Der Nationalsozialismus und die Jugend

Das Dritte Reich war in allen gesellschaftlichen Bereichen organisiert.
Michael H. Kater untersucht die Hitlerjugend (HJ) und zeichnet das differenzierte
Bild einer Jugend, die von 1933-1945 viel zu erdulden und zu erleiden hatte.
Parallelen zur DDR-Zeit und zur Gegenwart drängen sich auf. Von Wolfgang
Mehlhausen
Michael H. Kater ist emeritierter Professor für Geschichte an der York University
in Toronto. Der Historiker ist Autor zahlreicher Bücher zum Nationalsozialismus,
in seinem neuen Werk HITLERJUGEND untersucht er Struktur, Entstehungsgeschichte
und gesellschaftliche Verankerung der nationalsozialistischen Jugendorganisation.
Dazu betrachtet er in vier Hauptkapiteln den ” Dienst
in der Hitlerjugend“, “Mädchen im Dienst der NS-Politik”, “Dissidenten
und Rebellen” und “Hitlers Jungen und Mädel an der Front”.
In einem Schlusskapitel untersucht er die Verantwortung der Jugend, Um es
gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch ist keine “leichte Lektüre”, obwohl flüssig
geschrieben und hervorragend übersetzt. Oft werden sehr ausführliche Erlebnisberichte
von Einzelfällen und lokalen Begebenheiten einer allgemeinen Einschätzung vorangestellt.
Liebe zum Detail und Komplexität
Anliegen des Autors ist es nicht, wie der Titel es verspricht, nur die Hitlerjugend
als Organisation, also deren Entstehen, Aufgaben usw. bis zum Ende des Dritten
Reichs zu beschreiben. Er geht darüber hinaus und versucht Antworten auf die
Frage zu finden, ob und in wie weit die Zugehörigkeit zu den NS-Jugendorganisationen
Auswirkungen auf das Verhalten junger Menschen in der Nazizeit und vor allem
im Kriege hatte. Dabei wird auf gravierende Unterschiede zwischen der Hitlerjugend
(HJ), dem Jungvolk und
dem Bund
Deutscher Mädel (BDM) hingewiesen.
Wer Gelegenheit hat, heute noch die Generation der Groß- und Urgroßeltern
nach den Erlebnissen in der NS-Zeit zu fragen, wird bestätigen können, dass
die alten Damen meist verklärt über die “schöne Zeit” beim BDM, von “Nordlandfahrten” und “Bastelabenden” berichten
und sich kaum an Versuche zur Indoktrination mit NS-Gedankengut erinnern -
können oder wollen. Der Autor klärt dazu auf, denn tatsächlich war der Dienst
der Mädchen keineswegs von militärischem Drill und ideologischer Ausrichtung
gekennzeichnet.
Oft drängen sich Parallelen zur DDR-Zeit und zur Gegenwart auf. Warum sollte
sich die Jugend von damals in ihren Wünschen, Ansprüchen, Lebensformen und
oft auch naturbedingter Opposition zu den Eltern und den Alten sich damals
grundlegend von heute unterscheiden? Breiten Raum nimmt die “Dissidentenbewegung” ein,
die keineswegs immer nur die Bekämpfung der NS-Ideologie zum Ziel hatte, sondern
sich dem Anspruch auf Vereinnahmung aus Prinzip entgegenstellte und eine eigene
Jugendkultur entwickelte, die der HJ-Führung nicht gefiel. In einigen Fällen
werden detailliert sexuelle Ausschreitungen geschildert, die gewiss passiert
sind, aber sicher nicht typisch für die eher prüde erste Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts waren.
Hitlerjugend – Stärken und Schwächen einer Organisation
Wer sich etwas genauer mit dem NS-System und seinen Organisationen beschäftigt
hat, weiß, dass Kompetenzgerangel, unklare Verantwortlichkeiten oder mehrfach
vergebene Aufgaben zu einem System gehörten, das zur Ineffizienz und Inkompetenz
der Jugendfunktionäre und ihrer Organisationen führte. Dies war geradezu typisch
für das NS-System, weil Hitler selbst dann oft als Schiedsrichter angerufen
wurde und Entscheidungen traf.
