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Auf in ein chinesisches Jahrhundert? – Teil 3

Posted By freier Autor On 10. Oktober 2006 @ 12:34 In Internationale Politik | No Comments

Die Angst geht um. Angst vor einem erstarkten China, das nach Einschätzung mancher Experten dabei ist, sich zur alleinigen Supermacht des 21. Jahrhunderts aufzuschwingen. Der Bedeutungsverlust des Westens gilt dabei als ausgemacht. Für eine realistische Perspektive bleibt in dieser aufgeregten Debatte jedoch kaum Raum. Ein Kommentar in drei Teilen von Daniel Müller – Teil 3: Äußere Herausforderungen

Nicht zuletzt muss eine Weltmachtrolle auch politisch und militärisch unterfüttert werden. Wenngleich auch in diesem Bereich verstärkte Anstrengungen der Pekinger Führung zu registrieren sind – die weitere Erhöhung des Militärhaushaltes und die im großen Stil vorangetriebene Modernisierung der Seestreitkräfte weisen in diese Richtung – ist das Land noch Lichtjahre von der amerikanischen Dominanz entfernt.

Auch zeigt China nur selektiv Interesse an Vorgängen außerhalb seiner unmittelbaren Einflusszone. Eine Weltmacht dagegen – nomen est omen – engagiert sich global. Bei der Übernahme von Verantwortung für globale Sicherheitsfragen, etwa bei UN-Peacekeeping Operationen [1], agiert das Land noch sehr verhalten. Oberste Priorität wurde bisher vielmehr der Integration in multilaterale Regionalorganisationen wie z. B. im Zuge des ASEAN [2] plus 3 Prozesses beigemessen, was darauf hindeutet, dass die Führung einen primär regionalen Fokus besitzt.

Freerider oder Trendsetter?

Auch wenn China mittlerweile versucht, seinen Einfluss stärker im Rahmen von Internationalen Organisationen geltend zu machen, so erfolgt diese Strategie doch eher im Stile eines Freeriders, denn eines Trendsetters – der Multilateralismus ist rein instrumentell. Zur Etablierung einer Alternative zum gegenwärtigen US-dominierten globalen Ordnungssystem scheint China auf absehbare Zeit daher kaum in der Lage. Eine Weltmacht muss über schlichte ökonomische Stärke hinaus auch zur Bereitstellung von internationalen öffentlichen Gütern wie Stabilität und Erwartungssicherheit willens und fähig sein.

Darüber hinaus zeigt sich insbesondere bei der Frage, wie Regierungs- und Steuerungsleistungen in einer globalisierten Weltwirtschaft (Global Economic Governance [3]) zu erreichen sind, dass Einzelführung noch so mächtiger Staaten unter posthegemonialen Voraussetzungen den Anforderungen einer interdependenten Welt nicht mehr gerecht werden kann. Dieser Punkt weist darauf hin, wie kurz gegriffen die gegenwärtige Weltmacht-Debatte verläuft. Sie folgt den alten, mechanischen Denkmustern des 19. und 20. Jahrhunderts. Erfolgreiche Welt(macht)politik setzt heute vielmehr die Kunst zum coalition building in einem komplexen Mehrebenensystem voraus.

Hegemoniale Konkurrenz: Die Taiwan-Frage

Die meisten Analysen unterstellen dem Land zudem kurzerhand einen inhärenten expansiven Drang, der sich aus seiner Geschichte so jedenfalls nicht ableiten lässt. Von der heiklen Taiwan-Frage [4] einmal abgesehen, wird sich China in absehbarer Zeit wohl zuvorderst auf die Konsolidierung seiner bisher erreichten Erfolge konzentrieren. Hierbei könnte sich die kompromisslose Forderung nach einer Vereinigung des demokratischen Taiwans mit dem kommunistischen chinesischen Festland als schwere Hypothek erweisen.

Die Führung hat durch ihre aggressive und stark nationalistisch aufgeladene Rhetorik eine derart hohe Erwartungshaltung erzeugt, dass alles andere als ein Erreichen der Maximalforderung als massiver Gesichtsverlust gedeutet würde. Für eine strategische Raffinesse im Sinne der Offenhaltung eines Manövrierraumes zum politischen Terraingewinn spricht dieses Vorgehen nicht unbedingt. Spannungen mit der regionalen Ordnungsmacht, den USA, werden auf diese Weise noch verschärft. Auch hier muss China also noch langwierige Lernprozesse durchlaufen, um irgendwann einmal eine Weltmachtstellung einnehmen zu können.

