Apocalypse now!!!

08. Feb 2006 | von Peter Eitel | Kategorie: Sicherheitspolitik

Sarajevo_Attentat.jpgZwei eher nebensächliche Vorfälle hatten zwei verheerende Kriege zur Folge. Der Prager Fenstersturz 1618 und das Attentat auf den österreichischen Thronfolger 1914. Beide mobilisierten die Massen auf Grund ihrer medialen Symbolwirkung. Das haben auch die in europäischen Zeitungen veröffentlichten Karikaturen des Propheten Mohammed. Und auch sie werden Krieg zur Folge haben, einen globalisierten clash of civilizations. Von Peter Eitel
Der Sturz zweier Vertreter des heiligen römischen Reiches aus einem Fenster der Prager Burg war Anlass zum Ausbruch des 30-jährigen Krieges. Lange vorher aber schon machte sich Unmut bei den Tschechen breit. Eine starke, soziale, nationale und protestantische Bewegung, geführt von Jan Hus, entlud ihre Unzufriedenheit an der andersgläubigen deutschen Oberschicht, indem sie zwei Gesandte aus dem Burgfenster stürzten. Der regionale Schwelbrand wurde zu einer europaweiten Feuersbrunst: dreißig Jahre Krieg und Schrecken, beendet erst durch den Westfälischen Frieden 1648.

Das Attentat von Sarajevo

Auch das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger war motiviert von einer kulturell-ideologischen Separatistenbewegung. Trotz der Bemühungen der europäischen Mächte war der tödliche Schuss eine Initialzündung für die breite Bevölkerung. Das daraus resultierende Moment der Masse konnte nicht mehr aufgehalten werden. Die Soldatenfriedhöfe in Verdun vermitteln dem Betrachter heute nur einen Teil des zerstörerischen Ausmaßes der Kriegshandlungen.

Die islamische Welt ist ebenso unzufrieden mit ihrer Situation heute wie es damals Tschechen oder Serben waren. Jetzt haben auch sie ihren symbolischen Funken, und er wird kein Strohfeuer verursachen.

Blockbildung auf beiden Seiten

Die Karikaturen des Propheten Mohammed geben der islamischen Bevölkerung weltweit ein solidarisches Gefühl der Unterdrückung, das Gefühl, mit den Füßen getreten worden zu sein. Trotz der vielen verschiedenen Strömungen innerhalb des Islams bleibt so festzuhalten: Ein Block bildet sich heraus, und er schreit vor Wut. Und dieser Block besteht eben nicht nur aus vereinzelten Fundamentalisten, sondern aus jedem ernsthaften Muslim. Von Indonesien bis nach Marokko sind sie geeint in der Überzeugung, dass der Prophet über allem Weltlichen steht. Eine ideologische Überzeugung, die sie in ein Wir verwandelt, und uns in ein Sie. Da jeder Einzelne Teil des Wir ist, bedeutet das Wir zu verteidigen, sich selbst zu verteidigen. Das galt 1618, das galt 1914 und das gilt 2006. Der Wille der Masse wird auch durch Entschuldigungen auf westlicher sowie Beschwichtigungen auf eigener Seite unaufhaltsam sein.

Vergleichbare Reaktion des Westens

Er besinnt sich auf die Werte, die es zu verteidigen gilt: Säkularisierung, Rechtsstaat, Demokratie. Die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wartet am 05.02.2005 auf der ersten Seite mit “Muslime werden immer militanter” auf. Langsam bewegt sich auch die träge Masse der aufgeklärten Welt hin zur Überzeugung, der Islam sei eine existentielle Bedrohung für das Fortkommen der eigenen Kultur. Dazu: Der Iran baut die Bombe, Pakistan hat die Bombe, der Irak implodiert, die Hamas regiert in Palästina und unsere Botschaften brennen. Der iranische Präsident leugnet den Holocaust und verbietet unserer Kanzlerin das Wort. Angst greift um sich – vor dem Islam, vor dem Verlust des eigenen Wertekanons. Das vermeintlich Gute der westlichen Wohlstandsgesellschaft – Frieden und Wohlstand – wird mit Füßen getreten. Wut wird um sich greifen.

Globalisierter clash of civilization

Bei allen geschichtlichen Analogien, jede Zeit hat ihre Neuerungen. Das gilt auch und insbesondere für Kriege. So bestätigen die satirischen Zeichnungen Mohammeds Huntingtons These des clash of civilizations. Die neuen Konfliktlinien sind nicht mehr die nationalen, sondern die kulturellen Grenzen. Viel mehr und viel schlimmer: Die Konfliktparteien werden sich ganz im Sinne der Globalisierung grenzenlos bekämpfen. Und sie bestätigen auch das Übel im Menschen: Nicht nur zoon politikon, nicht nur homo oeconomicus, sondern auch regiert vom Trieb zum Selbsterhalt. Im Ergebnis bleibt keine bipolare “kalte” Konfrontation, sondern ein globalisierter Krieg.


Hier geht es zu der Gegendarstellung: Es wird keinen gewaltsamen Konflikt geben
Hier geht es zu der Übersicht: Globalisierter Krieg oder Staatsräson?


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