Unbegreifbare Schicksale
Wenig ist über das Schicksal von sowjetischen Kriegsgefangenen bekannt. Ein Buch von Ernst Reuß gibt einen Einblick in das unbegreifbare Schicksal. Von Wolfgang Mehlhausen
Die deutschen Medien, allen voran der Spiegel, beschäftigen sich im Jahr 2005 intensiv mit den Wirtschaftswunder-Jahren . Für viele ist diese Zeit nur noch Geschichte. Es leben nur noch wenige Kriegsteilnehmer und die Zahl derer, die in Gefangenschaft waren. Die Entlassung der letzten Männer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft konnte Bundeskanzler Konrad Adenauer 1955 bei seiner Moskaureise erwirken. Gelegentlich sind die Szenen noch im Fernsehen zu sehen, als die Heimkehrer von Verwandten und Familie in die Arme geschlossen wurden. Doch über das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener in Deutschland oder in deutscher Hand erfährt man vergleichsweise wenig.
Historische Hintergründe und grauenhafte Wahrheiten
Schon auf den ersten Seiten von Gefangen - Das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg erklärt Ernst Reuß, warum die Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg kaum Beachtung fand und findet. Die Deutschen interessierte dies laut Reuß nämlich damals und auch heute nicht sonderlich. Und auch die westlichen Alliierten hätten wenig Interesse an der Offenlegung grauenvoller Verbrechen an einer Opfergruppe, die man zu Recht so nennen darf, gezeigt.
Von den ungefähr 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen kamen 3,3 Millionen um. Sie verhungerten, starben an Seuchen und Krankheiten oder wurden gezielt ermordet, weil ein völkerrechtswidriger Befehl sie nicht zu „normalen Kriegsgefangenen“, sondern zu Untermenschen degradierte. Beim Russlandfeldzug wurde von vornherein festgelegt, dass die Rotarmisten nicht den Schutz der Genfer Konvention genießen sollten, sondern „vogelfrei“ waren.
Dass viele sowjetische Denkmäler nicht sonderlich einfallsreich gestaltet sind, wissen die Ostdeutschen sehr wohl, da diese teilweise noch immer in ihren Heimatorten stehen und nach dem Einigungsvertrag Bestandsschutz genießen. Bemerkenswert hingegen ist, dass Reuß einleitend darauf hinweist, dass die Denkmäler im Wirtschaftswunderland schlicht verschwanden oder bei Zahlenangaben über Ermordete mit „Gegenrechnungen“ in Tafelform dekoriert wurden.
Hüben wie drüben wurde das Problem russischer Kriegsgefangener nicht mit Interesse verfolgt, bei Bekannt werden von offensichtlichen Verbrechen wurden Gegenrechnungen mit Grausamkeiten an deutschen Landsern in sowjetischen Lagern aufgemacht. Die Sowjets hatten allen Grund, dieses düstere Kapitel nicht umfänglich propagandistisch auszuschlachten. Denn es sprach nicht für Stalins militärische Fähigkeiten, dass die deutsche Wehrmacht in den ersten Kriegswochen so viele Gefangene machte, dass sie diese selbst bei gutem Willen nicht hätte ordnungsgemäß verpflegen und unterbringen können.
Kriegsgefangene solle es nach sowjetischer Sichtweise eigentlich nicht geben, man erwartete den Freitod von ihnen. Wer den Krieg überlebte und aus deutschen Lagern zurückkam, konnte in der Heimat schnell als Verräter gelten und sein Leben in einem Lager auf sowjetischem Boden verlieren.
Winniza in der Ukraine – ein Ort und zwei Lager
Der Jurist Ernst Reuß, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Publizist, beschreibt seine Anstrengungen, sich mit dem Thema und dem Lager in Winniza in der Ukraine auseinanderzusetzen. Er erfuhr, dass beide Großväter im Zweiten Weltkrieg mit diesem Ort und dem dortigen Kriegsgefangenenlager zu tun hatten.
Der eine war in der Lagerkommandantur zu deutscher Zeit, der andere Gefangener der Russen. Reuß beschreibt die Sicht von Soldaten mit vollkommen verschiedenen Einstellungen zu den Verhältnissen in jener Zeit. Die Zustände werden schonungslos anhand von Augenzeugenberichten und Quellenmaterial rekonstruiert. Einiges ist so grausam, dass es einem beim Lesen den Atem verschlägt, es geht um Kannibalismus und andere, kaum vorstellbare Grausamkeiten.
Ein beeindruckendes kleines, großes Buch
Eine Zeittafel, Personen- ,Abkürzungs- und Literaturverzeichnis sind am Ende dieses kleinen, illustrierten Buchs zu finden, das nicht nur ein Sach- und Fachbuch für Historiker und Geschichtsinteressierte ist. Gerade durch die persönliche Note durch Berichte und Briefe von Zeitgenossen hat der Autor ein Werk geschaffen, das dieses düstere Kapitel im Zweiten Weltkrieg verständlich macht, auch wenn vieles weiterhin unbegreifbar bleibt. Man kann diesem in Umfang und Ausstattung bescheidenen, kleinen Buch bescheinigen, ein großes Werk zum Thema Kriegsgefangene zu sein.
Reuß, Ernst:Gefangen. Das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg
Olzog Verlag, München (2005), 224 Seiten
ISBN 3-7892-8164-6, 15,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Verlag.
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