Der große Vorsitzende – das große Monster

31. Mrz 2006 | von admin | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Mao.jpgDie neue Biographie über den “großen Vorsitzenden” Mao Tse-tung von Jung Chang und Jon Halliday ist die vielleicht erste kritische Gesamtdarstellung des Gründers der Volksrepublik China. Das Buch räumt mit vielen Mythen und vorsätzlich verbreiteten Falschdarstellungen auf und liefert ein packendes Portrait eines der größten Diktatoren und Massenmörder des 20. Jahrhunderts – verantwortlich für mehr als 70 Millionen Tote. Von Norman Gutschow

Es ist erstaunlich, dass angesichts seiner historischen Bedeutung sowie der unvorstellbaren Opferzahlen bisher kaum Biographien von Mao Tse-tung vorliegen. Man kann dies mit dem schweren Zugang zu Archiven und Zeitzeugen erklären oder dem Umstand, dass die Kommunistische Partei Chinas noch immer an der Macht ist. Aber das Gefühl, uns im Westen interessieren 70 Millionen Toter Chinesen genau soviel, wie der sprichwörtliche “umgefallene Sack Reis”, wird man nicht los.

In den 60er und frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts zogen in Westeuropa viele junge Menschen mit Mao-Transparenten umher, war sein rotes Büchlein ein Weltbestseller. Mao galt als großer Guerillaführer der Dritten Welt und gleichzeitig verkörperte er durch seine Kulturrevolution (1966-1969) die “permanente Revolution”, die man damals idealisierte. Dieses Bild war und ist eine Illusion, aber dennoch brauchte es bis zum Jahr 2005 bis sich mit Jung Chang jemand an eine angemessene historische Darstellung des “Monsters mit dem Mandat des Himmels” (Hans-Peter
Schwarz) wagte.

Portrai_JungChang.jpgDie Autorin Jung Chang hat sich in ihrem Erinnerungsbuch Wilde Schwäne bereits mit dem kommunistischen China und ihrer eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt. Selbst Tochter zweier Parteikader war die 1952 geborene als junges Mädchen bei den Roten Garden und hat die Kulturrevolution am eigenen Leibe erfahren. So musste sie unter anderem als Stahlkocherin und in der Landwirtschaft arbeiten. Sie lebt seit 1978 in London, zusammen mit ihrem Mann Jon Halliday, einem Historiker und Co-Autor des Buches, der sie vor allem bei den Recherchen und zahlreichen Interviews unterstützt hat.

Trotz der eigenen Betroffenheit ist dieses Buch keine persönliche, sondern eine wissenschaftliche Abrechnung mit Mao, die sich wohltuend von verklärenden Darstellungen zum Beispiel bei Edgar Snow (1938) oder Han Suyin (1972) abhebt. Dies ist vor allem den jahrelangen Recherchen in erst jetzt zugänglichen Archiven und den Gesprächen mit Zeitzeugen – besonders jenen aus China – zu verdanken. Die zwölfjährige Arbeit hat denn auch ein voluminöses über 970 Seiten langes
Werk hervorgebracht, das dennoch kurzweilig und sehr gut lesbar ist.

Mythos und Wahrheit

Mao Tse-tung wuchs in einer Zeit der Umwälzungen auf. Gerade einmal siebzehn Jahre alt, erlebte er 1911 die bürgerliche Revolution, die einer seit 2.000 Jahren bestehenden kaiserlichen Herrschaft ein Ende setzen sollte. 1912 wurde die Republik ausgerufen und der Armeeführer Yuan Shih-kai wurde Präsident. Sein Tod vier Jahre später führte zu politischen Verwerfungen. So wurden die Militärkommandanten der Provinzen zu unabhängigen Warlords, die sporadisch Kriege führten.

In diesem politisch zersplitterten China trat Mao früh der Kommunistischen Partei bei, nicht aus Begeisterung, so Chang, sondern um Geld zu verdienen und Arbeit zu vermeiden. Bereits mit 24 Jahren lautete sein Credo: “das Land muss zerstört werden und dann neu aufgebaut … Menschen wie ich ersehnen seine Zerstörung”. Unter der Führung von Chiang Kai-Shek, gelingt es 1928 den Streitkräften der Nationalpartei (Guomindang) die Einheit Chinas wiederherzustellen. Zunächst mit den Kommunisten verbündet kommt es zum Bruch, der zum Bürgerkrieg zwischen der Nationalregierung und
der kommunistischen Bewegung führt. Chiang Kai-Shek lässt letztere niederschlagen und geht militärisch gegen die “Sowjetprovinzen” vor. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung bildet der Lange Marsch, der Mao nicht nur zum Mythos, sondern auch zum Führer der Kommunistischen Partei Chinas macht.

In den späten 1930er Jahren hat sich Mao durch willfährige Autoren (Edgar Snow) zum Guerillo und Helden des Langen Marschs stilisieren lassen. Ein Mythos, wie Chang und Halliday zeigen. Seine Unfähigkeit, 1935 in die offene Provinz Sichuan zu gehen kostet 30.000 seiner Leute das Leben, die Hälfte seiner Truppe. Die Leiden des Marsches sind keine Folge des Bürgerkrieges sondern Maos militärischer Inkompetenz.

Ebenfalls als Legende zeigt das Buch seinen Kampf gegen die japanische Besatzung Chinas (1937-45). Tatsächlich war es Mao der sich weigerte, gegen Japan anzutreten. Die Autoren enthüllen, dass viele der Generäle der Nationalisten heimliche Agenten der Kommunisten waren. Durch diese und die Hilfe aus Moskau, weniger durch eigene Kraft, gelang es Mao China zu erobern und seine Willkürherrschaft
zu installieren, die auf Unterdrückung und Massenmord aufgebaut war. So wurden allein 1949, dem Gründungsjahr der Volksrepublik China, drei Millionen Menschen umgebracht.

Mit Macht gegen das eigene Volk

Mao lebte, so die Autoren, wie ein Kaiser, mit 50 verschiedenen Privatresidenzen und Tänzerinnen als “kaiserlichen Konkubinen”, alles daransetzend China zur Supermacht zu formen. Deshalb auch der Einsatz von Truppen im Koreakrieg gegen die USA, um Stalin so zu überzeugen ihm militärische – besonders nukleare – Technologie zu überlassen. Mao veräußerte während des großen Sprungs nach vorn in den 1950ern Lebensmittel, um Waffen kaufen zu können, obwohl China die “größte Hungersnot der Geschichte” (Chang) erlebte, die 38 Millionen Menschen das Leben kostete.

Dies führte zu einer politischen Krise in der seine eigene Partei ihn 1962 zur Kursänderung zwang. Für diesen Schock des Machtverlusts sollte er sich bitter an der Partei rächen, indem er 1966 die Kulturrevolution ausrief und den Terror gegen Partei und Staat durchsetzte. Durch indoktrinierte Banden von Studenten, Schlägern und Geheimpolizisten wurde das Land einer Terrorwelle überzogen
und Eltern, Lehrer, Parteimitglieder und sonstige “Konterrevolutionäre” wurden gedemütigt, geschlagen und ermordet. Die Zerstörung der Kultur war ein weiteres Ziel dieses Wahnsinns, den Jung Chang selbst erlebte und bereits in Wilde Schwäne rekapitulierte. Weitere drei Millionen Menschen starben in dieser Zeit, bis zu Maos Tod 1976.

Das Buch zeigt eindrucksvoll die Geschichte eines der größten Massenmörder nicht nur des 20. Jahrhundert sondern der Menschheit. Vor dem Hintergrund der ereignisreichen Geschichte Chinas im letzten Jahrhundert gelingt es den Autoren das Leben von Mao Tse-tung anschaulich darzustellen. Detailreich wird der Aufstieg eines Mannes von den jungen Jahren über den Aufstieg in der Partei, seinen Sieg im Bürgerkrieg bis zu seiner totalen Herrschaft über China und seine Menschen
nachgezeichnet.

Schwerpunkte liegen hierbei auf der Persönlichkeit Maos, der vor allem darauf bedacht war sich durchzusetzen. Familie, Freunde und auch Ideen gelten ihm nichts, solange er sie nicht für sein eigenes Fortkommen nutzen kann. Der unbändige Wille, der Mao zum Führer Chinas und China zur Supermacht führte, ließ ihn jedes Opfer in Kauf nehmen und auch Millionen Tote konnten seine Zielsetzung nicht abändern. Das Leben dieses Mannes bestimmte tatsächlich das Schicksal seines Volkes. Dies haben Chang und Halliday eindrucksvoll belegt.


Jung Chang / Jon Halliday: Mao – das Leben eines Mannes – Das Schicksal eines Volkes,
Karl Blessing Verlag, München 2005
ISBN 3-89667-200-2, 976 S., 34,00 Euro

Der Verlag im Internet: http://www.randomhouse.de/blessing/


Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) und http://www.nottingham.ac.uk/iaps/conference_03.htm (Portrait
Jung Chang).


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