Der Verfasser des Buches kommt zum Schluss, dass die HJ unter dem Reichsjugendführer Baldur
von Schirach und später Arthur
Axmann ständig mit Reichsarbeitsdienst, Wehrmacht und SS und anderen
Behörden um Kompetenzen bei der Jugenderziehung kämpften. Allgemein war der
HJ-Dienst bei den Jungen nicht beliebt, entsprechend groß die Bemühungen,
sich diesem zu entziehen. Problematisch war, wie glaubhaft geschildert wird,
dass im Verlauf der Jahre immer jüngere HJ-Führer mit Ausbildung und Anleitung
von nahezu Gleichaltrigen beauftragt wurden. Gemessen an anderen NS-Organisationen
gelang es der HJ nicht, eine “effektive Jugendarbeit” zu organisieren.
Vom Pimpf zum Wehrmachts- oder SS-Mann
Nicht nur das Los der Kinder und Jugendlichen im Krieg in der Heimat, sondern
auch die Erfahrungen, die junge Menschen bei Kriegsbeginn an der so genannten
Heimatfront und später an der Front machten, werden von Michael H. Kater genau
untersucht. Ausführlich betrachtet er beispielsweise die Tätigkeit der Flakhelfer,
die noch Schüler und HJler waren, zugleich aber bei der Wehrmacht Dienst
taten. Zu diesen gehörte auch Günter
Grass. Auf Seite 146 ist zu lesen, dass er mit 10 Jahren Pimpf, mit 15
Flakhelfer und mit 17 Jahren Panzerschütze (!) wurde. Panzerschützen gab es
aber nicht bei den Flakhelfern und bei der HJ, sondern nur bei Wehrmachts-
und Waffen-SS-Einheiten.
Dies beweist, dass allgemein bekannt gewesen hätte müssen, dass der deutsche
Literaturnobelpreisträger nicht “nur” als Flakhelfer in Gefangenschaft kam.
Ein hervorragendes, wissenschaftliches Buch
Trotz der Fülle von Details und ausführlichen Beschreibungen von Einzel- und
Gruppenschicksalen ist es dem Autor hervorragend gelungen, einen fundierten Überblick
zu den Fragen zu geben: Was war die Hitler-Jugend? Was wollte sie? Was hat
sie erreicht? Er geht ausführlich auf die Situation der Jugendlichen ein, betrachtet
auch deren aktiven und passiven Widerstand und geht noch einen Schritt weiter.
Kater regt zum Nachdenken über die Beschädigung der Seele derer nach, die in
diesem System erzogen wurden. Mancher Leser wird sich selbst fragen, wie er
sich in dieser Zeit verhalten hätte. Ein Vergleich des totalitären NS-Regimes
mit dem Kommunismus ist nur unter Vorbehalten möglich, aber legitim.
Gewisse Parallelen zwischen HJ und Jugendbewegung im Realsozialismus der DDR
drängen sich auf. Bei der so genannten FDJ-Arbeit gab es ebenfalls stets große
Differenzen zwischen den Wünschen der Führung und der Basis. Tanzabende und
Wanderfahrten erfreuten sich großer Beliebtheit – nicht anders als vor 70 Jahren.
Bestimmte “Protestmeetings” wurden billigend in Kauf genommen, aber vor Massenaufmärschen
und anderen politischen Aktivitäten versuchte man sich zu drücken, ebenso wie
vor dem FDJ-Lehrjahr. Junge Leute sind eben so, wie sie sind – zu jeder Zeit.
Michael H. Kater: Hitlerjugend
(2005), Darmstadt, Primus Verlag , 288 S.
ISBN 3- 89678-252-5, 29,99 Euro
Die Bildrechte liegen beim Primus Verlag.
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