Der Gefahr ins Auge blicken

07. Dez 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Dschihad.jpg“Mudschahed” werden zu wollen wie sein Vater, um auf “Ungläubige” zu schießen, so stellt es sich ein Fünfjähriger aus Süddeutschland vor, wenn er einmal groß ist. Warum der Terror, wer sind sie, die uns umbringen wollen, warum hassen sie uns, was geht in ihnen vor? Diese Fragen stellen sich Souad Mekhennet, Claudia Sautter und Michael Hanfeld in ihrem neuen Buch. Von Karin Kranich

Die Journalistin Souad Mekhennet, in der BRD geboren und aufgewachsen, die ehemalige Nordafrika-Korrespondentin der ARD Claudia Sautter und der Medienredakteur der FAZ Michael Hanfeld, dessen Interessenschwerpunkte der letzten Jahre die arabischen Medien und das Internet darstellten, recherchierten drei Jahre lang, bevor sie Die Kinder des Dschihad veröffentlichten.

Das 232 Seiten starke “Reportagenbuch”, wie die Autoren es nennen, besteht aus fünf Kapiteln, illustriert mit 17 Fotografien. Welche Reprotage und welche Interviews von wem verfasst wurden, ist leider nicht gekennzeichnet. Wer mit wem auf Reisen ging, lässt sich anhand der Beiträge nicht ermitteln.

Doch alle Texte bezeugen in ihrer Authentizität den Wunsch der Autoren, den Menschen der muslimischen Welt nahe zu sein und ihren Gedanken nachzuspüren. Sie wollen erkennen, wo die Schwierigkeiten im Zusammenleben mit ihnen liegen. Denn eine diffuse Bedrohung scheint von ihnen auszugehen, die uns alle angeht. Den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern der Gefahr ins Auge zu blicken, scheint die Devise dabei gewesen zu sein.

Welche Werte sind uns wichtig?

Ein ausführliches Vorwort und das Fazit spiegeln lebhaft-eloquent die persönliche Betroffenheit der Autoren, verknüpft mit der gesellschaftlichen Relevanz des untersuchten Themas. Dabei wird es einführend in seinen vielfältigen Schattierungen ventiliert und rückblickend noch einmal auf seine wichtigsten Aspekte fokussiert: Integration unserer Einwanderer/innen, der Generationenkonflikt in muslimischen Familien, unser Bewusstsein für gesellschaftliche, auch religiöse Fragestellungen, welche Werte sind uns wichtig, wie dialogfähig sind wir diesbezüglich?

Die Autoren suchten direkten Kontakt zu Mitläufern und Sympathisanten des Dschihad, sprachen mit Familien der Attentäter und Verdächtigen. Sie besuchten islamische und islamistische Kreise in Deutschland und anderen europäischen Ländern, scheuten nicht die teils gefährlichen Wege in Jordanien, Libanon, Marokko, Afghanistan und Pakistan. Anhand von Interviews, Porträts und Reportagen wird uns das konfliktgeladene Problemfeld des Dschihad erschlossen.

Eine neue Familie im Glauben

Über den “Karikaturenstreit” und einen historischen Rückblick über “den Weg in den Dschihad” seit 1989 in Afghanistan führen die Autoren zum Zentrum des Buches: Quasi mitten in Deutschland, zum Beispiel in Ulm, finden sie die “Kinder des Dschihad”. Eine Familie verlor drei ihrer vier Kinder durch Konversion an eine islamistische Gruppe. Der älteste Sohn ist so begeistert von seiner neuen islamischen “Familie”, dass er zwei seiner drei Geschwister für die “Ulmer Gruppe” gewinnen kann. Sie nehmen arabische Vornamen an, brechen ihre Ausbildungen ab, werden zu Schulungen in Islamzentren geschickt. Von Sozialhilfe zu leben, schwäche den Westen, macht man ihnen weis. Die Eltern, hilflos gegenüber der “Gehirnwäsche” ihrer Kinder, werden gemieden als “Ungläubige”.

Im Neu-Ulmer-Multikulturhaus – eröffnet 1999, geschlossen am 28. Dezember 2005 wegen Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit – dienten moderne Medien mit indoktrinierenden Botschaften dazu, junge Menschen in vielerlei Beziehung zu Außenseitern der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu machen und auf den “Heiligen Krieg” einzustimmen.

Die Autoren sprachen mit dem Prediger (Imam), Dr. Yehia Yousif, der als Kopf des Zentrums für viele Anhänger als positive Vaterfigur fungierte, bevor er sich einem Ermittlungsverfahren gegen ihn durch Flucht nach Saudi-Arabien entzog. Er verstand sich als “Vermittler zwischen den Kulturen” und arbeitete sogar für den Verfassungsschutz Baden-Württembergs. Kritisch beleuchten die Autoren den fehlenden Informationsfluss zwischen den Behörden des Verfassungsschutzes, die auf ganz unterschiedlichem Informationsstand bezüglich der Gefährlichkeit islamistischer Aktivitäten, in diesem Fall bezogen auf die Person von Dr. Yousif, sind.

Den Gottesstaat immer als Ziel

Sodann wird über strategische und taktische Vorgehensweisen der Taliban im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und dem Norden Pakistans berichtet. Es wird deutlich, dass sie ihre Vision, einen islamistischen Gottesstaat zu errichten, nicht aufgegeben haben. Einen Teil dieser religions-politischen Mission ist die Jamia Hakkania, die Eliteschule der ultrakonservativen Taliban in der kleinen Stadt Akora Khattak im Norden Pakistans.

Hier wird der Sohn des berühmten Taliban-Führers Sami Ul Haqs interviewt. Man erfährt von den Lehrplänen der Taliban-Schule, die für die 3.000 Schüler aus ganz Pakistan und anderen Ländern verbindlich sind. Dabei stehen religiöse und arabische Erziehung, korrekte Koran-Interpretation, Abwehr der “falschen” Glaubensrichtungen, aber auch Englisch- und Computerkurse, um nur einige Fächer zu nennen, auf dem Stundenplan. 700 bis 800 Schüler verlassen jährlich den Campus, um “auf islamische Weise” weiter zu studieren, Ärzte, Politiker oder – die meisten – Prediger in Moscheen zu werden.

Die Autoren sind beeindruckt von dem gepflegten Gelände, auf dem Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude und Unterrichtsräume untergebracht sind. 1947 startete die Jamia Hakkania mit acht Schülern. Kein Zweifel, auch hier werden – ganze Scharen – von “Kindern des Dschihad” herangezogen.

Wie weiter?

Das Buch liest sich abwechslungsreich, manchmal geradezu unangenehm spannend. Es ist eine Lektüre, die stilistisch an Magazine, Journale, politische Zeitschriften erinnert. Anhand der speziellen, wirklichkeitsnah und differenziert dargebotenen Beispiele, der aufgeworfenen Fragen und der bereitgestellten Hintergrundinformationen gelingt es den Autoren zu beeindrucken, einzuführen und Denkanstöße zu geben.

Denkanstöße, die mich zu folgenden Fragen führen: Haben Sie selbst noch eine Vorstellung vom Paradies? Und könnten Sie darüber mit einem muslimischen Nachbarn sprechen? Mit einem Kind, mit einem Teenager, mit einer Frau, mit einem Mann….Wie geht es Ihnen ganz konkret mit dieser Vorstellung?

Souad Mekhennet, Michael Hanfeld, Claudia Sautter,

Die Kinder des Dschihad,

Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa,

(2006), München, Piper Verlag

240 S., ISBN10 3-492-04933-8, 14,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag. Der Verlag im Internet


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