Um jede Stimme
Seit dem 8. August besucht Joschka Fischer fast täglich eine deutsche Stadt. Er wirbt für sich und die Grünen. Obwohl stimmlich fast am Ende, preist er die rot-grünen Projekte der letzten Jahre und macht Krach gegen Schwarz, Gelb und Dunkelrot. /e-politik.de/ hat ihn in Leipzig erlebt. Von Maria Lang
Joschka Fischer in Leipzig |
Er krächzt. Anders lassen sich seine Laute kaum beschreiben. Er ist seit mehr als zwei Wochen auf "Joschka-Tour", unterwegs durch Deutschland, um für die Grünen Punkte zu sammeln. Am Dienstagmittag in Erfurt hatte Joschka Fischer den Leuten zugerufen "Ich kämpfe um jede Stimme, auch um meine eigene". Am Abend auf dem Augustusplatz in Leipzig hört jeder, wie er das gemeint hat.
Die versiegende Stimme des grünen Spitzenkandidaten ist sein Trumpf. Als er die Worte "Guten Abend" herauspresst, grölen ihm die Leipziger ermutigend zu. Weil er offensichtlich kämpft, weil er dran bleibt, auch wenn der Hals kratzt, schon deshalb hat er die Mehrheit des Publikums aus Jungen und Älteren auf seiner Seite.
Souveräner Redner
Fischer kennt sein Programm. Er braucht keine Notizen, die seine Gedanken stützen. Sicher, er hat eine ähnliche Rede in den letzten Tagen schon zigmal durchgezogen, er hat Übung. Und trotzdem wirkt er sprachlich lockerer als viele andere Wahlkämpfer. Er erfühlt das Publikum, wechselt geschickt zwischen "Sie, meine Damen und Herren" und "ihr, liebe Freunde." Gegen etliche Störversuche brüllt Fischer standhaft seine Botschaft ins Mikrofon.
Wer nicht hören will, darf reden. Fischer geht auf die Störer ein: "Das versuche ich dir doch gerade zu erklären", beruhigt er. Einer schreit "geil", immer wieder. Und Fischer: "Dann will ich dich weiter auf die Erregungskurve bringen." Wenn der Grüne genug hat, raunt er auch mal zurück: "Brüll doch dann, wenn es passt, krieg doch mal den Einsatz."
Einen Punkt nach dem anderen geht Fischer durch. Zielstrebig. Auch gegen die Störer. Manchmal braucht er vier Anläufe. Die Inhalte sind bekannt. Aber er macht sie fühlbar. "Ich bin in der GKV und zahle meine 10 Euro, wenn ich zum Doktor gehe." Er verteidigt die Gesundheitsreform, um den Menschen im gleichen Moment zu versichern, dass sie nicht mehr beitragen müssen. "Wir brauchen weiterhin eine Solidarität in der Krankenversicherung. Merkels Kopfpauschale ist der Einstieg in die Privatisierung."
Grüner Wahlkampf
Gegen die Neokonservativen
Natürlich drischt er ein auf Merkel, Stoiber und Co. Es gehe am 18. September darum, ob Stoiber einen Einfluss bekomme, den er jetzt "Gott sei Dank" noch nicht habe, sagt Fischer. "Stoiber will die Mauer in den Köpfen wieder aufbauen." Dafür gibt es Beifall.
Und Frau Merkel habe mit ihrem Spruch "Vorfahrt für Arbeit" "Probleme mit der Gangschaltung bewiesen. "Sie hat den Rückwärtsgang eingelegt". Rückwärtsgerichtet findet Fischer auch ihre Pläne zur Atomenergie. "Nur erneuerbare Energien bringen neue Arbeitsplätze", gelingt ihm der Übergang zum wohl brennendsten Thema dieser Zeit. "Neue Arbeitsplätze entstehen nicht gegen die Umwelt, sondern nur mit ihr", so sein Fazit.
Auch der frischgebackene Finanzexperte der CDU, Paul Kirchhof, kriegt eine Abreibung. Fischer hält nichts von seinem Konzept einer einheitlichen Einkommenssteuer von 25 Prozent. "Wenn das so kommt, fehlen dem Staat Milliarden. Die zwei Prozent Mehrwertsteuererhöhung helfen da auch nicht." Fischer argumentiert, diese Defizite könnten dann nur über den Abbau von Sozialleistungen ausgeglichen werden. "CDU und FDP wollen die Abschaffung des Sozialstaates. Das ist die neokonservative Wende", schallt es über den Platz. Und es klingt nach Bedrohung.
