Bewunderung und Hass
Ist der Antiamerikanismus ein globales Phänomen? Ist es die natürliche Ausgeburt des Ne ides gegenüber der stärksten Macht der Welt? Oder stellt die Kritik an der “neuen Welt” eine verkappte Selbstkritik an der eigenen Gesellschaft dar? Von Christoph Rohde.
Nicht erst seit dem transatlantischen Streit um den Irak-Krieg 2003 gibt es eine neue Welle eines polymorphen Antiamerikanismus. Misshandlungen von feindlichen Soldaten durch amerikanische GIs, Verschleppungen von Terrorverdächtigen verschiedener Nationen, das Foltern dieser in rechtsfreien Ländern und das Festhalten an der Todesstrafe sind Gründe dafür, dass die einst als “gutmütiger Hegemon” ( Josef Joffe) gefeierten USA in den Sog abgrundtiefer normativer und gesellschaftlicher Kritik von innen und außen geraten sind. Auf der anderen Seite ist es die pure Stärke des Hegemons, die naturgemäß Neider auf den Plan ruft, wie dies zumindest amerikanische Neokonservative behaupten.
Der Zeitpunkt für die Publikation eines Buchs über die Geschichte des Antiamerikanismus könnte aufgrund der Aktualität des Themas nicht besser gewählt sein. In 14 prägnanten Studien, die ein sehr ausgewogenes Kompendium ergeben, untersuchen junge Autoren aus den USA und aus Europa die verschiedenen Formen und Motivationen für einen kritischen Umgang mit der “neuen Welt” in der Geschichte. Dabei wird deutlich, dass das Denken über Amerika (USA) vom politischen Beziehungsgefüge abhängig ist, in dem sich das jeweils Kritik übende Land befindet.
Erste Ansätze zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Mit dem spanisch-amerikanischen Krieg (1898) betraten die Vereinigten Staaten die Bühne der Großmachtpolitik. Und erst mit der Wahrnehmung der außergewöhnlichen ökonomischen und politischen Macht der USA geriet die junge Nation in den Fokus der Evaluationen durch andere Mächte und Kulturen. Denn erst mit den Ambitionen Theodore Roosevelts übernahmen die USA eine wahrhaft globale Rolle. Seit mehr als einem Jahrhundert oszillieren mittlerweile weltweit die USA-Bilder zwischen hochgradiger Bewunderung und abgrundtiefem Hass.
Funktionen des Antiamerikanismus
Der Antiamerikanismus wird auf verschiedenen Feldern ausgetragen. Jan Behrends zeigt, dass eine Amerikakritik oftmals eine nach außen gewandte Selbstkritik von Nationen darstellt. In seiner radikalen Form stellt der Antiamerikanismus nicht nur einen intellektuellen Diskurs, sondern eine “zielgerichtete Mobilisierungsideologie” dar. Dies war vor allem im Kalten Krieg der Fall, als der Sozialismus seine Identität lediglich über die Konstruktion von Feindbildern (vorübergehend) herzustellen vermochte. Der Antiamerikanismus dient aber auch als intellektuelle Plattform für eine allgemeine System- oder Gesellschaftskritik, die beispielsweise eine sehr weitgefasste Globalisierungskritik umfasst. Mit antiamerikanischen Parolen lässt sich leicht Geld verdienen, wie die riesige Popularität der qualitativ minderwertigen Arbeiten Michaels Moores eindrucksvoll unterstreicht.
Sozialistische Systemkritik
Die bolschewistische Revolution in Russland im Jahr 1917 führte zur Entstehung eines alternativen antikapitalistischen Gesellschaftsentwurfs. Mit dem Begriff Antiamerikanismus ist deshalb definitorisch eine umfassende Gesellschaftskritik zu assoziieren, die die Errungenschaften des westlichen Liberalismus von sozialistischer Seite per se in Frage stellt.
Behrends zeigt in seinem Beitrag, wie Stalins Gefolgsleute versuchten, den Zusammenhalt der unterjochten Völker Südosteuropas mit Hilfe eines primitiven Antiamerikanismus herzustellen. In perfider Weise wurden die Werte der USA mit denen des faschistischen Deutschland gleichgesetzt und die Außenpolitik der Truman-Doktrin mit dem deutschen Expansionismus verglichen. Signifikant ist, dass die Sowjets mit Hilfe des Antiamerikanismus versuchten, die Westintegration von Nationen wie Deutschland und Österreich zu verhindern und diesen damit zu einer Propagandawaffe im realpolitischen Schlagabtausch des Kalten Krieges machten.
Patrice Poutrus veranschaulicht, dass die Bombardierung Dresdens von der DDR-Geschichtsschreibung verfälschend als Beispiel für den brutalen amerikanischen Imperialismus missbraucht wurde. Zusätzlich wurde der Antiamerikanismus von kommunistischer Seite häufig mit einem latenten oder offenen Antisemitismus gekoppelt.
In verschiedenen europäischen Ländern wie im Deutschland der APO stellte der Antiamerikanismus vor allem die Projektion einer staatsinternen Gesellschaftskritik dar, wie Philipp Gassert treffend vermerkt.
Signifikant ist in den verschiedenen Beiträgen, dass die offizielle antiamerikanistische Propaganda im Ostblock, aber auch in Italien und Frankreich in den fünfziger Jahren meist in krudem Gegensatz zum Empfinden der Bevölkerung stand, welche den amerikanischen Lebensstil von der Jeans bis zum Rock”n Roll begeistert nachzuahmen versuchte.
Konservative Systemkritik
Der Antiamerikanismus wurde jedoch nicht nur von “links” begründet. Rechtskonservative Kreise in Deutschland sahen in den USA eine Bastion der Oberflächlichkeit, wie Vanessa Conze in ihrem Beitrag zeigt. Der “Abendland”-Gedanke sollte konservative Werte in Europa bewahren. Der Antiamerikanismus und eine Antiwestlichkeit gehörten selbstverständlich zum Denken der Weimarer Republik und zu dem Dritten Reich. Nach dem Krieg hatte der Konservativismus seinen moralischen Halt verloren, auch wenn einige ehemalige Nazis versuchten, ihre Schuld hinter angeblich konservativen Werten zu verdecken. Doch die strategische anti-kommunistische Allianz mit den USA entzog den deutschen Nationalkonservativen jeden Rückhalt. Stattdessen kam es zu einer übergreifenden konservativen Allianz zwischen amerikanischen und deutschen Konservativen.
Staaten messen ihr Leistungsvermögen an den USA
Trotz aller Kritik am ungehemmten Kapitalismus der USA, welcher sich beispielsweise in Form des Fordismus und der enthumanisierenden Fließbandmentalität äußerte, blieben die USA im Bereich der Technikentwicklung das Vorbild, an welchem sich auch Kritiker messen lassen mussten. Vom serienmäßig hergestellten Automobil bis zur Mondlandung reichte die Bewunderung für die Innovationskraft der USA, an der auch systemische Überlegenheit postulierende “Herausforderer” wie Nikita Chruschtschow oder Mao Tse tung mit ihren Entwicklungsprogrammen kläglich scheiterten.
Aufdecken historischer Verfehlungen
Die Kritik an den USA wird meist durch historische Beispiele fundiert, wie verschiedene Autoren in dem Sammelband verdeutlichen. Dabei werden historische Verfehlungen der US-Regierungen, die für diese in der Tat kein Ruhmesblatt darstellen, kontextentkoppelt und als zwangsläufiges Ergebnis des amerikanischen Politikprozesses gedeutet. Die Anklagen reichen vom Vorwurf der Indianerausrottung über die Sklaverei und den Rassismus, von Hiroshima bis zur US-Intervention in Vietnam. In der Gegenwart werden die Fehler der Bush-Administration wie im Irak als systemimmanente Folge des globalkapitalistischen US-Expansionismus gewertet.
Doch aus diesen geschichtlichen Verfehlungen einen konsistenten Antiamerikanismus zu konstruieren erweist sich als unfaires Unterfangen, so Konrad Jarausch. Von besonderer Bedeutung ist der Antiamerikanismus für die Konstruktion einer “Europäischen Identität“, wie Markovits in seinem Beitrag verdeutlicht. Wie jede wachsende Gemeinschaft braucht auch Europa ein klares Gegenüber. Unlängst waren es Habermas, Rorty und Derrida, die in den europaweiten Demonstrationen gegen den Irak-Krieg die Geburt eines “neuen Europa” sahen. Antiamerikanische Ressentiments spielen im europäischen Staatsbildungsprozess eine bedeutsame Rolle.
Antiamerikanismus ist Grundsatzkritik
Philipp Gassert weist zurecht darauf hin, dass der Begriff Antiamerikanismus präzise definiert werden muss, soll er nicht zur Rechtfertigung jedweder tagespolitischer Kritik herhalten. Insgesamt beleuchten die Beiträge des Sammelbandes ein breites Spektrum an Ausprägungen des Antiamerikanismus. Gerade in den Zeiten, in denen die Bush-Administration ihren Krieg gegen den Terror mit selbstgerecht legitimierten Menschenrechtsverstößen exekutiert, ist es wichtig, eine klare Sicht zu behalten und tagespolitische von allgemeiner Gesellschaftskritik zu trennen. Denn die selbstreinigende Kraft im Falle politisch-moralischer Verfehlungen durch US-Administrationen kommt wie so oft aus den USA selbst. Intellektuelle wie Benjamin Barber oder Richard Sennett brillieren in der Fähigkeit zu profunder Selbstkritik.
Dies zeigt die Kraft Amerikas, das fähig ist, akute politische Krisenfälle zu transzendieren und in einen konstruktiven Reformprozess zu überführen. Einige Beiträge weichen jedoch etwas stark vom Ursprungsprojekt des Buches ab und beleuchten mehr binnensoziologische Fragestellungen. Trotz dieses Kritikpunktes ist dieses Buch ein zentraler Beitrag zum Verständnis des komplexen transatlantischen Beziehungsgefüges in seiner Genealogie. Es ist für Studenten gut lesbar, bietet aber auch Experten im Feld neueste Forschungserkenntnisse.
Behrends, Jan C.; Klimó, Arpád von; Poutrus, Patrice G., (Hrsg.)Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa,Bonn, 2005, Dietz Verlag,365 S., ISBN 3-8012-4154-8, 36,00 Euro
Die Bildrechte liegen beim Dietz-Verlag.
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