Der Naziprinz

16. Okt 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

cover_Machtan.jpgDer Bremer Historiker Lothar Machtan beschreibt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte des Kaisersohns August Wilhelm von Preußen, der zum “Nazi-Prinzen” avancierte. Von Wolfgang Mehlhausen


Den Lebenslauf von Wilhelm August Prinz von Preußen, auch “Auwi” genannt, darf man als tragikomisch bezeichnen, denn er hatte bis Ende der 1920er Jahre praktisch nichts geleistet oder erreicht – typisch für viele “Blaublütige”, die privilegiert geboren werden und bestenfalls repräsentative Verpflichtungen übernehmen.

Die Person des Auwi und seine Zeit beschreibt Lothar Machtan in seinem neuem Buch Der Kaisersohn bei Hitler im “Präludium”. Es folgen fünf Kapitel und ein “Abgesang”, in der Machtan das politische und schließlich physische Ende dieser sonderbaren Persönlichkeit beschreibt.



Schummel und Betrug zu Wilhelms Zeiten

Die Generation, die das Wilhelminische Zeitalter bewusst erlebt hat, lebt nicht mehr, aber viele Ältere werden sich gut daran erinnern, dass ihre Großeltern die Kaiserzeit bis 1914 oft sehr verklärt sahen und von den “goldenen Jahren” schwärmten. Schilderungen zur Lage der arbeitenden, einfachen Menschen gibt es in der schöngeistigen Literatur einige, aber was sich an Kaiser Wilhelms Hof vor und nach 1918 abspielte, ist weniger bekannt.

Der Autor beschreibt Jugend und Erziehung des königlichen Prinzen und zeichnet dabei ein hervorragendes Bild dieser Zeit aus ungewohnter Perspektive. Phantasievolle Leser werden bei der Lektüre gewiss an noch heute regierende Königshäuser erinnert und zugleich fragen, wie sich die Staatsform der Monarchie bis ins 21. Jahrhundert in vielen Ländern erhalten konnte. Auwis Lebensweg nach Beginn des Ersten Weltkriegs war blamabel. Er versagte in jeder Hinsicht, doch seine privilegierte Stellung verschaffte ihm sogar akademische Würden in unglaubhaft kurzer Zeit. Seinen “Doctor rer. Politic” verdankte er nur seinem “blauen Blute”, ebenso wie die unverdiente Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse im Rahmen seines recht unstetigen Etappendienstes. Dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging, wurde schon damals  Gegenstand von teilweise bissiger Satire.

Großzügige “Sozis”

Die Sozialdemokraten verhinderten, dass man massiv oder gar physisch gegen die Kaiserfamilie und den Adelsstand vorging, wohl bewusst in Hinblick auf den Mord an der russischen Zarenfamilie durch Lenins Bolschewiki. Unverständlich bleibt, dass die Adelskaste weiterhin riesige Geldmittel erhielt und über beachtlichen Grund- und Immobilienbesitz verfügte, noch bevor es die Fürstenabfindung im Jahre 1927 gab. Auch im Hinblick auf diese Ungerechtigkeiten ist es nur verständlich, dass viele politisch gebildete Arbeiter zur Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und später zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) abwanderten.

Auwi und die Hitlerbewegung

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg hatte Auwi ohne materielle Sorgen nun gar nichts Rechtes mehr zu tun. Der nach Bestätigung und Anerkennung Suchende fand – seine politische Heimat erst beim Stahlhelm, dann in Hitlers Bewegung. Bei den Nazis wurde er allerdings keineswegs sofort mit offenen Armen empfangen, denn die NSDAP verstand sich als “Arbeiterpartei”, auch wenn sie die Wiedereinführung der Monarchie keineswegs ausschloss.

Willkommen war Auwi aber dann doch als Aushängeschild, Repräsentationsfigur und Propagandist, um auch deutschnationale und monarchistische Kreise als Wähler zu gewinnen. So gelangte er bald zu einem hohen SA-Dienstgrad, erhielt eine niedrige Parteinummer und hatte ständigen Kontakt zu Hitler und anderen NS-Größen.

Auwi profilierte sich als Wahlkämpfer für die braunen Herren, was keineswegs die Zustimmung des Kaisers fand. Bald nach der Machtergreifung sank der Stern des Naziprinzen ebenso, wie die Rolle der Sturmabteilung (SA). Die homosexuellen Neigungen von SA-Stabschef Ernst Röhm und einiger seiner Führer waren lange bekannt, doch sie wurden nun zur Rechtfertigung der Nacht der langen Messer 1934 angeprangert. Dass auch Auwi homosexuelle Neigungen hatte, war in Hofkreisen schon lange kein Geheimnis mehr, doch er wurde nur kalt gestellt. Über gestaltenden Macht in eigentlichem Sinne hatte er trotz Dienstgrad und Funktionen ohnehin nie verfügt.

Monarchie oder Führerstaat

Auch Winston Churchill glaubte daran, dass bei einer Verfassungsänderung und Wiedereinführung der Monarchie vor 1933 Hitlers Machtergreifung hätte verhindert werden können. Lothar Machtan beweist schlüssig, dass Reichspräsident Paul von Hindenburg, der allgemein als eingefleischter Monarchist bezeichnet wird kein großes Interesse daran hatte, dass zu seinen Lebzeiten Kaiser Wilhelm II. wieder inthronisiert wird.

Portrait_Machtan.jpgSehr interessant setzt sich Machtan (Bild rechts) mehrfach mit der Frage auseinander, ob Adolf Hitler jemals ernsthaft eine Wiedereinführung einer Monarchie in Betracht zog. Immerhin glaubte Auwi sogar, dass er eine Chance habe, deutscher Kaiser zu werden. Dass Hitler schon 1939 keineswegs mehr daran dachte, wird vom Autor allerdings nicht, wie bei anderen Historikern, mit seinem Italien-Besuch in Verbindung gebracht. Diesen Quellen zufolge war Hitler geradezu angewidert, als er selbst erlebte, welche Rücksichten sein Amtskollege Benito Mussolini auf den italiensischen König nehmen musste.

Ein tragikomisches Königskind

Auwis Biographie an sich ist nicht interessant, das tragikomische Königskind ist zu unbedeutend und hat nichts Rechtes geleistet. Verglichen mit den Verbrechen anderer in jenen 12 Jahren gehörte er auch nicht zu den Schlimmsten, aber die Umstände, die den Prinzen zu einem Nazi werden ließen, sind hochinteressant.

Lothar Machtan versteht es, eine sehr komplexe Darstellung seiner Zeit zu liefern. Manche Abschnitte sind nicht einfach zu lesen und müssen regelrecht durchgearbeitet werden, um ihm in allen Gedankenläufen folgen zu können. Machtan liefert nicht nur einen Blick hinter die Kulissen des NS-Regimes und seiner Machtpolitik, sondern versteht es auch, die Rolle des sogenannten Hochadels in der Weimarer Republik und dem Nazireich zu beschreiben. Dieses wissenschaftliche Buch, das mehr als 70 Seiten an Anmerkungen enthält, kann Lesern, die  Grundkenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts besitzen, nur empfohlen werden. Die Lektüre erweitert nicht nur historische Kenntnisse, sondern regt zum Nachdenken an, was bei rein beschreibender historischer Literatur oft fehlt.

Lothar Machtan,

Der Kaisersohn bei Hitler,

(2006), Hamburg, Hoffmann und Campe Verlag,

463 S., ISBN 3-455-09484-8, 24,00 Euro


 

Die Bildrechte liegen beim Hoffmann und Campe Verlag. Der Verlag im Internet.



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