Vom Rausch der Macht

15. Mrz 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Die Welt der Politik(er) ist zu einem inhaltsleeren Machtspiel verkommen, meint zumindest Jürgen Leinemann. Ständiger Druck, Härte gegen sich und andere sowie die permanente Öffentlichkeit führen zum Höhenrausch. Von Bert Große

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Auch wenn viele es so lesen, ist dieses Buch keine pauschale Abrechnung mit der Politik. Viel eher scheint es für Jürgen Leinemann eine Befreiung gewesen zu sein. Selbst jahrelang alkoholkrank, nimmt er sich von der Suchtgefahr nicht aus. Als langjähriger Spiegel-Autor beobachtet Leinemann seit Jahrzehnten die deutsche Politik und ihre Vertreter. Sein viel diskutiertes Buch Höhenrausch stellt sich als Ergebnis dieser Beobachtungen dar.

Diagnose einer Sucht

Leinemanns zentrale These ist eigentlich nicht neu: Politik macht süchtig. Süchtig nach Macht, Erfolg, öffentlicher Anerkennung oder auch nur nach dem Gefühl, gebraucht zu werden. Und Politiker sind Abhängige. Unfähig, mit der Arbeit aufzuhören, fast nicht in der Lage, abzutreten, wenn die Zeit gekommen ist. Eindringlich schildert Leinemann die Gier nach öffentlicher Aufmerksamkeit des ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Biedenkopf anlässlich einer Veranstaltung. Während Kanzler Schröder und Biedenkopfs verhasster Nachfolger Milbradt auf der Bühne Ehrungen vornahmen, prostituierte sich Biedenkopf geradezu bei dem Versuch, ebenfalls einen Zipfel Öffentlichkeit zu erhaschen. Armer alter Mann, der du nichts hast, als verblichenen Ruhm.

Und der Weg zum Ruhm ist hart. Wer sich der Politik verschreibt, tut dies nicht selten mit allen Konsequenzen. Ohne geregelte Arbeitszeiten, immer in der (eingebildeten) Hast zum nächsten Termin, bleibt nicht selten das Familienleben auf der Strecke. Auch die sozialen Kontakte außerhalb der Politik verdorren. Auf dem Weg zum Mandat ist der Widerstand innerhalb der eigenen Partei hart, gelegentlich gnadenlos. Und an der Spitze, als Kanzler, Minister oder Fraktionsvorsitzender angekommen, ist man eigentlich nur noch von Gegnern, nicht selten Feinden umgeben.

Der Kampf als Ziel?

Politik fordert die Beschäftigung mit Politik. Für anderes bleibt wenig Raum. Kein Wunder, dass Alt-Bundespräsident von Weizsäcker einmal konstatierte, Politiker seien Generalisten mit Spezialkenntnissen in der Vernichtung innerparteilicher Gegner. Nach Jahrzehnten endlich an der Spitze angekommen, verbunkern sich die Amtsinhaber hinter der Selbstgewissheit, die Führungsposition aus eigener Kraft, auf Grund eigener Leistung innezuhaben. Die Folge, noch mehr Termine, noch mehr Arbeit. Eigentlich unglaublich, aber Helmut Schmidt kokettierte in der Öffentlichkeit mit vier Herzschrittmachern und rund einem Dutzend verbriefter Zusammenbrüche.

Und die Luft in der “politischen Todeszone” (Joschka Fischer) ist dünn. Die Folge: permanentes Misstrauen (Adenauer), Beratungsresistenz (Kohl) und offene Arroganz gegenüber weniger Verständigen (Schmidt).

Und erst das Loslassen…

Politische Macht wird in Demokratien nur auf Zeit verliehen. Was in der Theorie völlig klar und akzeptiert erscheint, gehört praktisch zu den schwersten Erfahrungen überhaupt. Nicht nur der Verlust an Privilegien schmerzt, keine Sondermaschine der Luftwaffe mehr, kein roter Teppich, keine Eskorte. Viel härter zu ertragen scheint der Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit, am Gefühl, unverzichtbar zu sein.

Leinemann zitiert reihenweise ehemalige Spitzenpolitiker, wie Norbert Blüm, Theo Waigel oder Rita Süssmuth, die bekennen, dass die ersten Wochen nach der Amtsübergabe wie körperlicher Entzug verliefen. Sie alle waren der Sucht verfallen.

Austauschbar, aber professionell

Leinemann unternimmt mit dem Leser eine Reise durch 55 Jahre bundesdeutscher Geschichte. Da er fast jeden bedeutenden Politiker im Laufe der Jahre persönlich kennen gelernt hat, strotzt sein Buch nur so vor Anekdoten. Eine große – besorgniserregende – Beobachtung durchzieht den Band wie ein roter Faden. Während die Politiker früherer Generationen (Brandt, Adenauer, Strauß, Schmidt, Wehner) in ihrer Tätigkeit eine Berufung sahen, so machen die jüngeren Generationen, ohne die Erfahrungen eines Krieges, Politik zum Beruf, begreifen sie als berufliche Karrieremöglichkeit. Zugleich mangelt es quer durch alle Parteien an Persönlichkeiten und an Überzeugungen.

Was bleibt?

Letztlich hat Jürgen Leinemann ein Buch vorgelegt, das trotz aller amüsanten Anekdoten vor allem traurig macht. Wenn es stimmt, dass Politiker letztlich selbst verliebte, oftmals seelisch kranke und karrieresüchtige Aufsteiger sind, was bleibt dann von politischen Idealen, von dem Wunsch, die Welt besser zu machen? Auch wenn Jürgen Leinemann den Finger in eine offene Wunde gelegt hat, bleibt doch zu hoffen, dass er letztlich irrt.

 

Leinemann, Jürgen: “Höhenrausch, Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker”Blessing Verlag, München, (2004), 496 Seiten20,00 EuroISBN 3-89667-156-1


Die Bildrechte liegen beim Karl Blessing Verlag


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