Wer war Speer?

30. Jun 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Speers autobiografische Bücher waren beeindruckend, er hatte stets Zugang zu Hitler und war sein Freund, wenn der denn überhaupt Freunde haben konnte. Speer schien eine große Ausnahme unter den NS-Größen zu sein, ein kulturvoller, intelligenter und akzeptabler, guter Nazi, der nur durch Zufälle vom Architekten zum Kriegsverbrecher wurde. Heinrich Breloer rüttelt dieses Bild gehörig durcheinander. Von Wolfgang Mehlhausen

Speer_und_er.jpgDas Buch Speer und er. Hitlers Architekt und Rüstungsminister beginnt im Kriegsverbrecherprozess von 1945 in Nürnberg, wo die Alliierten die Anklage gegen Albert Speer und andere Nazi-Größen eröffnen. Dann wird, so wie im Film, Speers Lebensweg nachgezeichnet, der von Hitlers Reden beeindruckt schon 1931 der NSDAP beitritt und einige kleine Aufträge für diese Partei als Architekt übernimmt. Speer lernt ihn, den “Führer”, kennen, der bald mit seinen Arbeiten sehr zufrieden ist und ihm weitere Aufgaben erteilt. Diese führt Speer gewissenhaft und schnell aus. Hitler selbst kokettierte stets damit, dass er eigentlich lieber Künstler, Maler und Architekt geworden wäre – und die Baukunst darf zu seinen Hobbys gerechnet werden.

Speer steigt bis Kriegsbeginn schnell auf und erringt Hitlers Gunst. Er wird mit dem Bau der Reichskanzlei in Berlin und der Schaffung der Grundlagen von “Germania” betraut, viele Bauten Berlins werden abgerissen, um gigantische Protzbauwerke zu schaffen, die Jahrtausende überdauern und von der Größe des Dritten Reichs zeugen sollten. Bei dem Umbau Berlins fallen erste Schatten auf den so genannten “unpolitischen Architekten”, denn die Ausnutzung von “Judenwohnungen” als Ausweichquartiere wird von ihm konsequent betrieben, was man in Speers Eigendarstellungen natürlich nicht findet. Schließlich wird der “unpolitische Architekt” zum Regierungsmitglied: Reichsminister für Munition und Bewaffnung, als der Amtsinhaber Fritz Todt durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kommt.

Als Rüstungsminister leistet der noch nicht 40jährige Unglaubliches. Er setzt das, was er als Architekt gelernt hat, nämlich präzise Planung und straffe Führung, in der Wirtschaft um und fasst Wirtschaftsbosse und Parteibonzen nicht mit Samthandschuhen an. Er ist Hitlers fähigster Minister und schätzt selbst ein, dass es nur seiner gigantischen Steigerung der Rüstungsproduktion zu verdanken war, dass der Krieg nicht schon 1943 beendet werden musste. Speer ist ein kluger, moderner Manager, Technokrat und genialer Organisator, dessen Befehle und Anordnungen man sich fügt, wenn man nicht im KZ landen will. Selbst die Gauleiter fürchten ihn, er gilt als enger Vertrauter des “Führers”. Wie weit Speer in die Verbrechen des Systems verstrickt war, konnte nur er selbst wissen. Und er war Meister im Verdrängen, erklärte stets entschuldigend, dass er beispielsweise vom Massenmord an Juden ebenso wie vom Leid der KZ-Insassen nichts wusste, um stets und gleich hinzuzufügen, er hätte es wissen können, wenn er es denn gewollt hätte. Doch Speer lügt.

Speer in Nürnberg: der einzig Einsichtige

In Nürnberg geht es um seinen Kopf, er versteht es, sich gut in Szene zu setzen, indem er sich zwar für “nicht schuldig” im Sinne der Anklage hält, aber Schuld eingesteht, als Mittäter in einem verbrecherischen System, das er erst zum Ende des Krieges als solches erkannt haben wollte. Der sympathische Mann scheint nicht in die Riege der Nazi-Verbrecher zu passen, er ist nicht so arrogant und verbohrt wie der dicke Hermann Göring, nicht uneinsichtig wie der “Führer-Stellvertreter” Rudolf Hess, der sich dumm stellt und nicht so eine fiese Gestalt, wie Stürmer-Herausgeber Julius Streicher oder sein direkter Kooperationspartner Fritz Sauckel. Sein Kopf schien fast verloren, doch schließlich erhielt er nur 20 Jahre Haft in Spandau, die er bis auf den letzten Tag absaß.

Geschickt wird in der Verhandlung erörtert, dass er sich über Hitlers “Nero- Befehl”, Zerstörung der Lebensgrundlagen des deutschen Volkes, hinwegsetzt, damit sein Leben riskiert und sogar ein Attentat auf Hitler im Bunker plant, dessen technische Durchführung, wie heute bekannt ist, gar nicht so wie beschrieben möglich war. Ein Attentatsplan war wohl eher nur “angedacht”, nicht mehr. Speer schiebt in Nürnberg viel Schuld auf Sauckel ab, der die Arbeitssklaven liefern musste, die er forderte. Sauckel wird dafür gehenkt. Speer nicht. Er will nichts von den Zuständen in den KZ gewusst haben, doch es gibt glaubhafte Berichte, dass er diese besuchte und gar deren Errichtung für Bauvorhaben forderte. Er stellte Material für den Bau von Mordanlagen bereit und kooperierte eng mit Himmler und der SS. In seinen Memoiren behauptet er, nicht bei der Rede Himmlers 1943 in Posen dabei gewesen zu sein, wo dieser offen über den Massenmord an Juden, auch an Frauen und Kindern, sprach. Doch im Protokoll dieser grauenvollen Rede wird er direkt angesprochen. Speer beschreibt widersprüchlich seine frühe Abreise zu Hitler nach Berlin und “verheddert” sich dabei mehrfach.

Ein anständiger Nazi: Leitfigur für eine Generation

Als er 1966 aus Spandau entlassen wird, ist er schon wohlhabend, seine Freunde haben fleißig Geld für ihn gesammelt. Er wird schließlich zum Bestsellerautor und Leitfigur für die Generation, die von 1933 bis 1945 dabei war, denn “wenn der Speer schon nichts wusste,… wie sollte man denn wissen, dass…”

Im Buch kommen auch immer wieder seine Kinder zu Wort, doch deren Aussagen sind meist belanglos, wenngleich eindeutig kritisch. Sie waren noch zu klein, als der Vater an Hitlers Seite wirkte. Im Buch gibt es viele zeitgenössische Fotos und Bilder aus dem Film mit den Schauspielern, auch Kopien von Dokumenten. Speer selbst, auch als älterer Herr ein liebenswürdiger, sympathischer und umgänglicher Mann, stirbt 1981 in London auf einer Reise.

Er hat gezielt verdrängt, was er wusste und arbeitete mit Zielstrebigkeit und Effektivität an seiner Selbstdarstellung. Er war kein fanatischer Antisemit und auch kein Sadist, hat selbst keine Menschen getötet, nur die Waffen und Munition für den Krieg und Völkermord bereitgestellt, bis eine Minute vor zwölf. Die tiefe Verstrickung in die Verbrechen des NS-Regimes wird im Buch wie im Film neu beleuchtet. Speers Leben wäre 1946 beendet gewesen, hätten Anklage und Gericht das gewusst, was Buch und Film beweisen.

Albert Speer war eine der umstrittensten Figuren des NS-Regimes. Eines war Speer gewiss nicht: “ein guter Nazi”, denn diesen gibt es a priori nicht. Das Buch ist für historisch Interessierte ein brauchbares Nachschlagewerk, das jedoch eine neue, wissenschaftlich bearbeite Speer- Biographie nicht ersetzen kann.

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Breloer, Heinrich: “Speer und er. Hitlers Architekt und Rüstungsminister”

Propyläen Verlag, Berlin, 2005, 415 Seiten

24,- Euro, ISBN: 3-549-07193-0

Die Bildrechte liegen beim Propyläen Verlag


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