Rivalität in Ostasien

Völlig unklar bleibt im Moment zudem die Frage, wie sich die machtpolitische Rivalität in Ostasien auf die chinesische Entwicklung auswirken wird. Japan wird sicher nicht untätig zusehen, wenn der Nachbar neben einem ökonomischen Übergewicht auch eine politische Vorherrschaft anstreben wird. Obwohl die gegenseitige ökonomische Verflechtung die Aushandlung eines Modus vivendi nahe legen würde, sind in Anbetracht einer ausgebliebenen Aufarbeitung und Aussöhnung nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einige beunruhigende Szenarien denkbar, wobei sogar kriegerische Auseinandersetzungen im Bereich des Möglichen liegen. Die angesammelten historischen Lasten bergen hohe Sprengkraft.

Realismus ist gefragt

Der Aufstieg Chinas zu einem wichtigen internationalen Akteur erfordert in der Tat ein sorgfältiges Nachdenken über die langfristigen Auswirkungen dieses historischen Vorgangs. Allerdings ist die Sensationsheischerei in den Medien genau wie die Beschwörung vermeintlicher Sachzwänge vonseiten der Politik unangebracht. Die Risiken sind evident.

Man tut weder sich selbst noch der chinesischen Führung einen Gefallen, wenn völlig unreflektiert und voreilig ein China-Hype veranstaltet wird. Er verdeckt den Blick auf die eigenen Vorzüge und übersieht die Schwächen des chinesischen Modells. Angesichts der gestiegenen Bedeutung Chinas ist es wichtig, mögliche Instabilitäten zu vermeiden, die nicht nur im ostasiatischen Umfeld, sondern auch in den globalen Handels- und Finanzbeziehungen für Turbulenzen sorgen könnten. Voraussetzung hierfür ist in erster Linie eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Die leichtfertige Diskussion um die Aufhebung des EU-Waffenembargos [5] zeugte beispielsweise nicht von einem ausgeprägten Problembewusstsein. Auch auf die chinesische Strategie, die Rohstoffsicherung durch eine völlig ungenierte Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimen wie z. B. dem Sudan zu sichern, hat der Westen noch keine Antwort gefunden. Neben einer realistischen Perspektive bedarf es vor allem eines koordinierten Vorgehens des Westens. Nicht die Jagd nach vermeintlichen Marktchancen, sondern die Verteidigung gemeinsamer Interessen sollten im Vordergrund stehen, nur so lässt sich dieser strategischen Herausforderung begegnen. Ein chinesisches Jahrhundert wird das 21. alles in allem wohl nicht werden, ob das 22. ein solches werden kann, ist offen.


Zum ersten Teil dieser Serie: Wunschbilder und Realität [6]

Zum zweiten Teil dieser Serie  Innere Probleme [7]


Die Bildrechte sind gemeinfrei.


weiterführende Literatur:

Ian Buruma, Chinas Rebellen. Die Dissidenten und der Aufbruch in eine neue Gesellschaft, München 2004

Shuxun Chen / Charles Wolf (Hrsg.), China, the United States, and the Global Economy, Santa Monica 2001

George Gilboy, The Myth Behind China´s Miracle, in: Foreign Affairs 83, 2004, 4, S. 33  48

Saskia Hieber, China – regionale Großmacht oder Supermacht?, in: Michael Piazolo (Hrsg.), Macht und Mächte in einer multipolaren Welt, Wiesbaden 2006, S. 107  139

Ulrich Menzel, Asien: Die Renaissance des Staates und die Diskussion um das asiatische Wirtschaftswunder, in: Ders., Paradoxien der neuen Weltordnung. Politische Essays, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 2. Auflage 2006, S. 188  214

Herfried Münkler, Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom alten Rom zu den Vereinigten Staaten, Berlin 2005

Eberhard Sandschneider, Anleitung zur Drachenpflege. Vom Umgang des Westens mit dem schwierigen Partner China, in: Internationale Politik 60, 2005, 12, S. 6  13

Rüdiger Voigt, Weltordnungspolitik, Wiesbaden 2005


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[1] UN-Peacekeeping Operationen: http://www.un.org

[2] ASEAN: http://www.asean.org

[3] Global Economic Governance: http://www.unctad.org/Templates/Page.asp?intItemID=3920&lang=1

[4] Taiwan-Frage: http://www.chinabotschaft.de/det/zt/zgzfbps/t94421.htm

[5] EU-Waffenembargos: http://www.europaweb.de/europa/03euinf/04AUS_BU/euchinwa.htm

[6] Wunschbilder und Realität: http://www.e-politik.de/modules.php?op=modload&name=News&file=article&sid=877&mode=thread&order=0&thold=0

[7] Innere Probleme: http://www2.e-politik.de/lesen/artikel/auf-in-ein-chinesisches-jahrhundert2/

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