Tücken und Lücken

22. Jul 2005 | von Jochen Groß | Kategorie: Wahlen und Demokratie

Der laufende Bundestagswahlkampf saugt sein Blut unter anderem aus den täglich neu erscheinenden Umfragen. Doch die Fallstricke des mächtigen Instruments Demoskopie werden dabei allzu oft übersehen. Von Jochen Groß

Meinungsumfragen zählen inzwischen nicht nur in der Politik zu einem wesentlichen Legitimationsmittel des eigenen Handelns, sondern werden auch von Unternehmen im Bereich der Marktforschung rege eingesetzt. Der Umgang mit demoskopischen Ergebnissen zu politischen Themen erscheint besonders auffällig fahrlässig. Speziell die Sonntagsfrage – Wen würden Sie wählen, wenn kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre? – sticht besonders heraus.

Vier Institute, fünf Ergebnisse

  umfrage_start.jpgDie Ergebnisse von Wahlumfragen verwirren nicht nur die Parteien. Kaum ein Tag vergeht, an dem die SPD sich nicht im Aufwärtstrend bei den Demoskopen sieht, die Union hingegen nachhaltig über die Traumergebnisse in den Meinungsumfragen frohlockt und von der absoluten Mehrheit träumt. Und die FDP hingegen wägt sich angesichts des ermittelten Stimmanteils von sieben Prozent bereits sicher im Bundestag. Doch wer hat Recht? Alle und keiner, denn: Zum einen beziehen sich die Parteien meist auf Umfragen verschiedener Institute – mit entsprechend divergierenden Ergebnissen. Zum anderen wird die Problematik der berichteten Daten oft nicht berücksichtigt. Betrachtet man die jüngsten Umfragergebnisse der Sonntagsfrage vergleichend, so sind gewisse Unterschiede feststellbar. Forsa ermittelte Mitte Juli einen Stimmenanteil von 46 Prozent für CDU / CSU. Infratest dimap dagegen kommt bei einer Umfrage im selben Zeitraum auf nur 42 Prozent. Ähnlich variiert der Anteil der anderen Parteien je nach Umfrageinstitut. Besonders das Linksbündnis PDS-WASG scheint die Demoskopen vor große Herausforderungen zu stellen. Während Emnid der neuen Linkspartei 12 Prozent in Aussicht stellen, ermittelt die Forschungsgruppen Wahlen nur einen Stimmenanteil von 8 Prozent. Das klingt nicht nach dramatischen Differenzen, zumal sich eine relative Stabilität der Ergebnisse der Sonntagsfrage im Zeitablauf zeigt. Doch die Unterschiede wiegen schwer und der Teufel steckt im – nicht genannten – Detail. Hält man sich an Emnid, wäre die Linkspartei klar die drittstärkste Kraft im nächsten Bundestag. Der Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap zufolge wären das allerdings nach wie vor die Grünen. Rechnet man das Ganze noch in Sitze um, ergeben sich so viele mögliche Wahlsieger und Koalitionen wie Umfragen.

Was nicht gesagt wird

Zum anderen sind Meinungsumfragen, insbesondere prospektive, mit einigen Problemen behaftet. Eine korrekte Interpretation der berichteten Statistiken setzt ein größeres Maß an Information voraus als uns Politiker, Medien und die Institute in aller Regel liefern. Grundsätzlich ist der erwartete Stimmanteil jeder Partei ein auf Grundlage der Befragung einer Anzahl von Personen geschätzter Wert. Zur richtigen Einordnung dieses Werts muss man zum einen auf gewisse statistische Gesetzmäßigkeiten zurückgreifen. Zum anderen beeinflussen viele durch die Erhebung bedingten Faktoren das Ergebnis, etwa die Art der durchgeführten Befragung, die genaue Fragestellung sowie der zeitliche Abstand zum Wahltermin.

In aller Regel befragen die Umfrageinstitute zwischen 1.000 und 2.000 Personen, um ihre Prognose zu erstellen. Von dieser Stichprobe aus wird der Stimmanteil jeder Partei für die Grundgesamtheit, das heißt allen Wahlberechtigten, geschätzt. Solch einem Vorgehen liegen statistische Verfahren zu Grunde, die sehr voraussetzungsreich sind. So setzt der Schluss von einer Stichprobe auf die Grundgesamtheit voraus, dass die Stichprobe zufällig ermittelt wurde. Man kann sich eine Liste mit allen Wahlberechtigten Deutschlands vorstellen und daraus werden die 1.000 zu Befragenden zufällig ausgewählt. Dieses Verfahren ist aufwändig, wenn auch mittlerweile dank computergestützter Verfahren leicht und relativ kostengünstig zu realisieren.

Dennoch gehen nicht alle Institute so vor. Elisabeth Noelle-Neumanns Allensbach Institut schwört etwa auf ein umstrittenes Quotenverfahren, wonach jeweils eine vorgegebene Anzahl von Personen mit bestimmten Merkmalen befragt wird und anschließend statistisch nach der Verteilung dieser Merkmale in der Bevölkerung gewichtet wird. Statistiker sprechen diesem Verfahren den Schluss auf die Grundgesamtheit ab. Ermittelt man nun aus der Stichprobe die Stimmanteile der einzelnen Parteien, dann ist die Übertragung auf das aktuelle Meinungsbild der Wahlberechtigten immer nur innerhalb von Fehlerintervallen möglich. Betrachten wir beispielsweise den vorhergesagten Stimmanteil von sieben Prozent für die FDP. Angenommen wir haben eine zufällig gezogene Stichprobe von 1.000 Personen, dann haben wir insgesamt 70 bekennende FDP-Wähler. Berechnet man hierfür das 95%-Konfidenzintervall, dann erhält man ungefähr als Obergrenze 8,6 und als Untergrenze 5,4 Prozent. Das heißt, dass man mit 95%iger Sicherheit sagen kann, dass der tatsächliche Stimmanteil der FDP zwischen 8,6 und 5,4 Prozent liegen wird. Daran sieht man schon, dass weder der Einzug der kleineren Parteien, noch gar ihre Stärke im künftigen Bundestag ausgemachte Sache ist – Wahlkampf hin oder her.

Fallstrick Zukunft

Doch diese statistischen Details sind weit weniger schwer wiegend als die anderen zahlreichen, möglichen Fehlerquellen. So bringen Fragen über die Absicht einer Handlung in der Zukunft erhebliche Probleme mit sich, da man aus zahlreichen Forschungsergebnissen weiß, dass eine geäußerte Absicht in einer Umfrage keineswegs der tatsächlichen Handlung entsprechen muss und wird. Darüber hinaus zählt die Teilnahme an der Wahl zu einer sozial gewünschten Handlung – eine weitere Verzerrungsquelle der Sonntagsfrage. So überschätzt man bei Wahlumfragen permanent den Wähleranteil. Wäre die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen so hoch wie die bei Sonntagsfragen geschätzte, gäbe es keine Diskussion über die Politikverdrossenheit der Bürger. Dass sich so Fehler einschleichen und folglich die Stimmanteile einzelner Parteien über- oder unterschätzt werden, ist logisch. Zudem gilt die Regel, dass Sonntagfragen mit zunehmender Distanz vom Wahltermin ungenauer werden. Die aufgezählten Fallstricke der Demoskopen sind nur die gröbsten Störfaktoren der Umfragen, es gibt vor allem im Hinblick auf das konkrete Erhebungsverfahren noch weitaus mehr mögliche Fehlerquellen.

Demoskopie – alles für die Katz?

Angesichts dieser immensen Fehlerquellen erscheint die Demoskopie als Orakel für den Wahlausgang reichlich ungeeignet. Die Umfrageinstitute sind sich dieser Schwächen durchaus bewusst und investieren entsprechend viel, um diese Fehlerterme möglichst auszuschalten. Üblicherweise geschieht dies durch eigene, gut behütete Gewichtungen und Hinzurechnungen von Erfahrungswerten. Beispielsweise wird die Wahlbeteiligung der letzten Bundestagswahlen, die soziodemographischen Merkmale der Befragten, die Parteiidentifikation etc. berücksichtigt. Oft nimmt die Prognosegenauigkeit der Institute mit diesem Verfahren mit zunehmender Nähe der Bundestagswahlen auch zu – allerdings gibt es neue Faktoren, die die Unsicherheiten vergrößern: die steigende Zahl der Wechselwähler, die zunehmende Zahl der Unentschlossenen und nicht zuletzt die neue Linkspartei. Immer wieder hat man bei Wahlen sehen können, wie schwer es die Meinungsforscher mit Randparteien haben. Deshalb ist gerade im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl größte Vorsicht bei der Interpretation von Meinungsumfragen geboten.


Zum Vertiefen: Andreas Diekmann: Empirische Sozialforschung Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 10. Aufl. 2003

Links:

Übersicht über die aktuellen Sonntagsfragen

Überzogen kritische Wahlprognosen-Homepage von Prof. Ulmer

Bildrecht: e-politik.de


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