Dauerphänomen Depression

03. Sep 2006 | von Christoph Rohde | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Depression.jpgDie Depression ist nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation auf dem Weg, zu einer Volkskrankheit zu werden. Wo liegen die Ursachen für diese Tatsache und wie können Depressionen behandelt werden? Von Christoph Rohde

Die Depression ist eine der psychischen Erkrankungen, deren Ursachen und Symptome schwer greifbar sind. Bei der Behandlung kommt es selten zu einer endgültigen Heilung, sondern in mehr als 50 Prozent zu einem Rückfall und in circa einem Drittel der Fälle zu einer Chronifizierung der Krankheit. Der Sammelband Depression – Pluralismus in Praxis und Forschung versucht, die Vielfältigkeit des Phänomens Depression aufzuzeigen. Ein Dialog zwischen Praktikern der Depressionsforschung soll den Wissenspool aller teilnehmenden Disziplinen erweitern. Dies ist dringend geboten, da der Wissenstransfer zwischen den Experten der Psychiatrie, Psychoanalyse, der kognitiven Verhaltenstherapie und weiteren Zweigen der Forschung nur gering ausgeprägt ist. Die Erkenntnisse der unterschiedlichen Disziplinen werden in 17 Beiträgen zusammengefasst, die sieben Themenfelder abdecken.

Die Anzahl depressiver Menschen nimmt zu

Bei der Depression ist es schwierig, ihre komplexen Ursachen zu erforschen. Sie liegen auf der Ebene gesellschaftlicher Entwicklungen, psychosomatischer und genetischer Prädispositionen von Individuen sowie im Bereich spezifischer Sozialisationsstörungen, denen Individuen ausgesetzt sind. Marianne Leuzinger-Bohleber weist in ihrem einführenden Beitrag darauf hin, dass allein in Deutschland 2,8 Millionen Männer und 5 Millionen Frauen an depressiven Formen leiden. Die Anforderungen der globalisierten Arbeitswelt an den Einzelnen spielten bei der Zunahme der Depression ebenso eine wichtige Rolle wie individuelle Traumatisierungen in biographischen Verläufen.

Persönlichkeitsstörungen und Sinndefizite

Das Problematische an der Behandlung der Depression resultiert aus der Tatsache, dass die Ursachen jeweils eine idiosynkratische Mischung aus Persönlichkeitsstörungen und empfundenen Sinndefiziten darstellt.

Melitta Fischer-Kern, Peter Schuster und Marianne Spring-Kremser von der Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie in Wien konzipieren für ihre Patienten individualisierte Behandlungsdesigns, die ihren psychologischen Vorgeschichten entsprechen. Diese strukturelle Auffassung von Depressionsbehandlung ist zwar kostenträchtig, führt aber nachweislich zu nachhaltigen Ergebnissen.

Individualisierte Praxis, Pluralismus in Theorieerkenntnis

Die Beiträge zeichnen sich durch Mut zur Vielfalt aus. Fundamentalistische Theoriepositionen, die auf Kosten der Patienten gehen, werden überwunden. Jo-Anne Carlyle weist auf die Notwendigkeit hin, die Ergebnisse verschiedener intellektueller Traditionen aufzunehmen. Bei der konkreten Behandlung fordert sie ein Sich-Einlassen auf die unbewussten Prozesse, die sich bei Patienten in aggressiven und zerstörerischen Handlungen manifestieren können. Als wesentlich für die Heilung depressiver Menschen sieht sie eine Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten an. Die Beziehungsfähigkeit stellt eine wesentliche Kompetenz des Therapeuten dar – ganz im Sinne von Carl Rogers.

Psychoanalyse gut entwickelt

Die Psychoanalyse erkennt Entwicklungsstörungen bei der Herstellung eines gesunden, differenzierten und realistischen Selbstbildes als Hauptursache für depressive Störungen an. Psychopathologische Störungsbilder werden dabei nicht als genetisch oder biologisch determinierte Ursachen betrachtet, sondern als Fehlentwicklungen und darauf reagierende Anpassungen, durch welche ein Patient versucht, die Unterbrechungen seiner normalen Entwicklung zu bewältigen. Die Psychoanalyse betrachtet die Depression deshalb nicht als statisches Krankheitsbild, sondern als Zusammenspiel internaler und externer Bedingungen, dessen Prozesshaftigkeit damit auf beiden Ebenen verändert werden kann.

Als Naturwissenschaft bleibt die Psychoanalyse aber nur bedingt anerkannt, so Leuzinger-Bohleber, da sie nicht vollständig auf empirische Verfahren zurückgreifen kann, sondern auch die nicht messbare “innere Welt” zum Gegenstand der Analyse macht. Die Messbarkeit der Erfolge der therapeutischen Maßnahmen ist deshalb naturgemäß schwierig.

Heinrich Deserno vom Siegmund-Freud-Institut für Psychoanalyse und ihre Anwendungen in Frankfurt untersucht die problematischen Übertragungsprozesse zwischen dem Therapeuten und seinem Klienten in einer ausführlichen Fallstudie.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die Aufteilung der Kapitel folgt sinnvollerweise den Linien der großen Therapieschulen. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden extreme Stimmungsschwankungen behandelt. Bekannt sind diese beispielsweise im Bereich manisch-depressiver Störungen. Die International Classification of Diseases (ICD) führte zu einer Abkehr von einer zu pauschalen Diagnosepraxis und spezifiziert die Krankheitssymptome.

Sehr schön werden die Ursachen affektiver Störungen, aber auch die Phasen und Elemente Kognitiver Verhaltenstherapie im Beitrag Martin Hautzingers in tabellarischer Form dargestellt. Dadurch werden die Vor- und Nachteile dieser Denkschule im Vergleich zu den anderen Schulen erkennbar. Diemit der kognitiven Verhaltenstherapie verbundene behavioristische Methode versucht, den Patienten nicht primär durch Ursachenforschung und Selbsterkenntnis zu therapieren, sondern mit Hilfe spezieller Techniken zur Verhaltensänderung. Situationen sollen anders bewertet werden, so dass auch die Reaktionen auf diese Situationen transformiert werden.

In Bezug auf die Depressionsbewältigung sollen Phasen des Grübelns und der Inaktivität in aktive Bewältigungsstrategien verändert werden. Hautzinger weist darauf hin, dass eine wirkungsvolle Depressionsbehandlung meist im Dreieck von Psychotherapie, einer adäquaten Medikation und kognitiver Verhaltenstherapie stattfindet. Anne Katrin Risch und Ulrich Stangier erweitern Hautzingers Fragestellung auf die Frage der Rückfallprophylaxe bei unipolaren depressiven Phasen.

Die Wirksamkeit von Medikamenten

Bei rund 30 Prozent depressiver Patienten wirken Anti-Depressiva nicht, so dass es zu einer chronischen Form von Depression kommt. Gerd Laux, Mitglied der Arzneimittelkommission, zeigt in seinem Beitrag, dass dieser Form der zunehmenden Depressionen nur mit einem multimethodischen Ansatz begegnet werden kann. Soziale und biologische Faktoren führen im Falle einer schweren Depression zu einer Abwärtsspirale. Der Depressive kann einen “Krankheitsgewinn” erzielen und erfindet die Rolle des Hilflosen immer neu. Dazu kann es zu massivem Medikamentenmissbrauch kommen. Medikamentöse und psychotherapeutische Maßnahmen müssen in Fällen schwerer chronischer Depression Hand in Hand gehen.

Weitere Kapitel dieses Sammelbandes beinhalten neben der Genetik affektiver Störungen auch vergleichende Psychoanalysestudien sowie die unterschiedlichen Behandlungsmethoden der Depression in mehreren europäischen Ländern.

Spezifischer Diskurs

Den Anspruch eines interdisziplinären Diskurses zum Thema Depression löst dieser Sammelband in vorzüglicher Weise ein. Allerdings sind die Beiträge weitgehend nur für Experten im Feld verständlich. Die einzelnen Kapitel sind gut gegliedert. Von besonderem Wert sind die Graphiken, die die Entwicklungsstadien der Depression in ihrer Symptomatik, aber auch die Genese von Behandlungsprozessen anschaulich machen. Abschließend wäre ein synoptisches Kapitel wünschenswert gewesen. Das Buch ist für Experten in der Depressionsforschung und der Behandlung von Depressionen gleichermaßen geeignet.

Marianne Leuzinger-Bohleber, Stephan Hau, Heinrich Deserno: Depression – Pluralismus in Praxis und Forschung

(2005), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht,353 S.

ISBN 3-52545164-4, 38,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Vandenhoeck & Ruprecht.


Optionen: »Dauerphänomen Depression« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: