Zur freien Verfügung

16. Mai 2005 | von | Kategorie: Museen und Bibliotheken

119_1961.jpgDas Holocaust-Mahnmal in Berlin ist vergangene Woche eröffnet worden. Ein Besuch zeigt: Die 2.711 Betonstelen sind nicht nur zum Mahnen da. Der Architekt heißt sogar Hakenkreuze darauf gut. Von Dominik Schottner

Natürlich war man vorbereitet. Ausgerechnet Degussa, jene Firma, die während der Naziherrschaft das Gas Zyklon B herstellte, mit dem die Juden in den Konzentrationslagern ermordet wurden – ausgerechnet Degussa also hatte den Graffitischutz für das Holocaust-Mahnmal in Berlin produziert. Der Streit darum ist freilich längst beigelegt, der Graffitischutz längst aufgetragen. Und trotzdem stehen Herr Seibling, Frau Wack und Frau Hoyer vor einer Stele des Holocaust-Mahnmals, etwa in der Mitte des Feldes nahe des Potsdamer Platzes, und diskutieren. "Ich würde es wegmachen", sagt Frau Wack und deutet mit ihrem Finger auf ein Anarchie-A, das Unbekannte auf eine Stele gekritzelt haben. "Wees nich. Ick wees echt nich", entgegnet Herr Seibling, ein Sicherheitsbeamter mit Schulterklappen und einem Block in der Hand. "Na, kieck ma", fällt Frau Hoyer ein und tippt auf Herrn Seiblings Block: "Da ham wa det ooch wegjemacht, also machen wa ditte hier ooch weg." Die Drei einigen sich schließlich auf "Wegmachen" und verschwinden wieder in den Schluchten des Mahnmals.

Stimmung wie in Rothenburg ob der Tauber

Wenige Tage nach der Eröffnung des Mahnmals umgibt die 2.711 Beton-Stelen eine Mischstimmung, wie sie nur ein touristischer Besichtigungsort produzieren kann. Kinder spielen Fangen, Kunststudentinnen hocken zwischen den Stelen auf ihren Dreibeinern und zeichnen, Geschäftsmänner in Anzügen nutzen die Mittagspause, um Wissenslücken zu schließen. Man ist versucht, ein bisschen Ernsthaftigkeit vorzugaukeln und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen die wellenartigen Gänge zu durchschreiten, das deutsche Schuldbewusstsein symbolisch tragend. Allein: Es gelingt nicht. Es mag an der Sonne liegen, die diesen Maitag frühsommerlich erwärmt, an den Kindern, die jauchzend der Erschöpfung entgegenspielen, an den kleinen Japanern und den dicken Amerikanern, die wie in Rothenburg ob der Tauber alles auf die Speicherkarten ihrer Digitalkameras bannen. Egal, was es ist: Eine Friedhofsstimmung mag zum Glück nicht aufkommen. Und auch die "sophisticated" Stimmung, die sonst Museen beseelt, sucht man vergebens.

Zwischen Hakenkreuz und Marathonlauf: Das Mahnmal ist für alle da

eisenman.jpg
Peter Eisenman
Losgelöst von den Diskussionen der Feuilletons, eröffnen sich dem Besucher des Mahnmals so völlig neue Fragestellungen: Welche Möglichkeiten bietet das Mahnmal? Wäre es unanständig, auf den Stelen statt zwischen ihnen zu wandern? Wie käme wohl ein Marathonlauf in den Schluchten an? Wo liegt die Grenze des Zumutbaren? Wo die der Toleranz der Initiatorin Lea Rosh und des Architekten Peter Eisenman? In einem Interview mit Spiegel online sagte Eisenman, er denke mehr über Sport als über Mahnmäler nach. Das legt den Schluss nahe, dass er kaum Grenzen für die Benutzung sieht. Schließlich sieht er auch kein Problem darin, wenn ein Hakenkreuz die Stelen "ziert": "Wäre das denn so schlecht? Wenn ein Hakenkreuz darauf gesprüht wird, dann ist es ein Abbild dessen, was die Menschen fühlen. Wenn es dort bleibt, ist es ein Abbild dessen, was die Regierung davon hält, dass Menschen Hakenkreuze auf das Mahnmal schmieren. Das ist etwas, das ich nicht steuern kann." Frau Wack, Frau Hoyer und Herr Seibling haben das Interview wohl nicht gelesen.


Fotos: Holocaust-Mahnmal


Optionen: »Zur freien Verfügung« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: