Wehr im Wandel

21. Jun 2005 | von | Kategorie: Sicherheitspolitik

logo_bundeswehr.gifDie Herausforderungen einer Welt der globalen Zusammenhänge haben ihre Folgen für relativ statische Organisationen wie die des Militärs. Doch der Bundeswehr ist es gelungen, der sich verändernden Welt durch eine radikale Transformation wirksam zu begegnen. Von Christoph Rohde

Die Transformation der Bundeswehr seit dem Ende des Kalten Krieges hat beeindruckende Formen angenommen. Die dramatische Veränderung der Welt im Zeitalter der Globalisierung wird in vielen Hinsichten in den Veränderungen der Streitkräfte widergespiegelt.Dass sich die Bundeswehr von einer Armee zur Landesverteidigung hin zu einer Interventionsarmee transformiert hat, ist ein Faktum, das allein schon an den institutionellen Veränderungen sichtbar gemacht werden kann. Deutschland ist von einem Nettoimporteur zu einem Nettoexporteur von Sicherheit geworden. So ist die Bundeswehr derzeit rund 30 Auslandseinsätzen beteiligt. Laut General a. D. Eisele, der bei einer Tagung der Akademie für Politische Bildung in Tutzing sprach, nahm der Bundestag erst beim Votum für den ISAF-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan auf den Faktor Verteidigung Bezug – nach der Ausrufung des NATO-Bündnisfalls.

Das Aufgabenspektrum der Bundeswehr hat sich von einem reaktiven Paradigma zu einer konstruktiven Aufgabenstellung hin verwandelt. Die Tatsache, dass der Feind nicht mehr physisch erschaubar ist, sondern aus gesellschaftlichen und sozio-ökonomischen Notlagen sowie fanatischen, menschenverachtenden Ideen heraus geboren wird, führt zu einer Politik der Prävention statt reiner Reaktion. Die Veränderung der Bundeswehr lässt sich an der drastischen Reduzierung ihres Personals ablesen. Waren es nach Eingliederung der NVA-Soldaten im Jahr 1990 noch 580.000 Soldaten, so erreicht die Bundeswehr im Juni 2005 eine Ist-Stärke von 256.000 Mann. Die Reduzierung ist relativ friktionslos verlaufen. Im Bereich der Ausrüstung kommt es zu einer transformierten, vernetzten Operationsführung; schwere, für die Territorialverteidigung bestimmte Waffensysteme spielen eine immer geringere Rolle. Ein Beispiel: 1990 hatte die Bundeswehr 1.800 Leopard-2-Panzer im Einsatz, heute sind es noch 300.

Die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2004

Die Transformationsprozesse innerhalb der Bundeswehr lassen sich allein an Hand weiterer nackter Zahlen dokumentieren. Die dreigliedrige Einteilung der Streitkräfte entspricht der neuen Philosophie einer Interventionsarmee: 35.000 Einsatz-, 70.000 Stabilisierungs- und 106.000 Unterstützungskräfte. Die Einsatzkräfte werden vom "Kommando Operative Führung Eingreifkräfte" in Ulm geführt, welches seinerseits den Kern eines verlegefähigen, multinationalen "force headquarters" für EU-Einsätze bildet. Die Aufgaben der Bundeswehr sind, so General Eisele, nicht mehr ohne multinationale Einbindung denkbar. Lediglich die Luftverteidigung verbleibt als rein nationale Aufgabe.

Wehrpflicht als Rekrutierungspotenzial unerlässlich

Die Kosten für eine reine Berufsarmee sind viel zu hoch – in monetärer wie auch gesellschaftsintegrativer Hinsicht. Dies bekundeten sowohl Bundeskanzler Schröder als auch Verteidigungsminister Struck beim Festakt zum 50. Jahrestag der Bundeswehr-Gründungam 7. Juni in Berlin. Die Rekrutierungsbedingungen auch für die Berufssoldaten können nur unter den Bedingungen der Wehrpflicht auf hohem Niveau gehalten werden. Die lediglich 9 Monate umfassende Wehrpflicht unterschreitet jedoch die Mindestzeit für eine angemessene Ausbildung. Dazu fehlt im Inland die notwendige Ausrüstung, so dass Soldaten oft auf das Üben an moderner Militär-Hardware verzichten müssen. Mit diesen Budgetrestriktionen wird man auf Dauer leben lernen müssen. Die Transformation der Bundeswehr wird durch Kreativität und weitere Reduzierungen finanziert werden müssen.

