Der geborene Reporter und die Wiedervereinigung

03. Mai 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

Palasthotel.jpg16 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung kommt nun das Buch Palasthotel. Wie die Einheit über Deutschland hereinbrach von Matthias Matussek heraus. Es erzählt eine persönliche Geschichte vom Jahr der "Deutschen Einheit". Eine unerträglich westdeutsche Betrachtung. Von Wolfgang Mehlhausen

In einer Art Vorwort erklärt Thomas Brussig, Autor der Sonnenallee, dass man zum Reporter geboren sein muss und bescheinigt Matthias Matussek, dass er dies ist. Palasthotel sei allerdings, so Brussig, eine sehr westdeutsche Betrachtung. Fürwahr, doch wie schlimm es kommen soll, ahnt man nach diesen Zeilen noch nicht.

Der "arme Wessi" im Palasthotel

Längst ist das Palasthotel abgerissen. Es verschwand noch vor anderen Hotels und DDR-Bauten, wie man sie in der ganzen Welt findet, und auch lange vor dem so furchtbar asbestverseuchten Gebäude, dem Palast der Republik. Diesem wird nun schließlich zu Leibe gerückt, bekanntlich ohne dass es ein Nutzungskonzept für die Freifläche gibt. Auf dem Gelände des ebenso furchtbaren Palasthotels ist ein West-Betonklotz entstanden. Dieser ist sicher nicht schöner, aber viel profitabler als der alte Bau, in dem Matussek in einem runden Bett nächtigen musste und von den so furchtbaren DDR-Gastronomen traktiert wurden. Diese ließen bewusst Gäste an einem kaputten Apparat hantieren und konnten ihm nicht einmal einen Mantelknopf annähen.

Die lächerlich preiswerte und oft wenig professionelle Gastronomie zu karikieren war sogar schon zu DDR-Zeiten manchmal erlaubt. Dass allerdings alle Kellner und Zimmermädchen Nichtsnutze waren, die nur die armen Gäste aus dem reichen Westen malträtieren wollten, ist nicht glaubwürdig. Satirisch berichtet Matussek über eine Geisterfahrt im Leseland und über den Buchhandel in der DDR. Hier kann man manchmal schmunzeln. Erklärt wird "Neusprech", eine Wortschöpfung für eine neue Ausdrucksweise in der untergehenden DDR, doch dieser Begriff ist nicht ins Umgangsdeutsch eingegangen. Breiten Raum nimmt das "Subventionsgrab" und Honeckers Hollywood ein, die DEFA. Überall trifft der SPIEGEL-Reporter aus Hamburg auf Dussels, Karrieristen und Wendehälse. Wer sucht, der findet – und zwar das, was er sucht. Über ehrliche und kluge Menschen, die den realen Sozialismus satt hatten, aber nicht in Jubelrufe über die "reale Marktwirtschaft" ausbrachen, findet man fast nichts. Sie existierten wohl aus dem Blickwinkel des Reporters aus Hamburg nichts. Aber schließlich erfährt man erleichtert, dass es nach Matusseks Erfahrungen in der DDR doch nicht nur Trottel, Idioten und Betonköpfe gab: Heiner Müller mag er, immerhin.

Venedig ohne Sachsen

Matussek beschreibt auch sein nicht sehr interessantes Liebesleben und eine Reise nach Venedig, die er mit der jungen Caroline unternahm. "Und das Schönste war: Italien hatte den Touristen aus der DDR die Einreise unmöglich gemacht durch allerlei Visa und Devisen-Schnickschnack. Venedig war frei von Sachsen." So schreibt der Reporter wörtlich. Die Ostdeutschen kann man eben beleidigen, sogar im Jahr 16 der deutschen Einheit.

Doch es gibt auch Gutes zu berichten. So staunt er, wie schön die Landschaft im Osten ist, als er zur Ostseeküste fuhr. Doch die haben ja auch nicht die Ossis geschaffen, nur teilweise unwesentliche Blessuren durch Klotzbauten hinterlassen. Es gab Wilhelm-Pieck-Straßen und Marxalleen, liest man, so wie Adenauer- und Heuss- und Hindenburgdämme im Westen, möchte man ergänzen. Sein Ziel: Anklam und das dortige Theater. Wenig überraschend werden dem Intendanten Bordel und dem Dramaturgen selbst für die Anklamer Theaterverhältnisse ausgesprochene Unfähigkeit bescheinigt. Kurzum: Die DDR – nur Trottel, Dilettanten und Wendehälse.

Auch seine Eindrücke vom Einheitsjahr bieten dem Leser wenig Neues oder Wissenswertes. Über Seiten erstreckt sich ein Interview mit Hermann Kant, dem DDR-Schriftstellerverbandspräsidenten, dessen Bücher einst Pflichtliteratur in den Schulen waren, doch wer erinnert sich heute noch an diesen schreibenden Funktionär?

Schwache Leistung

Die Lektüre wird leider einige Leser erfreuen. Im Osten wird das Buch denen gefallen, die zur Untersetzung der Besatzungstheorie Material brauchen und beweisen wollen, dass 1990 nicht nur unterschiedliche Wirtschaftssysteme, sondern auch Kulturen aufeinander prallten. Im Westen werden sich einige darin bestätigt sehen, dass sie aus gutem Grund den "Osten" weder vor noch nach der Wiedervereinigung besucht haben. Wer möchte sich schon zu jenen Typen setzen, die wie die Hühner auf der Stange unter einem Plakat hocken, wie das Foto auf der Umschlagseite zeigt?

Wer zum eingangs genannten Personenkreis aus Ost oder West gehört, dem kann Palasthotel empfohlen werden. Anderenfalls ist klar abzuraten. Zweifelsohne gibt es zu diesem Thema zahlreiche wesentlich lesenswertere, ausgewogenere und aktuellere Bücher. 

Matthias Matussek: "Palasthotel. Oder wie die Einheit über Deutschland hereinbrach"
S. Fischer-Verlag, Frankfurt (Main), 1. Auflage, 2005, 448 S.,
ISBN 3-421-048923-3, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei beim S.Fischer-Verlag.



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