Verlorener Philosoph

17. Jan 2005 | von | Kategorie: Wissenschaft

350 Jahre alt wäre der Leipziger Philosoph Christian Thomasius am 1. Januar geworden. Aber vor über 300 Jahren wurde er aus seiner Heimatstadt verstoßen und kämpft bis heute um seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Nun ehrte die Universität ihn mit einer Festveranstaltung. Von Henry Berndt

thomasius.jpg"Dieser Abend soll helfen, eine alte Schuld abzutragen", erklärt Martin Oldiges, Dekan der Juristenfakultät der Universität Leipzig. Es sind die Eröffnungsworte einer Festveranstaltung zu Ehren von Christian Thomasius, Philosoph und Rechtsgelehrter aus Leipzig, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum 350. Mal jährt. Etwa hundert Interessierte sind der Einladung von Rektor Franz Häuser und der Juristenfakultät gefolgt.

Der alte Senatssaal bietet die passende Kulisse für die Würdigung eines der einflussreichsten Philosophen der deutschen Aufklärungsgeschichte. Die Festredner übertreffen sich gegenseitig in den Superlativen für die Bedeutung Thomasius – den "Juristen mit Menschenliebe" wie Walter Jens ihn einmal bezeichnete.

Auf dem Weg in die Geschichtsbücher verloren

Ende des 17.Jahrhunderts war Leipzig noch nicht bereit für so viel innovative Schaffenskraft. Christian Thomasius, geboren am 1. Januar 1655 als Sohn des ehemaligen Rektors und Leibniz-Lehrers Jakob Thomasius, wurde 1690 durch ein Lehr- und Publikationsverbot aus seiner Heimatstadt vertrieben. Seitdem hat Leipzig gelernt. Heute spricht sich Rektor Häuser dafür aus, dass "Thomasius in der Öffentlichkeit wieder stärker wahrgenommen werde". Schließlich wurde Thomasius nicht nur aus Leipzig verstoßen, sondern auch und vor allem aus dem Bewusstsein der meisten Bürger.

Einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Philosophie im 17. Jahrhundert muss irgendwo auf dem Weg in die Geschichtsbücher von heute verloren gegangen sein. Während Namen wie Kant und Lessing jedem ein Begriff sind, führt Thomasius ein Leben im Verborgenen – dort, wohin ihn die Leipziger Gelehrten damals auch verbannen wollten. Was sollte man auch von einem Dozenten halten, der seine Vorlesungen in deutscher statt in lateinischer Sprache hielt und der das orthodoxe Luthertum schändlich verunglimpfte? Regelmäßig veröffentlichte er kritische Beiträge über die Obrigkeiten in den von ihm begründeten "Monatsgesprächen", der ersten wissenschaftlichen Zeitschrift in deutscher Sprache.

Rechtsprechung durch "das natürliche Licht der Vernunft"

Unter diesen Umständen wurde der Gedanke, der Alma Mater den Namen Christian-Thomasius-Universität zu geben, schnell verworfen. Stattdessen folgten dem Publikationsverbot diverse Anklageschriften und Haftbefehle. Erst Jahre später erkannte die Universität Leipzig ihren Fehler und wollte ihren verstoßenen Sohn zurückgewinnen. Jedoch blieben alle Versuche erfolglos. Thomasius hatte inzwischen in Halle an der Saale eine juristische Fakultät begründet und dozierte hier bis zu seinem Tode 1728.

Bald hatte die Universität Halle der Leipziger den wissenschaftlichen Rang abgelaufen. Als Rechtsgelehrter veröffentlichte Thomasius seine Naturrechtslehre, der zufolge das "natürliche Licht der Vernunft" Recht sprechen sollte, und nicht länger obrigkeitliche Zwänge. Vor allem die Gültigkeit des Römischen Rechtes in Deutschland zweifelte er an. Die Wissenschaft sollte von der Vorherrschaft der Theologie befreit werden und in die Köpfe der Menschen gelangen.

Thomasius ist in Vergessenheit geraten, dabei hat er schon damals die Bildungsreformen von heute mitgestaltet. Sicher würde er mit einiger Genugtuung sehen, wie sein Traum einer europaweit organisierten wissenschaftlichen Ausbildung nun langsam Gestalt annimmt. Schließlich beteiligt sich auch die Universität Leipzig inzwischen mit großem Eifer an der Bachelor/Master-Studienreform. Würde Thomasius die aktuellen Veränderungen in der akademischen Welt mitbekommen – vielleicht würde er sich ja heute, nach über 300 Jahren, doch noch mit seiner Heimatstadt Leipzig versöhnen.

"Miste vor allem deinen Verstand aus


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