Bilder aus einer anderen Welt
In diesen Tagen überschütten uns die Medien mit Bildern des inzwischen brüchigen Sarkophags, unter dem der 1986 explodierte Reaktorblock des Kraftwerks "Lenin" nahe der ukrainischen Stadt Tschernobyl noch Tausende von Jahre strahlen wird. Der Fotoreporter Igor Kostin ist nicht der einzige, der das Unvorstellbare in Bilder fasste. Doch er kam als erster und blieb am längsten. Sein jüngst erschienener Fotoband Tschernobyl. Nahaufnahme dokumentiert den GAU aus der Sicht eines Augenzeugen. Von Nona Schulte-Römer
Igor Kostin ist der Mann, der am 26. April 1986 die erste und einzige (damals zensierte) Aufnahme vom brennenden Reaktorblock machte. (Foto links) Andere sind ihm in die verbotene Zone gefolgt (eine Sammelausstellung ist bis zum 14.Mai im Berliner Willy-Brand-Haus). Robert Polidori beispielsweise fotografierte 2001 die bedrückende Abwesenheit von Menschen in zerfallenden Räumen im Sperrgebiet (bis 26.Juni im Gropius Bau in Berlin).
Doch als Igor Kostin als Fotoredakteur der Presseagentur Nowosti über die heute verbotene Zone fliegt, ist das Gebiet um den offenliegenden Reaktorkern alles andere als menschenleer: die Gegend wimmelt von Militär und Löschmannschaften, die Bewohner der Umgebung beobachten gelassen die Brandbekämpfungsarbeiten. Sie werden erst drei Tage nach dem Unglück evakuiert, die zweite Evakuationswelle folgt erst nach den Feierlichkeiten zum 1. Mai.
Helden, Selbstmörder, Betrogene oder Opfer?
Sogenannte Liquidatoren, rund 800.000 Reservisten, Arbeiter und Bauern verhinderten damals, dass der explodierte Reaktor halb Europa verstrahlte und unbewohnbar machte. Sie haben mit bloßen Händen radioaktiven Schutt beseitigt, den Reaktorbrand gelöscht und die Reste in Beton gegossen. Sie haben Dörfer evakuiert, niedergerissen und umgegraben. Viele sind auf der Stelle oder einen langsamen Tod gestorben. "Ohne sich dessen auch nur bewusst zu sein, haben sie das Unvorstellbare vollbracht", schreibt Kostin und begleitete ihren Kampf gegen die Radioaktivität mit seiner Kamera.
Die tödliche Strahlung der ersten Tage nach dem Größten Annehmbaren Unfall (GAU) hat nicht nur Kostins Fotomaterial und Kameras zerstört und graue Streifen auf den Fotografien hinterlassen, sondern auch die Schaltkreise von Räumungsrobotern lahmgelegt. Doch während die Technik versagte, blieben die Menschen vor Ort lang genug am Leben, um ohne angemessene Schutzausrüstung ihren Auftrag auszuführen. Spielt es eine Rolle, ob diese menschlichen "Roboter", wie sie selbst sich nannten, der Belohnung wegen, unwissend, heldenhaft oder selbstmörderisch fahrlässig in Tschernobyl blieben? Kostin beschreibt das Grauen aber auch den Strudel aus Heldenmut, der die Menschen vor Ort erfasste und nicht mehr losließ.
Die anderen Wirklichkeit
Igor Kostin (links) wurde er vom Sog des Ereignisses erfasst und nahm die Herausforderung Tschernobyl an. Wie unter Zwang kehrt er immer wieder trotz ärztlicher Warnungen in die verbotene Zone zurück. Dort fotografierte er, was die Regierung trotz Glasnost vertuschen wollte. Sein persönlicher Einsatz und enge Kontakte zu den Liquidatoren brachten ihn bis ins Innere des Reaktors. Später besuchte er die Sterbenden in der Moskauer Strahlenklinik ebenso wie die in die Zone zurückkehrenden Alten, die lieber sterben wollen, wo sie geboren sind, als in fremder Umgebung unglücklich zu leben.
Der Fotograf lenkt unseren Blick auf die wenigen sichtbaren Spuren der Strahlung: Operationsnarben am Hals als Folgen von Schilddrüsenkrebs, ein verstümmelter Junge im Waisenhaus, radioaktive Maschinenfriedhöfe, Straßenschilder an überwucherten Wegen. Seine Bilder zeigen mutige, tätige Menschen, nur selten erregen sie Mitleid. Sie führen keine Schreckensszenarien vor Augen, sondern öffnen ein Fenster in eine andere Welt, in der Raum und Zeit nicht mehr dasselbe bedeuten: Radioaktiver Staub oder Regenwolken kennen keine Grenzen. 24.000 Jahre beträgt die Halbwertszeit von Plutonium. 40 Sekunden dauerte der einmalige Arbeitseinsatz der menschlichen "Roboter", bevor man sie verstrahlt mit einer Urkunde nach Hause entließ.
Menschliches Versagen
Kostins Bildband dokumentiert menschliches Versagen auf verschiedenen Ebenen: Im Angesicht radioaktiver Strahlung lassen uns nicht nur unsere Sinne und unsere Körperfunktionen im Stich, sondern auch unsere Vorstellungskraft im Bezug auf die physische und zeitliche Auswirkung der Radioaktivität. Blühende, todbringende Frühlingswiesen. Kostins nüchterne Bilderklärungen ergänzen, was unsichtbar oder unvorstellbar ist.
Doch noch deutlicher tritt das Versagen eines Systems zutage, in dem durch Vertuschung und Propaganda Unfälle in Kernkraftwerken selbst vom Kraftwerkpersonal für ausgeschlossen gehalten wurden, obgleich es sie bereits vor Tschernobyl gegeben hatte. Kostins Kommentare wie Bilder verurteilen ideologischen Fanatismus und ein System, in dem Menschenleben gegen Orden getauscht und die Reaktorsicherheit der Erfüllung des Planes untergeordnet wurden. Der Fotograf versteckt sich nicht hinter seiner Kamera, sondern nutzt sie als Instrument zur Parteinahme.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Schatten des Reaktors
Im Chaos von Tschernobyl eröffneten sich dem Fotoreporter Kostin ungekannte Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten. Hier, schreibt der Reporter, habe er dem Zusammenbruch des Regimes beigewohnt. Die Todesgefahr schafft zuverlässiger Gleichheit als der Sozialismus. Seit 1987 demonstrierten die Ukrainer gegen die Lügen der Regierung und heute erkennt Kostin in der Orangenen Revolution denselben Rhythmus und Lärm der Menge: "Das alles stammt zum Teil von Tschernobyl, einem jener einzigartigen Momente er Geschichte, in denen sich ein ganzes Volk vereint."
Kostin möchte nach dem 20. Jahrestag die Faszination der Todeszone endgültig begraben und nicht mehr zum Fotografieren in die verbotene Zone zurückkommen. Ohne zu lamentieren und zu dramatisieren verändern die authentischen Fotografien und Kommentare des Augenzeugen auch unsere Sicht. Diese Bilder verzichten auf Plakativität, erklären sich nicht von selbst, sondern setzen den Expertenblick voraus. Tschernobyl, Nahaufnahme zeigt unerschrockene Katastrophenhelfer, trotzige Heimkehrer, entschlossene Demonstranten, die dem Tod ins Gesicht lachten, sich gegen ein System auflehnten und, indem sie individuell Verantwortung für das kollektive Versagen der Menschheit übernahmen, Menschenwürde und Handlungsfreiheit bewahrten. “Ungeheuer ist viel und nichts ist Ungeheurer als der Mensch.” (Sophokles, um 440 v. Chr.)
Igor Kostin: "Tschernobyl. Nahaufnahme”
Verlag Antje Kunstmann, 2006, 240 S.,
ISBN 3-88897-435-6, 24,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Verlag Antje Kunstmann.
Veranstaltungshinweise:
24.03.-14.05.2006 im Willy-Brandt-Haus in Berlin
�Tschernobyl�. Eine Katastrophe und ihre Auswirkungen. Fotografien von
Paul Fusco , Andreas Gefeller , Rüdiger Lubricht , Gerd Ludwig , Anatol Kliashchuk , Igor Kostin.
17.03.-26.06. im Martin Gropius -Bau Berlin
Robert Polidori. Fotografien.
Weiterführende Links:
http://www.iaea.org/NewsCenter/Focus/Chernobyl/
http://www.tschernobyl-folgen.de/
http://www.spiegel.de/fotostrecke/0,5538,PB64-SUQ9MTMxOTImbnI9MTA_3,00.html
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