Schmach von gestern

04. Sep 2005 | von | Kategorie: Vergessene Konflikte

Wenn chinesische Soldaten fernsehtauglich mit roten Westen einen Strand stürmen ist das eine öffentliche Demonstration militärischer Stärke. Doch wem gelten diese Manöver? Den USA? Wohl kaum. Dann schon eher Taiwan, das die chinesische Führung als Teil des eigenen Landes ansieht. Teil sechs unserer Serie Vergessene Konflikte. Von Frank Bruce

Die Antwort liegt einige Jahrzehnte zurück und ist trotzdem immer präsent. Die Antwort lautet Taiwan, oder Republik China, wie Taiwan offiziell heißt. 1949 übernahm der Kommunist Mao Tse-Tung die Macht in China. Zuvor musste Mao jedoch Chiang Kai-Shek und die Nationalisten der Kuomintang aus dem Land vertreiben. Zwei Millionen Menschen sind mit Chiang auf die nahe gelegene Insel Taiwan geflüchtet und haben dort die Republik China gegründet. In den nachfolgenden zehn Jahren gab es vier größere Konflikte zwischen den Bruderstaaten.

Die Vorgeschichte

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Chiang Kai-Shek

1925 übernahm Chiang Kai-Shek die Führung der Kuomintang. Seine Position innerhalb der Partei wurde jedoch von der eigenen Linken und den Kommunisten gefährdet. Hinzu kam, dass viele Regionen Chinas von unabhängigen Fürsten beherrscht wurden. In den folgenden Jahren entledigte Chiang sich der Fürsten und eines Teils der Kommunisten und ihrer Sympathisanten. Die Regionen, in denen Mao die Macht hatte, ließ er unberührt. Chiangs großes Ziel blieb jedoch die Einigung Chinas. Von 1937 bis 1945 tobte der chinesisch-japanische Krieg. Um die militärisch starken Japaner zu besiegen, schlossen sich Nationalisten, Kommunisten und die USA zu einem Zweckbündnis zusammen. Nach dem der zweite Weltkrieg beendet und die Japaner geschlagen waren, brach der alte Konflikt zwischen Mao und Chiang jedoch wieder auf.

Die Krise von 1955: USA und SU spielen mit 

Im Oktober 1954 versprach die Sowjetunion (SU) China Unterstützung bei der zivilen und militärischen Nutzung von Atomenergie. Zu diesem Zeitpunkt war die SU selbst erst seit fünf Jahren im Besitz der Atombombe. Die sowjetische Bombe und das spätere Wettrüsten zwischen den USA

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Chinesische Soldaten bei einem Manöver

und der SU waren eine wichtige Rückendeckung für China. Die Bombardements auf Taiwan begannen. In den Jahren zuvor hatten chinesische Rotarmisten mehrmals versucht, Taiwan auf militärischem Wege zu erobern. Dies schlug immer fehl, die Chinesen wurden in das Meer zurückgeschossen, aus dem sie gerade kamen. Deswegen auch die Bilder chinesischer Soldaten die einen Strand stürmen – China hat die Schmach von damals nicht vergessen.

Taiwan war sehr wichtig für die USA. Der amerikanischen Dominotheorie zufolge würde auch Japan, mittlerweile ein fast "westliches" Land, als letzte Bastion der freien Welt in Asien fallen – wenn nur Taiwan fiele. Dies mussten die USA verhindern. Die Amerikaner konnten sich jedoch nicht auf eine direkte Konfrontation mit China oder der SU einlassen. Das Problem bestand in der neuen Sicherheitsdoktrin der USA, genannt "New Look". Diese baute auf der Atombombe als Drohkulisse auf, die die USA im Ernstfall ohne zu zögern wohl auch genutzt hätten. Aber die Antwort der SU kann man sich denken. Ein zu forsches Vorgehen der Amerikaner – und die Welt hätte ihren ersten Atomkrieg erlebt.

Eisenhower: “Die Atombombe ist wie eine Pistole.”

Dass diese Strategie Risiken in sich barg, ist logisch, wenn man bedenkt, dass für den Ausbau des Atomarsenals die regulären Streitkräfte drastisch verkleinert wurden. Die US-Armee war also nur noch schwer in der Lage, kleinere Konflikte auf herkömmlichen Wege schnell zu lösen, um die Entstehung größerer zu verhindern. Im Jahr zuvor waren die USA demzufolge zum Zuschauen verdammt, als Frankreich aus Indochina vertrieben wurde. Das umgestaltete US-Militär hatte keine Möglichkeit, den verbündeten Franzosen zu helfen. Mit Frankreich wurde die letzte westliche Macht aus Asien vertrieben. Daher war es umso wichtiger, dass Taiwan nicht fiel.

Der amerikanische Präsident Eisenhower wusste natürlich um die Schwächen des "New Look", war aber auf Grund der Dominotheorie gezwungen zu handeln. Am 28. Januar 1955 wurde die Formosa-Doktrin des Präsidenten vom US-Senat abgesegnet. Die Doktrin erlaubte es ihm, dass Militär nach seinem persönlichem Ermessen einzusetzen. Das war ein Novum in der amerikanischen Geschichte. Nie zuvor hatte ein Präsident so viel Macht. Der Einsatz des Militärs war jedoch sehr riskant. Daher rüsteten die USA Taiwan mit Waffen und militärischem Gerät aus und stationierten eine Zerstörerflotte in der Nähe Taiwans. Weiterhin gab Präsident Eisenhower eine Reihe widersprüchlicher Interviews und äußerte sich über den Einsatz der Atombombe in der internationalen Presse: “Die Atombombe ist ein Werkzeug, genauso wie eine Pistole. Natürlich würde ich die Atombombe einsetzen.”

Überzeugende Granaten

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Das chinesiche Militär übt.

Dies verunsicherte nicht nur die Chinesen, sondern auch die SU. Weder China noch die SU konnten die Handlungen der USA richtig einschätzen. Dies führte dazu, dass am 23. April 1955 das Artilleriefeuer auf Taiwan eingestellt wurde. Keine der beiden Großmächte wollte einen Atomkrieg riskieren. Eisenhowers Plan ging auf. Scharmützel gab es aber dennoch immer wieder. Bis in die 70er Jahre hinein beschossen sich China und Taiwan gegenseitig mit sogenannten Propagandagranaten. Die mit Agitationsschriften und Produkten aus dem eigenen Staat gefüllten Geschosse sollten die Zivilbevölkerung davon überzeugen, dass der andere Staat der bessere sei. Aus der Sicht Taiwans waren jene Maßnahmen durchaus erfolgreich: Mehrere tausend Festlandchinesen wanderten über die kleine Meerenge nach Taiwan aus.

Und heute? In der chinesischen Verfassung steht, dass Taiwan früher oder später wieder ganz zu China gehören wird. Dies hat die chinesische Nationalversammlung mit einem Anti-Sezessionsgesetz festgelegt: Erklärt sich Taiwan als unabhängig, hat China, nach chinesischem Recht, die Erlaubnis, Taiwan anzugreifen, um die Sezession zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste China Taiwan also militärisch besiegen.

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Geographische Lage Taiwans

Das dürfte für China schwer werden, denn das chinesische Militär ist dem taiwanesischen nur der Größe nach überlegen. China hat dennoch nicht davor zurückgeschreckt, die Zahl der auf Taiwan gerichteten Raketen seit Anfang des Jahres von 300 auf 800 zu erhöhen. Denn Taiwan hat seine beiden vorgelagerten Inseln Quemoy und Matsum seit den ersten Zwischenfällen zu effektiven Verteidigungsanlagen ausgebaut.

Inlandsflüge von Peking nach Taipei 

Unter Staatschef Shui-Bian hat Taiwan bei den USA zudem mehrere Aegis-Zerstörer bestellt. Bis jetzt wurde von der Bush-Regierung in dieser Sache noch keine Entscheidung getroffen. Die USA wollen Taiwan aber weiterhin unterstützen – die Chinesische Regierung gleichzeitig aber nicht verprellen. Davon abgesehen ist Taiwan heute ein wirtschaftlich starkes Land, das es als wirtschaftlichen und strategischen Partner zu sichern gilt. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber immerhin: Seit Beginn dieses Jahres gibt es zwischen China und Taiwan wieder Direktflüge, die am ehesten von Geschäftsleuten genutzt werden. Für die chinesische Regierung sind die Charterflüge jedoch weiterhin Inlandsflüge, denn Taiwan bleibt für die Regierung in Peking eine weitere Provinz des chinesischen Staates.


Die Bildrechte liegen bei:

Chiang Kai-Shek: http://www.loc.gov/rr/print/list/235_poc.html

Manöver: Backstage BBC

Karte: Public Domain

Chinesisches Militär: www.checkpoint-online.ch


Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.


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