Zur freien Verfügung
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist vergangene Woche eröffnet worden. Ein Besuch zeigt: Die 2.711 Betonstelen sind nicht nur zum Mahnen da. Der Architekt heißt sogar Hakenkreuze darauf gut. Von Dominik Schottner
Natürlich war man vorbereitet. Ausgerechnet Degussa, jene Firma, die während der Naziherrschaft das Gas Zyklon B herstellte, mit dem die Juden in den Konzentrationslagern ermordet wurden – ausgerechnet Degussa also hatte den Graffitischutz für das Holocaust-Mahnmal in Berlin produziert. Der Streit darum ist freilich längst beigelegt, der Graffitischutz längst aufgetragen. Und trotzdem stehen Herr Seibling, Frau Wack und Frau Hoyer vor einer Stele des Holocaust-Mahnmals, etwa in der Mitte des Feldes nahe des Potsdamer Platzes, und diskutieren. "Ich würde es wegmachen", sagt Frau Wack und deutet mit ihrem Finger auf ein Anarchie-A, das Unbekannte auf eine Stele gekritzelt haben. "Wees nich. Ick wees echt nich", entgegnet Herr Seibling, ein Sicherheitsbeamter mit Schulterklappen und einem Block in der Hand. "Na, kieck ma", fällt Frau Hoyer ein und tippt auf Herrn Seiblings Block: "Da ham wa det ooch wegjemacht, also machen wa ditte hier ooch weg." Die Drei einigen sich schließlich auf "Wegmachen" und verschwinden wieder in den Schluchten des Mahnmals.
Stimmung wie in Rothenburg ob der Tauber
Wenige Tage nach der Eröffnung des Mahnmals umgibt die 2.711 Beton-Stelen eine Mischstimmung, wie sie nur ein touristischer Besichtigungsort produzieren kann. Kinder spielen Fangen, Kunststudentinnen hocken zwischen den Stelen auf ihren Dreibeinern und zeichnen, Geschäftsmänner in Anzügen nutzen die Mittagspause, um Wissenslücken zu schließen. Man ist versucht, ein bisschen Ernsthaftigkeit vorzugaukeln und mit hinter dem Rücken verschränkten Armen die wellenartigen Gänge zu durchschreiten, das deutsche Schuldbewusstsein symbolisch tragend. Allein: Es gelingt nicht. Es mag an der Sonne liegen, die diesen Maitag frühsommerlich erwärmt, an den Kindern, die jauchzend der Erschöpfung entgegenspielen, an den kleinen Japanern und den dicken Amerikanern, die wie in Rothenburg ob der Tauber alles auf die Speicherkarten ihrer Digitalkameras bannen. Egal, was es ist: Eine Friedhofsstimmung mag zum Glück nicht aufkommen. Und auch die "sophisticated" Stimmung, die sonst Museen beseelt, sucht man vergebens.
Zwischen Hakenkreuz und Marathonlauf: Das Mahnmal ist für alle da
|
| Peter Eisenman |
Fotos: Holocaust-Mahnmal
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


