Das Leben als Jude in Polen 1939-1946

20. Nov 2006 | von | Kategorie: Politisches Buch

weinstein.jpgFrederick Weinstein, als polnischer Jude seit Jahrzehnten in den USA lebend, schildert seinen Überlebenskampf im Warschauer Ghetto. Ein eindringliches Zeugnis. Von Christian Noss

Frederick Weinstein hat es geschafft. Im Mai 1946 besteigt er in Bremerhaven ein Schiff, das ihn nach New York bringt. Hinter ihm liegen sieben harte Kriegsjahre in Polen. Er hat sie als polnischer Jude überlebt. In seinem Koffer hat er ein paar beschriebene Hefte, die er in seinem letzten Kellerversteck mit seinen Erlebnissen und Eindrücken gefüllt hat. Nach sechzig Jahren liegen die Aufzeichnungen aus dem Versteck nun vor.

Sie beginnen 1939. Weinstein beschreibt die Angst vor den herannahenden Deutschen und die geplante Flucht von seiner Heimatstadt Lodz nach Warschau auf der Landstraße. Beeindruckend und bedrückend schildert er die herannahenden deutschen Flieger, die schön silbern am Himmel glänzen und binnen weniger Minuten die Straße in ein Inferno verwandeln. Sie beschießen die Zivilisten und machen das Weiterleben zu einer reinen Glückssache. Die Schilderungen des folgenden Lebens in Lodz zeugen von der doppelten Bedrohung durch die deutschen Besatzer und die mit ihnen sympathisierenden Polen, denen der Abtransport der Juden gar nicht schnell genug gehen kann.

Die zunehmend prekäre finanzielle Situation der Familie, die keine Arbeitsmöglichkeit mehr hat, führt zur Entscheidung Weinsteins, auf Arbeitssuche nach Warschau zu gehen. Hier erwarten ihn unwillig helfende Verwandte und – nach einer langen, hungrigen Phase der Arbeitslosigkeit – die absurde Situation, dass der einzige Arbeitgeber die deutschen Besatzer sind. Wieder wird das Überleben zu einer Glückssache. Morgens auf dem „Arbeitsmarkt“ muss man als Arbeitsuchender wissen, bei wem die Arbeit erträglich ist und bei wem lebensbedrohlich. Einige Arbeitgeber quälen und prügeln ihre Arbeiter so, dass es unmöglich ist, die geforderte Leistung zu erbringen. Weinstein findet schließlich eine körperlich schwere Arbeit bei einer vom deutschen Militär beschlagnahmten Autofabrik, von der er eine Zeit lang seine Lebensmittel selbst bezahlen kann. Die Atmosphäre in der Stadt ist beklemmend. Weinstein kann niemandem trauen außer sich selbst, Teilen seiner Familie und einigen wenigen Ausnahmen, die ihm das Überleben ermöglichen.



Überleben um jeden Preis

Der Vater findet unterdessen Arbeit in der abgelegenen Kleinstadt Gniewoszow, in der für Juden erstaunlich normale, für die damalige Zeit geradezu idyllische Lebenszustände herrschen. So kommen die Deutschen nicht regelmäßig hierher, um Juden abzutransportieren und – das wichtigste – es ist noch möglich zu Arbeiten. Weinstein folgt seinem Vater in diese Kleinstadt, was dem Heranwachsenden nicht leicht fällt, will er doch eigentlich den Konflikten mit ihm aus dem Weg gehen und unabhängig sein. Zwei Jahre lebt die Familie in diesem zu Warschau in krassem Kontrast stehenden „Märchenland“. Durch Berichte erfährt man dort von den organisierten Abtransporten der Juden aus anderen Orten ins Ghetto und ins Lager, was eine Atmosphäre der Angst erzeugt. Mit zeitlicher Verzögerung kommen dann die von den Berichten bekannten Zustände zu dieser Kleinstadt: Die frohlockenden Polen, die den Transport zu den Arbeitslagern selbst organisierende jüdische Gemeinde und die deutschen Besatzer gibt es schließlich auch in Gniewoszow.

Weinstein gelingt die Flucht nach Warschau, ins Warschau von 1942, als gerade das Ghetto eingerichtet wird. Wieder beginnt eine zähe Arbeitssuche unter noch schwierigeren Umständen – ein Überlebenskampf. Die Deutschen fahren durch die Stadt und töten beliebig Juden auf der Straße. Die Arbeit im Rüstungsbetrieb „Ursus“ rettet Weinstein vor der Verschleppung. Mehr als 200.000 Menschen werden binnen acht Wochen deportiert. 1943 flieht er in ein Kellerversteck jenseits der Ghettomauern, in dem er bis 1944 ausharrt.

Neben der Eindrücklichkeit der Aufzeichnungen besteht eine weitere Besonderheit in ihrer Zeitnähe, die das Buch durch seine Struktur sichtbar macht. Den größten Raum nimmt die Erzählung der Erlebnisse ein. Im Anschluss daran folgen die Notizen aus dem Kellerversteck, die noch nicht ausformuliert sind und dadurch sehr authentisch wirken. Ein Interview mit Weinstein über sein „neues Leben“ in den USA rundet dieses wichtige Buch ab. Es darf auch im Kontext der im Entstehen begriffenen „Gedenkstätte Stille Helden“ gelesen werden, die Schicksale untergetauchter Juden zeigen und das Handeln von deren Helfern darstellen wird.

Weinstein, Frederick,

Aufzeichnungen aus dem Versteck, Erlebnisse eines polnischen Juden 1939-1946,

(2006), Berlin, Lukas Verlag,

ISBN 3-936872-70-8, 578 S., 29.80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag. Der Verlag im Internet.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Nachbarn – der Mord an den Juden von Jedwabne

Der Pianist

Interview mit Adrien Brody (Der Pianist)


Optionen: »Das Leben als Jude in Polen 1939-1946« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: