführen, dass
nicht die “Bourgeoisie”, sondern hohe Entscheidungsträger für Mussolini bzw.
Hitler das Zünglein an der Waage beim Erringen der Macht waren: der italienische
König und Reichskanzler Franz
von Papen
. Bei der Suche auf die Antwort nach der Frage was Faschismus
ist, wird man hingegen auf das Ende des Buchs vertröstet.

Der Doppelstaat und die Rolle der Arbeiter

Überzeugend legt der Autor dar, dass der Faschismus eine Parallelität von
rivalisierendem Staats- und dem Parteiapparat schuf. Die vom bürgerlichen Staat übernommenen
Einrichtungen und Beamten waren zugleich aber auch Garant für das reibungslose
Funktionieren der Exekutive, bis hin zur Verwaltung des Verbrechens. Die Mobilisierung
der Arbeiter für die Regime wird angedeutet, Paxton erklärt hier, dass sie
keineswegs “mundtot gemacht” wurden wie in “traditionellen Diktaturen”, sondern
mit einbezogen wurden.

Die Rolle der Propaganda kommt allerdings hier zu kurz, wenig wird auch auf
die teilweise hohen Sozialstandards eingegangen, mit denen zum Beispiel das NS-Regime
die Loyalität der eigenen Bevölkerung im Krieg auf Kosten der besetzten Gebiete
erkaufte
.

Über die Rolle der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der Scheingewerkschaft
findet sich fast nichts, auf Seite 212 unterläuft Paxton gar ein grober Fehler,
in dem er deren Chef, Dr.
Robert Ley
als Leiter des NS-Reichsarbeitsdiensts bezeichnet. Den historisch
gebildeten Leser stört sicher auch, daß der Vorname des Reichsaußenministers
Frh. von Neurath
mit “C” statt K(onstantin) geschrieben wird.

Versuch einer Erklärung des Holocausts

Der Leser erfährt in diesem Abschnitt etwas über den Beginn der Judenverfolgung
und die später ständig sinkende Hemmschwelle bei den Verbrechen bis hin zum
industriellen Massenmord an Millionen Menschen. Auch zu diesem schlimmsten
Kapitel der deutschen Geschichte finden sich eine Fülle von bekannten Informationen,
allerdings auch bedenkliche Fehler. So schreibt Paxton, dass die Einsatzgruppen Spezialeinheiten
der “Armee” gewesen seinen, was man eventuell noch als Übersetzungsfehler deuten
könnte. Doch weit gefehlt. In weiteren Ausführungen geht Paxton auch auf den
berüchtigten Kommissarbefehl ein,
den die Einsatzgruppen nach seiner Interpretation erhielten. Er schreibt
weiter “diesmal erhob die Wehrmacht keinen Einspruch”!

Dass die Einsatzgruppen Himmler unterstanden und aus SS-und Polizei bestanden,
ist die eine Sache. Die andere ist, dass der Kommissarbefehl nicht
an diese ging, auch nicht an die Wehrmacht, sondern von der Wehrmacht selber,
in Person von Wilhelm
Keitel
an die Truppe erteilt wurde. Das brachte den Chef des Oberkommandos
der Wehrmacht (OKW)
Keitel schließlich mit an den Galgen, doch sein Name
wird nicht einmal im Register erwähnt. Wie dieser Massenmord mit dem Faschismus
zusammenhing, wird nicht schlüssig erklärt.

Stalin und der Holocaust

Der Autor kommt später auf dieses Thema nochmals zurück und vergleicht Stalins
Diktatur
und Massenmord mit dem der Nazis. Hier formuliert er, wörtlich: “das
sei ausdrücklich unterstrichen”, daß Hitlers Holocaust noch stärker als Stalins
Massenmorde zu verurteilen sei. Darüber kann man streiten. Doch seine Begründung
dafür ist fraglich, denn Paxton argumentiert, dass Hitler “auch bei Frauen
und Kindern keine Rettung” zuließ. Wenige Zeilen zuvor berichtet er jedoch über
Stalins Aushungerung der Ukraine 1931, wo garantiert Kranke, Alte, Frauen
und Kinder zu den ersten gehörten, die den grausamen Hungertod erlitten.

Dreimal gefragt: Was ist Faschismus?

Das Abschlusskapitel ist so benannt wie das Buch und der letzte Abschnitt
trägt nochmals diese Überschrift. Doch vergebens sucht der Leser nun endlich
eine knappe wie präzise Definition dieses “Ismus”. Stattdessen wird eine mehrere
Seiten lange Zusammenfassung dieser “vergleichenden Anatomie” geliefert. Eine
sehr umfangreicher “bibliographischer Essay” und ein großes Register beschließen
das Buch. Nur gelegentlich findet man die “psychologische Komponente”, so,
wenn Paxton erklärt, daß die Religion unter Umständen die Komponente Nation
und Nationalismus ersetzen kann, so wie bei den islamischen Extremisten. Interessant
wäre hier die Analyse des Charakters von Sekten im Vergleich zu faschistischen
oder extremistischen Bewegungen.

Fazit

Die umfangreiche Analyse von faschistischen Bewegungen außerhalb Deutschlands
und der Vergleich mit dem Nationalsozialismus ist sicher für deutsche Leser
von besonderem Interesse. Betrachtungen von außereuropäischen Diktaturen, bei
denen der Verfasser dann zur Überzeugung gelangt, sie seien nicht faschistisch,
sind manchmal verwirrend. Warum in einigen Ländern der Faschismus zur Wirklichkeit
wurde, in anderen wiederum nie eine Massenbasis erhielt, wird untersucht, aber
nicht überzeugend erklärt.

Anhand der verschiedenen kleinen Fehler zum NS-Regime, die schon von einem
Hobby-Historiker sofort entdeckt wurden, bleibt die Frage, ob es sie auch bei
den Ausführungen zu anderen Ländern gibt. Alles in allem kann das Buch jedoch
empfohlen werden, weil es zum Nachdenken anregt, was angesichts der wirklich
latenten Gefahr eines neuerlichen Faschismus sehr wichtig ist.

Robert O. Paxton
” Anatomie des Faschismus”, 2006, Deutsche Verlags-Anstalt, München,
448 S., ISBN 3-421-05913-6, 24,90 Euro

Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und der American Academy in Berlin
(Portrait). Der Verlag im Internet: www.dva.de


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