Veränderte Ausbildung – das Prinzip innerer Führung im Ausland

Das Prinzip der Inneren Führung ist eine der beeindruckendsten Innovationen der Bundeswehr. Für ein Land mit der negativen deutschen Militärgeschichte war die umfassende Einbindung des Militärs in die demokratische Gesellschaft von existenzieller Bedeutung. Der Staatsbürger in Uniform, der Soldat, wurde zu der Fähigkeit eines "reflexiven Gehorsams" ausgebildet: “Jeder Soldat muss wissen und verstehen, wofür er ausgebildet und gegebenenfalls eingesetzt wird. Er soll überzeugt sein, dass sein Auftrag politisch notwendig, militärisch sinnvoll, moralisch und rechtlich begründet ist.”Bereits in der Grundausbildung wird der Soldat in Konfliktvermeidung und interkultureller Kompetenz gelehrt.

Der Fähigkeit zur Deeskalierung wird besondere Bedeutung zugemessen, weil es in den meisten Fällen nicht mehr darauf ankommt, möglichst schnell zu schießen, sondern mit Akteuren in Verhandlungen zu treten. Brigadegeneral Karl Schreiner sprach davon, dass der im Ausland tätige Soldat vom Kämpfer zum "bewaffneten Sozialarbeiter" geworden sei. Es wird sich jedoch zeigen müssen, wie diese "soft skills" im Falle eines wirklich heißen Konflikts in die Praxis umgesetzt werden können. Doch im Gegensatz zu den oftmals kulturinsensitiven US-Soldaten haben die deutschen Soldaten durch ihr interkulturelles Vermögen dafür gesorgt, dass das Ansehen Deutschlands in den Gastländern erheblich gestiegen ist.

Zunehmende Aufgaben für die Militärseelsorge

Es gab keinen politischen Prozess, der Soldaten und Öffentlichkeit auf die Auslandseinsätze hätte vorbereiten können. Es war das Bundesverfassungsgericht, das den Einsatz der AWACS-Flugzeuge über Jugoslawien als rechtmäßig bestätigte. Der internationale Problemdruck stellte politische und militärische Institutionen vor Herausforderungen, auf die direkt reagiert werden musste. Im Ausland tätige Soldaten schildern, welchen Belastungen sie neben den konventionellen Gefahren ausgesetzt sind. Junge, im Wohlstand aufgewachsene Menschen werden nach einem halben Jahr in Afghanistan zu anderen, reiferen Menschen.Doch der ein oder andere junge Mensch – dessen Instabilität im Gruppendruck der Bundeswehr verdeckt wird – kommt mit dem Elend im Gastland nicht zurecht. Eine steigende Selbstmordrate unter Auslandssoldaten führt zu der Erkenntnis, dass der seelsorgerischen Betreuung von Auslandssoldaten wesentlich größeres Gewicht zugemessen werden muss.

Auf der anderen Seite werden die Auslandsoldaten mit bestem Equipment ausgestattet, während die "Daheimgebliebenen" nicht nur mit dem Ruf des Drückebergers, sondern auch mit einer vermehrten Arbeitsbelastung kämpfen müssen.Klarere Zielsetzungen notwendigVerteidigungsminister Struck hat in einer Rede im Mai 2005 die Öffentlichkeit darauf vorbereitet, dass die deutschen Auslandseinsätze in Zukunft nicht immer unblutig enden werden. In Gesprächen mit Offizieren in Tutzing wurde deutlich, dass die fehlende politische Zielsetzung hinter den deutschen Auslandseinsätzen ein besonderes Manko darstellt. Nur, wenn die Soldaten die deutsche Politik und Öffentlichkeit hinter sich wissen, sind sie zu Opfern in jeder Hinsicht bereit.

Wichtig ist auch eine Klärung der "Rules of Engagement". Was dürfen die deutschen Soldaten und was nicht? Im Jugoslawien-Konflikt waren UN-Soldaten Zeugen von Massakern, weil sie nicht eingreifen durften. Hier ist eine realistische Definition von lebenswichtiger Bedeutung für die Soldaten wie für die Menschen im Gastland. Die Bundeswehr hat sich als flexibel und lernfähig erwiesen. Sie ist ein Instrument zur Stärkung der deutschen "soft power" geworden. Wenn ihre Aufgaben in einen politischen Rahmen eingebunden werden, dann kann die Bundeswehr zu einem immer bedeutenderen Exporteur von internationaler Sicherheit werden.

____________________________________________________________________________________

Die Bildrechte liegen bei der Bundeswehr.


Optionen: »Wehr im Wandel« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: