Über die Brücke

04. Jun 2005 | von | Kategorie: Politischer Film

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Alexander Hacke, Bassist
Fatih Akins neuer Film Crossing the Bridge – The Sound of Istanbul dokumentiert den musikalischen Mikrokosmos einer Großstadt: Alexander Hacke, Bassist der “Einstürzenden Neubauten” sucht nach dem Klang der Metropole zwischen zwei Kontinenten. Eine anstrengende Reise auf dem Grat zwischen Orient und Okzident. Von Stephan Radomsky

Konfuzius sagt – auf Türkisch: “Wenn ihr einen Ort besucht und verstehen wollt, welche Kultur dort herrscht, welche Tiefen und Oberflächlichkeiten dort vorhanden sind, dann hört euch die Musik an die dort gemacht wird.” Dieser Gedanke leitet durch den gesamten Film. Er wird umso interessanter, als die politische Diskussion um Europa und die Türkei zurzeit voll entbrannt ist.

Alexander Hacke, Bassist der “Einstürzenden Neubauten”, kommt zum zweiten Mal nach Istanbul. Er hatte die Stadt am Bosporus das erste Mal für eine Musikproduktion für Fatih Akins vorigen Film Gegen die Wand besucht und war von ihr fasziniert. Um Istanbuls Geräusche einzufangen, seinen Rhythmus und vor allem die Musik, die dort gemacht wird, stürzt sich Hacke erneut ins Leben Istanbuls. Mit Mikrofonen und Festplatten-Recorder lädt er Musiker unterschiedlichster Stilrichtungen ein, mit ihm an verschiedenen Orten zu spielen und sich dabei von ihm aufnehmen zu lassen. Dabei begleitet ihn Akin und hält seine Ausflüge in die Stadt und Provinz filmisch fest.

Hoffentlich schwindelfrei

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Aynur, kurdische Sängerin
Was dabei herauskommt ist keine Dokumentation im klassischen Sinn. Crossing the Bridge ähnelt vielmehr einer Collage aus Bildern der Stadt, ihrer Menschen und Musiker und der Musik, die sie spielen. Leider lässt die Qualität des Filmmaterials zu wünschen übrig. Der digitale Film wirkt auf der Leinwand grobkörnig und wird damit auf Dauer anstrengend für die Augen. Auch sind die Einstellungen oft verwackelt oder leicht unscharf. Das macht zwar einen Teil des Charmes dieser Dokumentation aus, verlangt dem Zuschauer aber bisweilen auch Schwindelfreiheit ab.

Dabei handelt es sich hier nicht in erster Linie um einen politischen Film. Zwar wird das Verhältnis zwischen Europa und Asien anfangs aus Sicht Istanbuls charakterisiert, um die Musik zu erklären. Auch die Problematik der Kurden in der Türkei wird anhand der kurdischen Sängerin Aynur aufgezeigt. Aber auch hier gibt es keine explizite Kritik.

Nicht Bilder oder Botschaft, sondern Musik

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Sezen Aksu, türkische Schlagersängerin
Im Zentrum stehen bei diesem Film weder die Bilder, noch eine politische Botschaft, sondern ganz klar die Musik. Alexander Hacke setzt sich bei seiner Suche nach interessanten Klängen über viele Stilgrenzen hinweg: Er spielt mit den Psychodelikern der Band “Baba Zula” genauso wie mit der türkischen Schlagersängerin Sezen Aksu. Dazwischen trifft er Rock-Gruppen, Rapper, die ihre politischen Texte auf Türkisch singen, Breakdancer, Derwische, Roma und Straßenmusiker. Er spricht mit ihnen über ihre Musik, lässt sie aber auch ganz für sich wirken und versucht die Einflüsse auf ihre Musik zu ergründen.

Und hier liegt eines der größten Probleme des Films: 90 Minuten dieser fremden Musik, mit ungewohnten Rhythmen und exotische Instrumenten strengen an. Zudem macht es einem der Aufbau der Dokumentation nicht leicht. Steigt sie noch mit relativ gewohnten Tönen ein, wird es gegen Ende immer ungewohnter. Die Reise durch den musikalischen Mikrokosmos Istanbuls führt immer weiter weg vom Europäischen, hin zum Asiatischen. Ein schöner Gedanke von Fatih Akin, der aber leider an abendländischen Hörgewohnheiten scheitert. Die Konzentration lässt nach und irgendwann wird es schwierig den Sängern und Musikern zu folgen.

Auf seine eigene Art politisch

Keine leichte Abendunterhaltung also, aber sicher ein sehenswerter Film für Freunde exotischer Musik. Und zudem ein Film, der die Brüche und das Bewusstsein in einer halb europäischen, halb asiatischen Metropole skizziert. Die Dokumentation erhebt nicht den Anspruch politisch zu sein und ist es dennoch auf ihre Weise: Sie zeigt das Lebensgefühl und das Selbstverständnis von Menschen, die bald in der Europäischen Union sein könnten. Und das obwohl sich viele von ihnen nicht unbedingt als Europäer verstehen – das zeigt schon ihre Musik – wie Konfuzius bereits sagte.

 

“Crossing the Bridge” (D 2004) Kinostart: 9. Juni 2005 Regie und Drehbuch: Fatih Akin Produzenten: Fatih Akin, Klaus Maeck, Andreas Thiel, Sandra Harzer-Kux, Christian Kux Mit: Alexander Hacke, Baba Zula, Aynur, Sezen Aksu, u.a.


Die Bildrechte liegen bei coraz


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