Bemerkenswertes aus den Nebenreihen

07. Mrz 2006 | von | Kategorie: Politischer Film

Zum Abschluss des Berlinale-Dossiers berichtet /e-politik.de/ über bemerkenswerte Filme in den Nebenreihen des Festivals. Von Konrad Kögler

Die Sektion Panorama des Berlinale-Festivals bietet traditionell ein buntes Potpourri gehobenen Arthouse-Kinos und möchte damit bewusst ein Gegengewicht zum mainstream-lastigeren Wettbewerb setzen. Das absolute Highlight unter diesen oft sehr politischen Filmen war Paperdolls, das zurecht den Publikumspreis von tip und radioeins gewann. Die größte Enttäuschung lieferte Bye bye Berlusconi.

Weniger Dokumentationen

2006 schafften es weniger Dokumentarfilme ins Berlinale-Programm als in früheren Jahren. Empfehlenswert ist vor allem Jeder schweigt von etwas anderem. Dieser Film von Marc Bauder und Dörte Franke porträtiert die Familien mehrerer Ex-Häftlinge, die in der DDR als Staatsfeinde verhaftet wurden. Die ruhige, nachdenkliche Co-Produktion mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF zeigt, wie unterschiedlich die Widerstandskämpfer und ihre Angehörigen mit der Vergangenheit umgehen.

Zwiespältiger fällt das Urteil über Robert Greenwalds Wal-Mart: The High Cost of Low Price aus. Der Film bietet zwar viele interessante Einblicke in die sehr dubiosen Praktiken der US-Einkaufskette, die vor allem für ein deutsches Publikum Neuigkeitswert haben dürften. Da der Konzern auch in Deutschland expandieren möchte, ist es sicher sinnvoll, sich ein Bild zu machen, mit welchen prekären Arbeitsbedingungen und Dumping-Methoden dieser "Mc Donald´s unter den Supermärkten" arbeitet.

Leider drängt sich aber gegen Ende des 100-minütigen Werks der Eindruck auf, dass Greenwald übers Ziel hinausschießt. Er fügt zu seinen berechtigten Kritikpunkten auch noch viele skurrile Details hinzu, die nur im entferntesten gegen Wal-Mart sprechen, und verrührt dies alles zu einem Pamphlet im Stile Michael Moores.

Panorama – Spielfilme zwischen Licht und Schatten

Unter den Spielfilmen im Panorama stachen vor allem Nachbeben von der Schweizerin Stina Werenfels und Lie with me des Kanadiers Clement Virgo heraus. Nachbeben blickt sehr bissig auf die Lebenslügen des reichen Banker-Milieus an der Züricher Goldküste. Was passiert, wenn die Grundhaltungen der Geschäftswelt auch auf die privaten Beziehungen übertragen werden? Wenn jeder zwischenmenschliche Kontakt mit der Familie und angeblichen Freunden nur noch als möglichst vorteilhafter Deal betrachtet wird?

Frech, lustig und mit glänzenden schauspielerischen Leistungen regt dieser Film zum Nachdenken an. Dabei ist deutlich der Geist des Theaterregisseurs Christoph Marthaler zu spüren, mit dem die Regisseurin sowie die Hauptdarsteller Michael Neuenschwander, Susanne-Marie Wrage und Bettina Stucky seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten.

Lie with me

Lie with me gross.jpgClement Virgo widmet sich in Lie with me der spannenden Frage, wie ein Beziehungsleben zwischen einer Abfolge von One-Night-Stands und der festen Bindung einer Ehe gestaltet werden kann. Mit zwei hervorragenden Schauspielern, Lauren Lee Smith und Eric Balfour, verfilmte er die Romanvorlage seiner Lebensgefährtin Tamara Fatih Berger, die in Deutschland leider nicht erhältlich ist.

Damit löste er jedoch einen Beziehungskrise aus, da seine Partnerin monierte, dass einige düstere Passagen verloren gegangen seien und das Schicksal von Leila und David ein zu harmonisches Ende gefunden habe. Dennoch ist der Film ein interessantes Gedankenspiel und wird hoffentlich viele Zuschauer finden, wenn er im April in den deutschen Kinos starten wird.

Enttäuschung aus Kurdistan

Dagegen fällt ein Beitrag wie Ü nergiz biskivin von Masoud Arif Salih und Hussein Hassan Ali aus den Kurdengebieten des Nord-Iraks deutlich ab. Es ist sicher lobenswert, wenn die Festivalleitung versucht, dem westlichen Publikum Filme aus dieser Region zugänglich zu machen. Dieser Spielfilm über kurdische Peschmerga bleibt aber doch allzu sehr in einer unreflektierten Heldenverehrung der Kämpfer mit deutlich nationalistischen Tönen stecken. Er interessiert höchstens als Momentaufnahme eines Iraks, dessen drei große Bevölkerungsblöcke auseinanderdriften. In jeder anderen Hinsicht enttäuscht er aber.

Durchwachsenes Fazit

Insgesamt bot die Berlinale 2006 viele überraschende Entdeckungen, manche schöne Leinwand-Momente, aber auch – besonders im Wettbewerb – einige bittere Ausfälle. Im Vergleich zu früheren Jahren liegt die 56. Festival-Auflage in einem guten Durchschnitt, wobei eine kleine Steigerung gegenüber dem letzten Jahr zu verzeichnen ist. Das lässt für 2007 hoffen.


Weiterführende Links:

Internetseiten der Berlinale


Zurück zum Dossier.


Die Bildrechte liegen bei der Berlinale.


Optionen: »Bemerkenswertes aus den Nebenreihen« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: