Soziale Ungleichheit

20. Nov 2005 | von Jochen Groß | Kategorie: Politisches Buch

coverburzn.jpgSoziale Ungleichheit ist einer der zentralen Untersuchungsgegenstände der Soziologie. Nicole Burzan hat hierzu eine kompakte Einführung in die wesentlichen Theorien vorgelegt, die nicht nur für Studierende des Faches lohnenswert ist. Von Jochen Groß

Die aktuelle PISA-Studie hat das Thema soziale Ungleichheit in Deutschland zumindest für kurze Zeit auf die Titelseiten gebracht: In keinem der anderen OECD-Staaten ist die soziale Selektivität hinsichtlich des Zugangs zu höherer Bildung so ausgeprägt wie in Deutschland. Allen voran marschiert hier das Musterbundesland Bayern, wo Kinder aus Oberschichtfamilien mit einer fast sieben Mal so hohen Wahrscheinlichkeit ein Gymnasium besuchen wie Kinder aus Unterschichtfamilien – wohlgemerkt unter Kontrolle der Bildungskompetenzen. So aufgeschreckt durch diese neuen Ergebnisse die Öffentlichkeit auch sein mag, soziale Ungleichheit in all ihren Dimensionen ist allgegenwärtig und wird auch nicht zwangsläufig als ungerecht aufgefasst wie in Bezug auf die Bildungsungleichheit.

Die soziologische Kernkompetenz

Die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheiten gehört zu den Kernkompetenzen der Soziologie. Umso erstaunlicher erscheint es, dass der Markt mit Einführungsbüchern in diese Disziplin eher dünn gesät ist und sich im Wesentlichen auf die Beschreibung von sozialen Lagen beschränkt, wie beispielsweise der Klassiker unter den Einführungsbüchern zur Sozialstrukturanalyse Deutschlands von Rainer Geißler.

Viel weniger beachtet hingegen wurden bisher die Theorien der sozialen Ungleichheitsforschung, Voraussetzung jeder wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung. Nicole Burzan, Juniorprofessorin an der Fernuniversität Hagen, hat nun in der zweiten Auflage eine kompakte Übersicht über zentrale Ansätze der soziologischen Ungleichheitstheorien vorgelegt. Dabei geht sie chronologisch vor und skizziert zunächst die "Klassiker": Karl Marx Klassenmodell, Max Webers konträre Vorstellung von Klassen und Ständen, Theodor Geigers Schichtmodell sowie die funktionalistische Sichtweise sozialer Schichtung. Helmut Schelskys nivellierte Mittelstandsgesellschaft, Ralf Dahrendorfs Konflikttheorie und neomarxistische Ansätze aus den 1970ern werden schließlich herangezogen, um die auch begriffliche Diskussion um Klassen, Schichten, später dann Milieus und Lebensstile herauszuarbeiten.

Dabei steht immer die Frage im Mittelpunkt, welcher der Ansätze denn nun adäquat ist, eine (moderne bzw. die deutsche) Gesellschaft zu beschreiben und vor allem ihre sozialen Ungleichheiten zu erklären. Eine Antwort hierauf verweigert das Buch jedoch. Vielmehr werden die Positionen der jeweiligen Vertreter prägnant nachgezeichnet und die jeweils einschlägige Kritik präsentiert.

Klasse, Schicht, Milieu oder doch Lebensstil?

Ausgehend von diesen grundlegenden Diskussionen und Ansätzen in einer der wohl vitalsten Teildisziplinen der Soziologie geht Burzan etwas genauer auf aktuellere (theoretische) Debatten in der sozialen Ungleichheitsforschung ein. Hierbei steht die Ausdifferenzierung verschiedener Konzepte im Vordergrund: Zum einen die Weiterentwicklung von Schicht- und Klassenmodellen und zum anderen die neu eingeführten Begriffe Milieu und Lebensstile und alles auch vor dem Hintergrund prominenter Thesen wie der Annahme zunehmender Individualisierung gesellschaftlicher Differenzierung.

So verwirrend auch das begriffliche Instrumentarium der Soziologie sein mag, so gegensätzlich und dann auch wieder verwoben die Ansätze auch sein mögen, die Autorin bewahrt in ihrer kompakten Einführung den Überblick und vermittelt diesen auch dem Leser. Trotz vieler notwendiger Querverweise, parallelen Entwicklungen und alles andere als einem auch nur gemeinsamen Verständnis des Analyseobjekts führt das Buch klar und stringent durch das Dickicht und vermittelt knapp und präzise Grundkenntnisse der sozialen Ungleichheitsforschung. Dabei richtet sich die Einführung zwar vorrangig an Studierende der Soziologie, doch bei Burzan sind auch Fachfremde bestens aufgehoben, denn nebenbei erfährt man viel über die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands und auch die Fortschreibung des Fachs.

Kompakt, prägnant und formal mangelhaft

Angesichts des für ein soziologisches Lehrbuch mit 200 Seiten wirklich äußerst kompakten Umfangs versteht es sich von selbst, dass man der Autorin Auslassungen, Verkürzungen und sicher auch falsche Schwerpunktsetzungen vorwerfen könnte. Doch einen vertieften Einblick in die skizzierten Konzepte will und kann das Buch nicht liefern, hierzu muss man auf die reichhaltig angegebene Literatur zurückgreifen. Vielmehr ist das Weniger an Informationstiefe ein Mehr an Einsicht in ein schwierig zu überblickendes Forschungsfeld – gerade für Studienanfänger und soziologisch nicht Vorgebildete.

Zurecht wurde das Buch auch mit dem Lehrbuchpreis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ausgezeichnet, denn an solch – auch verkürzten – Darstellungen wesentlicher Forschungszweige mangelt es und erschwert unnötigerweise den Zugang zu einem Fach, das anders als viele meinen, mittlerweile sehr viel zur Erklärung sozialer Zustände und Prozesse beitragen kann und dementsprechend auch beachtet werden sollte. Einzig die anhaltende Sparpolitik seitens der Verlage muss hier bemängelt werden. Weder erscheint das Buch, obwohl es bereits in der zweiten Auflage vorliegt, in einem ansprechenden, gut zu lesenden Layout, noch arbeitete das Lektorat sorgfältig. So wünschenswert günstige Lehrbücher auch sein mögen, 20 Euro ist an diesem Buch nur der Inhalt wert.


Das Copyright des Buchcovers liegt beim VS Verlag.

Burzan, Nicole: "Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien"
VS Verlag, Wiesbaden, (2005),
385 Seiten, 2. Auflage,
17,90 Euro, ISBN 3-531-34145-6

Weiterführende Links:

Homepage von Nicole Burzan
Homepage der Sektion Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse der Deutschen Gesellschaft für Soziologie


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