Der Norden Libanons 10/2006

31. Okt 2006 | von | Kategorie: Allgemein


Flagge_und_Coke_web.jpg Am 12. Juli begannen nach der Entführung zweier israelischer Soldaten durch Hisbollah die 34 Tage andauernden israelischen Bombardements des Libanon. Etwa zwei Monate nach dem offiziellen Waffenstillstand am 4. August reisten wir durch das Land. Ein Bericht aus dem Libanon, Teil I.Von Lisa Schwarz

Die Auswirkungen des Krieges sind im gesamten Land zu spüren; sie variieren jedoch in den größtenteils nach religiöser Zugehörigkeit segregierten Landesteilen. Im Norden konzentriert sich die Wahrnehmung der Kriegsfolgen auf den Verkehr und Tourismus.

Mobilität, ein Opfer der Bomben

Für die Fahrt von Tripolis nach Beirut, die normalerweise etwa eine Stunde dauert, müssen nun etwa vier Stunden eingeplant werden. Seit die Highways durch die israelischen Bombardements von Brücken und “strategischen” Punkten größtenteils verkehrsuntüchtig gemacht worden sind, stauen sich endlose hupende Autoschlagen auf den küstennahen Umgehungs- und kurzerhand entstandenen Ausweichstraßen.

Im gesamten Land sind 145 Brücken und etwa 600 km der Strassen nicht mehr ohne weiteres passierbar. Viele der im hauptsächlich christlich geprägten Norden wohnenden Libanesen verbringen ihre Wochenenden nicht wie vor dem Krieg in Beirut; auch fahren sie nicht mehr an die Küste zum Urlaub – zu chaotisch der Verkehr, zu teuer die seit dem Krieg um ein Vielfaches gestiegenen Benzinpreise, zu unsicher die politische Lage.



Tiefschläge für den Tourismus

Aber auch die Touristen aus anderen Ländern lassen auf sich warten. Bis Juli galt das Jahr 2006 als das beste in der Tourismusbranche seit dem 1990 beendeten Bürgerkrieg. Die Visaregelungen waren vereinfacht und für 2006 war ein Zuwachs von 20% gegenüber dem Vorjahr erwartet worden.

Die israelischen Bombardements kamen genau zu Saisonbeginn, als die Hotels in Beirut, Tripolis und in den Badeorten an der Küste auf einen neuen Ansturm von ausländischen Touristen eingestellt waren. Die Hotels und Restaurants rund um die Weltkulturerbestätten in Byblos und Tyre hatten ebenso wie die Reisegesellschaften, Taxifahrer und Souvenirverkäufer mit guten Gewinnen gerechnet. Doch es kam anders.

UN-Truppen im Abenteuerurlaub?

UN_web.jpgNachdem der Flughafen von Beirut außer Gefecht gesetzt worden war, wurden alle Flüge gestrichen, und die Touristen verließen fluchtartig das Land oder wurden von ihren jeweiligen Regierungen vor laufenden Fernsehkameras evakuiert.

Zwei Monate nach Kriegsende werden die sonst von „Touribussen“ belagerten Sehenswürdigkeiten des Landes höchstens von einigen vereinzelten Reisenden oder kleinen Grüppchen französischer UN-Soldaten auf Wochenendurlaub besucht, während die großen Hotels nach dem Abzug der Kamerateams praktisch leer stehen. Angesichts dessen mutet der Versuch der PR-Abteilung der UN reichlich makaber an, in Zeitungen für den UN-Einsatz zu werben, indem die positiven Auswirkungen ausländischer Soldaten auf die Tourismusbranche hervorgehoben werden.



Umweltkatastrophe Krieg

Doch auch andere Sektoren sind betroffen. Die Schäden in der Landwirtschaft betragen etwa 135-185 Millionen US-Dollar. Wichtige industrielle Anlagen, Elektrizitätswerke, Häfen und Wasserreservoirs wurden systematisch bombardiert.

Der Luftangriff auf das etwa 25 km südlich von Beirut liegende Kraftwerk in Dschije hatte nicht nur beträchtliche ökonomische Auswirkungen, sondern führte auch zu einer der schlimmsten Ölkatastrophen im Mittelmeer. Zwischen 10.000 und 35.000 Tonnen Heizöl liefen ins Meer – und der Ölteppich konnte aufgrund der israelischen Seeblockade nicht eingedämmt werden. Die Ölpest verschmutzte etwa ein Drittel der libanesischen Küste bis hinauf nach Syrien.

“Gott schütze die USA“, aber “f*** Syria!“    

Ungeachtet dessen geht das Leben im Norden des Landes und in den nicht von den Bombardements betroffenen Teilen Beiruts relativ ungestört weiter. Wie eh und je ist das Land gespalten. In den christlichen Dörfern des Nordens, in denen die Zahl der Kirchen jene der Einkaufsmöglichkeiten weit übersteigt und nur vereinzelte Militärkontrollposten an den Krieg erinnern, schimpfen die Leute über Hisbollah und den schiitisch-muslimischen Süden.

In dem christlich-maronitischen Dorf B’charre tragen fast alle Frauen eng anliegende Jeans oder kurze Röcke und knappe Tops. Eine von ihnen hat sich eine US-amerikanische Flagge um den Kopf geschlungen. Der Besitzer eines Restaurants erklärt uns, dass die Leute hier das Beka-Tal meiden und auch nicht in den Süden Libanons fahren würden, da dort die Hisbollah herrsche.

Ein paar Meter entfernt posieren ein paar junge Männer mit Gelfrisuren, weiten Hosen und ärmellosen Shirts, die lässig an einen Joint puffen und so laut, dass wir es auf jeden Fall hören können, immer wieder “Fuck Syria, Fuck Syria!” vor sich hinmurmeln. Ein etwa 30jaehriger Mann erklärt uns ungefragt, wie sehr er G. W. Bush und seine Politik bewundere.

Bomben zur Ermahnung

Großteile der christlichen Bevölkerung des Nordens wie auch der christlichen und sunnitischen Elite von Beirut sind traditionell prowestlich und antisyrisch eingestellt. Umso erstaunlicher war es für diesen Teil der Bevölkerung, dass auch Luftangriffe auf den Norden wie etwa die dicht bebauten Hafenviertel der christlichen Hafenstadt Jounieh geflogen wurden.

Doch anscheinend haben sie nun besser verstanden, wozu die israelische Militärführung sich offen bekennt: Die Bombardements der libanesischen Infrastruktur und Wirtschaft dienen vor allem auch dem Zweck, die Beiruter Elite davon zu überzeugen, dass ihr wirtschaftlicher Schaden hoch sein wird, wenn sie nicht mit aller Macht gegen die Hisbollah im Süden vorgehen. Und das nicht ohne Erfolg: Die klassische Führungsschicht von Beirut macht größtenteils die Hisbollah, und nicht Israel oder die USA, für die Bomben verantwortlich.

Diese scharfe Spaltung der Bevölkerung erscheint gefährlich in einem Land, in dem die Schäden eines 15jährigen Bürgerkrieges noch immer nicht vollständig behoben sind und die Wunden noch immer nicht verheilt sind.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin


Lesen Sie hier den zweiten Teil des Berichts aus dem Libanon: Zweimal Beirut


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