Zurück zur Figur
Sie mischen derzeit den internationalen Kunstmarkt kräftig auf: junge Maler aus Leipzig. Mit ihren gegenständlichen Bildern stellt die "Neue Leipziger Schule" Fragen an ihre Umwelt. Damit schaffte es dieser Stil sogar schon bis ins MoMA und wurde zum derzeit gefragtesten auf dem Kunstmarkt. Von Stephan Radomsky
Sie liegt sehr schön, mitten im Herzen von Leipzig: die Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Und nicht nur die Lage in der Wächterstraße ist schön, so zwischen Bundesverwaltungsgericht und Uni-Bibliothek, sondern auch die Bilder ihrer Absolventen. Dieser Meinung sind zumindest viele Kunstsammler und Kuratoren. Die Bilder sind gegenständlich, zeigen die Welt so, wie sie die Schöpfer der Kunstwerke sehen. Aber die Realität wird nicht einfach hingenommen, sondern neu hinterfragt. Eine Kultur, die in der bundesdeutschen Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend verloren ging. Ähnlich wie in der Bauhaus-Zeit, die den Schrecken des Ersten Weltkrieges die kalte und nüchterne Funktionalität entgegensetzte, galt nun die Figur als Sünde.
Aus der Wächterstraße ins MoMA
Den erfolgreichen Anfang machte der junge Maler Neo Rauch (Motiv rechts). Zunächst nur vom Leipziger Galeristen Gerd Harry Lybke, genannt Judy, ausgestellt, hängen seine Bilder jetzt sogar schon im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Und das, obwohl die Anfänge für die Leipziger alles andere als rosig aussahen. Mit dem Fall der Mauer wurden die Professoren und damit auch die jungen Künstler an der HGB in eine neue Kunstwelt geworfen. Malerei an sich war "out", wer etwas auf sich hielt machte Kunst mit einer Foto- oder Videokamera, produzierte möglichst kontroverse Installationen oder versuchte auf andere Art die Kunst neu zu erfinden. Die althergebrachte, handwerkliche Kunst versetzte kaum jemanden in Entzücken. Außer eben "Judy" Lybke. Er erkannte das Neue und den Wert in den Bildern Neo Rauchs und förderte ihn.
Von da an ging es bergauf: Über europäische Kunstmetropolen wie München und Zürich ging es über den großen Teich. In New York lobte ihn die allmächtige New York Times und schon war er bekannt und bald auch im MoMA. Ein großes Ölbild kostet inzwischen um 180 000 Euro.
"Nicht die Lücken im Kunstmarkt suchen, sondern ihn selbst mitbestimmen.”Doch nicht nur von außen kam die Unterstützung für die Malerei. Porträtieren, Zeichnen und Akte malen blieben trotz der ungastlichen Atmosphäre auf dem Kunstmarkt im Lehrplan erhalten. Die Schüler an der Kunsthochschule sollten ihr Fach weiter im alten Stil erlernen. Doch nicht nur der handwerkliche Aspekt stand für Professor Rink, den ehemaligen Leiter der HGB, der heute als Vater des Erfolges gilt, im Vordergrund: “Ich habe damals zwei flotte Sprüche gemacht”, sagt er. “Der eine war, ich möchte diese Schule als Rektor nach Europa bringen. Ich wusste nicht so genau wie man das macht. Und der andere war, wir wollen nicht die Lücken im Kunstmarkt suchen, sondern wir wollen ihn selbst mitbestimmen.”
Und so hat die HGB nicht nur Neo Rauch als erfolgreichen Absolventen vorzuweisen. Auch der 33-jährige Maler Tim Eitel (Foto links) hat Ende des Jahres 2005 eine große Einzelausstellung in den USA. Sechs großformatige Werke werden in St. Louis zu sehen sein. Nur fertigstellen muss er sie bis dahin noch. Außerdem gibt es da noch Jörg Herold und Matthias Weischer, beide ebenfalls von Lybke vertreten, die als vielversprechende Newcomer aus Leipzig gelten.
“Neue Leipziger Schule”
So spricht man, in Anlehnung an die Gruppe um Werner Tübke, inzwischen schon von der "Neuen Leipziger Schule". Und das rund um die Welt. Diese Stilrichtung gilt momentan als die begehrteste auf dem globalen Kunstmarkt. Offensichtlich ist also die Vorherrschaft der Installationen endgültig gebrochen, die konkrete Malerei nicht mehr nur etwas für verstaubte Sammler.Die Bildrechte liegen bei VBK, Wien (Rauch) und der Marion-Ermer-Stiftung (Eitel).
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