Dem Wahnsinn so nah
Harte Kost für Kabarett-Freunde. Josef Hader tritt mit seinem aktuellen Programm Hader muss weg in der Münchner Universität auf. Von Florian Baumann
Gelacht wird hier sonst wohl weniger. Ob das an den kommenden Studiengebühren oder der Allgegenwart der Weißen Rose liegt sei dahingestellt. Das Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität ist gut gefüllt und die Stimmung ist so, wie beim Erstsemestertag. Alle sind gespannt auf den, der gleich kommen wird. Und plötzlich ist er da: Josef Hader betritt fast unbemerkt die Bühne, erzählt was von einem technischen Defekt und seinen Hoden und verschwindet wieder.
Während die Zuschauer noch grübeln, ob die kaputte Nebelmaschine schon zum Programm gehört oder nicht, beginnt die Leinwand auf der Bühne zu flackern. Per Beamer kann man an den Geschehnissen in der Künstlergarderobe teilhaben und schon ist man mittendrin im neuen Programm des kleinen zerzausten Österreichers. Beim zweiten Mal betritt Hader dann die Bühne wie ein Popstar, mit Nebel, Musik und Lichteffekten. So, wie es sich halt gehört, für einen wie ihn: Kabarettist, Regisseur und Schauspieler.
Ausflug ohne Wiederkehr
Was dann folgt, ist eine wirre Geschichte, irgendwo zwischen „grenzgenial“ und grenzdebil. Sieben doch sehr unterschiedliche Personen – alle gespielt von Joseph Hader – treffen im Laufe des Abends aufeinander und am Schluss gibt es ein Happy End. Zumindest für diejenigen, die das Stück überlebt haben. Hader selbst stirbt als erster und das alles nur weil er Batterien kaufen wollte. Der Künstler selbst ist damit gar nicht so unglücklich. Auf der Straße sterben ist wenigstens heldenhaft, nicht wie „auf’m Prater von da Lilliput-Bahn überfahren werden.“
Die Bilanz bis dahin: Werner – von einer Rektaluntersuchung noch etwas verstört – hat sich eingenässt, ein bankrotter Tankstellenbesitzer kämpft mit den flexiblen Ladenöffnungszeiten und dem Leben im Allgemeinen während die Hauptperson mit offener Schädeldecke auf der Straße liegt und langsam ausblutet. Als wären nicht schon ausreichend kaputte Figuren in dieses österreichische Roadmovie verstrickt, mimt Hader dann auch noch einen abgewrackten Barpianisten, der nicht nur stimmlich stark an Falco erinnert. Der einstige Weltenbummler mit Kreuzschifferfahrung – „Split – Dubrovnik – Split“ – führt die noch verbliebenen Charaktere an just jene Tankstelle zurück, an der das Schicksal seinen Lauf nahm und leitet damit das Ende der Geschichte ein.
Was bleibt ist Ratlosigkeit
Nach fast drei Stunden weiß man nicht so recht was das Multitalent Hader da auf der Bühne veranstaltet hat und vor allem warum. Aber irgendwie war es gut und unterhaltsam allemal. Vier Dinge konnte sollten dem Publikum wohl im Gedächtnis bleiben:
Eine richtige Liebesgeschichte braucht immer auch ein paar Leichen.
Traue weder Frauen noch dem häufig gebrauchten Konjunktiv.
Was der Dauerjahrmarkt Prater und das Leben gemeinsam haben: „Wichtig ist, dass man möglichst viel fährt.“
Jeder Ausflug endet irgendwann an einer Tankstelle.
Hader (r.) lässt sein Publikum mehr als ratlos zurück. Dabei wäre alles doch ganz simpel. Es ging um Liebe und um Hass. Um Geld und Sex und auch um Blasenschwäche bei Männern mittleren Alters. Der Feingeist mit dem derben Humor und dem dazu passenden Wortschatz will aber mehr. Er dringt in die Abgründe der menschlichen Seele vor und holt daraus alles hervor und sei es noch so ekelerregend und abstoßend. Haders Feindbild sind nicht Politiker oder sonstige Prominente. Er befasst sich mit den „halbintellektuellen Durchschnittsdeppen“, die in uns allen stecken. Menschen, die erst dann Gefühle zeigen, wenn jemand den Lack ihres Skodas – freilich mit Sonderausstattung – zerkratzen will. Die auf alles eine Antwort haben und dennoch kolossal scheitern.
Kabarett war es wohl nicht, was Hader dem gut gefüllten Audimax in München präsentierte. Eher eine postmodern inszenierte antike Tragödie. Billy Wilders Ausspruch, Humor sei eine Reise an die Grenzen des Verstandes, trifft wohl auf kaum jemanden so zu, wie auf Josef Hader. Rasant ist er dabei unterwegs, ohne erkennbares Ziel und den Wahnsinn immer im Gepäck.
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Agentur Hoanzl
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