Schmach von gestern
Wenn chinesische Soldaten fernsehtauglich mit roten Westen einen Strand stürmen ist das eine öffentliche Demonstration militärischer Stärke. Doch wem gelten diese Manöver? Den USA? Wohl kaum. Dann schon eher Taiwan, das die chinesische Führung als Teil des eigenen Landes ansieht. Teil sechs unserer Serie Vergessene Konflikte. Von Frank Bruce
Die Antwort liegt einige Jahrzehnte zurück und ist trotzdem immer präsent. Die Antwort lautet Taiwan, oder Republik China, wie Taiwan offiziell heißt. 1949 übernahm der Kommunist Mao Tse-Tung die Macht in China. Zuvor musste Mao jedoch Chiang Kai-Shek und die Nationalisten der Kuomintang aus dem Land vertreiben. Zwei Millionen Menschen sind mit Chiang auf die nahe gelegene Insel Taiwan geflüchtet und haben dort die Republik China gegründet. In den nachfolgenden zehn Jahren gab es vier größere Konflikte zwischen den Bruderstaaten.
Die Vorgeschichte
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Chiang Kai-Shek |
Die Krise von 1955: USA und SU spielen mit
Im Oktober 1954 versprach die Sowjetunion (SU) China Unterstützung bei der zivilen und militärischen Nutzung von Atomenergie. Zu diesem Zeitpunkt war die SU selbst erst seit fünf Jahren im Besitz der Atombombe. Die sowjetische Bombe und das spätere Wettrüsten zwischen den USA
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Chinesische Soldaten bei einem Manöver |
Taiwan war sehr wichtig für die USA. Der amerikanischen Dominotheorie zufolge würde auch Japan, mittlerweile ein fast "westliches" Land, als letzte Bastion der freien Welt in Asien fallen – wenn nur Taiwan fiele. Dies mussten die USA verhindern. Die Amerikaner konnten sich jedoch nicht auf eine direkte Konfrontation mit China oder der SU einlassen. Das Problem bestand in der neuen Sicherheitsdoktrin der USA, genannt "New Look". Diese baute auf der Atombombe als Drohkulisse auf, die die USA im Ernstfall ohne zu zögern wohl auch genutzt hätten. Aber die Antwort der SU kann man sich denken. Ein zu forsches Vorgehen der Amerikaner – und die Welt hätte ihren ersten Atomkrieg erlebt.
Eisenhower: “Die Atombombe ist wie eine Pistole.”
Dass diese Strategie Risiken in sich barg, ist logisch, wenn man bedenkt, dass für den Ausbau des Atomarsenals die regulären Streitkräfte drastisch verkleinert wurden. Die US-Armee war also nur noch schwer in der Lage, kleinere Konflikte auf herkömmlichen Wege schnell zu lösen, um die Entstehung größerer zu verhindern. Im Jahr zuvor waren die USA demzufolge zum Zuschauen verdammt, als Frankreich aus Indochina vertrieben wurde. Das umgestaltete US-Militär hatte keine Möglichkeit, den verbündeten Franzosen zu helfen. Mit Frankreich wurde die letzte westliche Macht aus Asien vertrieben. Daher war es umso wichtiger, dass Taiwan nicht fiel.
Der amerikanische Präsident Eisenhower wusste natürlich um die Schwächen des "New Look", war aber auf Grund der Dominotheorie gezwungen zu handeln. Am 28. Januar 1955 wurde die Formosa-Doktrin des Präsidenten vom US-Senat abgesegnet. Die Doktrin erlaubte es ihm, dass Militär nach seinem persönlichem Ermessen einzusetzen. Das war ein Novum in der amerikanischen Geschichte. Nie zuvor hatte ein Präsident so viel Macht. Der Einsatz des Militärs war jedoch sehr riskant. Daher rüsteten die USA Taiwan mit Waffen und militärischem Gerät aus und stationierten eine Zerstörerflotte in der Nähe Taiwans. Weiterhin gab Präsident Eisenhower eine Reihe widersprüchlicher Interviews und äußerte sich über den Einsatz der Atombombe in der internationalen Presse: “Die Atombombe ist ein Werkzeug, genauso wie eine Pistole. Natürlich würde ich die Atombombe einsetzen.”
Überzeugende Granaten
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Das chinesiche Militär übt. |
Und heute? In der chinesischen Verfassung steht, dass Taiwan früher oder später wieder ganz zu China gehören wird. Dies hat die chinesische Nationalversammlung mit einem Anti-Sezessionsgesetz festgelegt: Erklärt sich Taiwan als unabhängig, hat China, nach chinesischem Recht, die Erlaubnis, Taiwan anzugreifen, um die Sezession zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, müsste China Taiwan also militärisch besiegen.
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Geographische Lage Taiwans |
Inlandsflüge von Peking nach Taipei
Unter Staatschef Shui-Bian hat Taiwan bei den USA zudem mehrere Aegis-Zerstörer bestellt. Bis jetzt wurde von der Bush-Regierung in dieser Sache noch keine Entscheidung getroffen. Die USA wollen Taiwan aber weiterhin unterstützen – die Chinesische Regierung gleichzeitig aber nicht verprellen. Davon abgesehen ist Taiwan heute ein wirtschaftlich starkes Land, das es als wirtschaftlichen und strategischen Partner zu sichern gilt. Einen kleinen Lichtblick gibt es aber immerhin: Seit Beginn dieses Jahres gibt es zwischen China und Taiwan wieder Direktflüge, die am ehesten von Geschäftsleuten genutzt werden. Für die chinesische Regierung sind die Charterflüge jedoch weiterhin Inlandsflüge, denn Taiwan bleibt für die Regierung in Peking eine weitere Provinz des chinesischen Staates.
Die Bildrechte liegen bei:
Chiang Kai-Shek: http://www.loc.gov/rr/print/list/235_poc.html
Manöver: Backstage BBC
Karte: Public Domain
Chinesisches Militär: www.checkpoint-online.ch
Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.
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