Fischer verteidigt vehement, wofür er fast überall ausgebuht wird: "Hartz IV". "Da könnt ihr noch so schreien, das musste sein." Und er erklärt, "warum wir das machen mussten": Wegen den neuen Wettbewerbsbedingungen ist "Lebensstandardsicherung nicht mehr finanzierbar", gibt Fischer zu. "Was euch die PDS da verspricht, das wird nichts. In Berlin, wo die an der Regierung sind, da kürzen sie im Öffentlichen Dienst", wettert Fischer. Und warnt seine aufmerksamen Gäste: "Jede Stimme für die PDS ist verschenkt."
Solidarität muss sein
Und immer wieder schreit aus voller Brust ein Mensch unverständliche Dinge in Richtung Fischer, der nicht versteht. Irgendwann entgegnet er genervt: "Ja, ich bekenne mich zu Multi-Kulti." Er will weiterreden, alles loswerden, was ihm wichtig ist.
Wichtig ist ihm die Bürgerversicherung, "weil die Kosten für Gesundheit steigen werden" und das nicht allein "über Lohnnebenkosten finanzierbar sei". Alle müssten mit für die Gesundheit zahlen. "Solidarität muss erhalten bleiben."
Einmal wird Fischer sehr deutlich: "Kinderbetreuung muss gesetzliche Pflicht werden. Und wenn Kommunalpolitiker dann sagen, dafür ist kein Geld da, dann sollen sie eben woanders streichen", tönt er. Erstaunte Gesichter im Publikum, vor allem bei jungen Frauen. Sie denken wohl: Der traut sich was.
Im Notfall auch Krieg
Viele, die mit Transparenten gekommen sind, nicht um Fischer zuzujubeln, haben auf seine Passage über Krieg und Frieden gewartet. Fischer erklärt, es habe damals im Kosovo keine andere Lösung gegeben. Er habe persönlich mit Milosevic geredet, doch der habe nicht einlenken wollen. "Es gibt eben Extremfälle, wo man notfalls auch Waffen einsetzen muss." Das klingt fast wie eine Entschuldigung. Doch gleich in die Verteidigung: "Aber eben nur in Ausnahmefällen. Im Irak waren wir nicht überzeugt. Freundschaft mit den USA heißt nicht Gefolgschaft." Die Leute klatschen. Das kommt an.
Also macht Fischer weiter: "Wir brauchen eine präventive Friedenspolitik, das heißt zum Beispiel Entwicklungshilfe. Wenn Afrika seine Probleme irgendwann exportiert, dann ist das Mittelmeer nicht breit und tief genug." Er denkt langfristig. Die Leute honorieren dies mit Aufmerksamkeit und Applaus.
Noch einmal ist Merkel dran. "Ihre Türkei-Politik ist gefährlich blind. Das war eine Fehlentscheidung wie im Irak." Fischer betont: "Eines der wichtigsten Dinge in Zukunft ist, dass Islam und Demokratie zusammengehen."
Der Zuhörer weiß jetzt, mit ihm als Außenminister soll die Türkei nicht nur privilegierter Partner der EU werden, wie es Merkels CDU vorschlägt, sondern echtes Mitglied der Europäischen Union. Das sagt Fischer nicht. Aber das soll es wohl heißen.
Fischer hat erklärt, wofür er steht bei dieser Wahl. Er wirbt für Grün und "für Schröder". Er will wieder Außenminister werden, dafür muss er kämpfen, denn "meinen Job wollen besonders viele", sagt er zum Abschied. Und: "Schaltet das Gehirn ein am18. September."
Die Bildrechte liegen bei Volker Meisinger.
Lesen Sie mehr zum Wahlkampf in der Rubrik Neuwahlen.
Zur Wahlkampfrede von Angela Merkel in Wittenberg lesen Sie hier den Beitrag "Angie im Osten".
"Was morgen gestern ist": Hier geht es zum /e-politik.de/-Dossier zu den Neuwahlen.
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