Schlauer Schwarm
Unter dem Titel “Schwarm-Intelligenz – Die Macht der smarten Mehrheit” fand am 2. Juni in Hamburg der 10. Deutsche Trendtag statt. /e-politk.de/ hat mit dem Initiator gesprochen. Ein Interview mit Peter Wippermann von Nina Wieczorek
Fast 600 Besucher waren nach Hamburg gekommen und blickten gemeinsam in die Glaskugel. Bei zahlreichen Fachvorträgen bekamen sie einen wahren Schwarm von Ergebnissen. Drei sind besonders smart:
1. Die Informationstechnologie beeinflusst immer mehr unser Leben, das sich diesen neuen Bedingungen anpasst und immer individueller und flexibler wird.
2. Durch die aktuelle Informationstechnologie können anonyme Individuen immer leichter miteinander in Kontakt treten, sich vernetzen und zu spontanen Gemeinschaften zusammenschließen. Daraus entstehen die so genannten smarten Mehrheiten (smart mobs), die Richtungswechsel (Trends) vormachen und dadurch die Entwicklung der Gesellschaft steuern.
3. An diese Gruppen muss die Wirtschaft ran kommen, um neue Märkte zu erschließen.
Im Gespräch mit /e-politik.de/ erklärt Professor Peter Wippermann, Gründer und Leiter des Beratungsunternehmens Trendbüro, die smarte Mehrheit, der Entstehung des Trendbüros und die neuesten Sommertrends 2005.
/e-politik.de/: Auf Ihrer Homepage erklären Sie das Schwarm-Prinzip, das aus drei Grundregeln besteht: Man soll immer im Mittelpunkt derer, die einen umgeben sein, sich wegbewegen, wenn jemand zu nahe kommt und sich in dieselbe Richtung wie die andern bewegen. Wie funktioniert dieses Schwarmprinzip genau?
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| Peter Wippermann |
Prof. Dr. Peter Wippermann: Das Schwarm-Prinzip nennen wir Schwarm-Intelligenz. Es geht eigentlich darum, dass jeder für sich entscheidet, dass das Votum dezentral abgegeben wird und dass man trotzdem weiß, was als Mehrheitsergebnis herauskommt. Letzten Endes ist es eine Art von elektronischer Basisdemokratie, die nicht nur in der Politik, sondern vor allem im Konsum stattfindet.
/e-politik.de/: Warum ist das intelligent?
Wippermann: Weil es ein neues Ergebnis zu Tage fördert, das jeder Einzelne, oder Gruppen in der Gesellschaft, nicht machen könnten. Sie können sich überhaupt nicht außerhalb von Trends bewegen, weil die Bindungskräfte in unserer Gesellschaft, die früher durch Religion, Politik, familiäre Prägung vorgegeben waren, nicht mehr in der Form existieren und Sie können auch nicht mehr dagegen rebellieren, weil spätestens seit meiner Generation sozusagen die Möglichkeit für jeden gegeben ist nach seiner Fasson glücklich zu werden. Insofern ist genau das Gegenteil eingetreten: Sie müssen sich für etwas entscheiden, Sie müssen Haltung einnehmen, und egal wie Sie diese Haltung einnehmen, werden Sie diese Haltung nicht alleine einnehmen wollen, denn das ist ein wichtiges menschliches Grundprinzip. Wir wollen zwar anders sein als die anderen, aber wir wollen auf keinen Fall einsam sein. Und dann haben Sie halt Bindungsangebote, die man in Trends erfassen kann.
/e-politik.de/: Gab es schon immer Trends?
Wippermann: Trends sind erst relevant geworden, als es eine Überproduktion in der Gesellschaft gab und als die Bindungskräfte in der Gesellschaft nachgelassen haben, also Ende der 70er Jahre etwa.
/e-politik.de/: Wie ist denn das Trendbüro entstanden?
Wippermann: Das Trendbüro ist vor 13 Jahren entstanden - 1992 in Zusammenarbeit mit Matthias Horx und mit einem konkreten Auftrag von Philipp Morris. Die Idee damals in der Zigarettenindustrie war, rauszukriegen was sich in der Gesellschaft verändert und nicht mehr sosehr vom Produkt aus zu denken. Es ging eigentlich darum, dass man die Konsumenten wichtiger genommen hat als die Produkte.
/e-politik.de/: Wer sind die Kunden? Bekommen Sie nur Aufträge von Philipp Morris?
Wippermann: Nein, wir arbeiten seit der Veränderung im Zigarettenmarketing gar nicht mehr für PM. Das ist gut fünf Jahre her. Wir arbeiten ausschließlich für große Unternehmen. Das hängt damit Zusammen, dass große Unternehmen viel mehr Investitionen in Informationsdienstleistungen machen als kleine Unternehmen.
/e-politik.de/: Wem nutzt diese Arbeit? Diesen Firmen, die dann mehr über ihre Kunden, ihre Bedürfnisse erfahren?
Wippermann: Wir leben ja in einer sehr deutlichen Phase des Strukturwechsels. Die Vernetzung, Computer, das Internet berührt letzten Endes alle Lebensbereiche, nicht alle folgen. Die Anpassungsträgheit in der Kultur und im Sozialen sind jeden Tag in den Medien zu beobachten. Firmen interessieren sich dafür, wie konkret ist es in ihren einzelnen Bereichen: Wie müssen sich Banken neu aufstellen? Was bedeutet es für Versicherungen? Wie sieht das Bausparen übermorgen aus? Und so weiter.
/e-politik.de/: Was erforschen Sie genau: Kleidung, Möbel, Frisuren? Oder wie Sie eben schon meinten, den gesellschaftlichen Wandel?
Wippermann: Kleidung, Frisuren, Autofarben sind alles Indikatoren. Man kann mit Hilfe der Semiotik, also der Idee, dass wir rumlaufen wie kleine Litfasssäulen, sehr viel über Wertewandel erfahren. Wenn wir davon ausgehen, dass Technologien letzten Endes am Flaschenhals der menschlichen Dickköpfigkeit scheitern, dann weiß man, dass das besonders Spannende am Wandel ist: Wann passen wir uns wie an? Und um das noch mal zu verdeutlichen: Als der Euro eingeführt wurde vor gut drei Jahren hat man sicherlich nicht damit gerechnet, dass heute die über 60-Jährigen mit gerade mal elf Prozent in Euro rechnen, und sonst immer noch den Euro-Betrag in D-Mark umrechnen. Das ist aber das wirkliche Problem. Wir leben praktisch immer in der Vergangenheit.
/e-politik.de/: Wer genau wird erforscht?
Wippermann: Es wird zurzeit immer eine Gesellschaftsschicht erforscht, aber natürlich kümmern wir uns um alle Schichten in der Gesellschaft. Es ergibt sich sozusagen ein Puzzle von den gesellschaftlichen Veränderungen. Wir sagen ja nicht, die Gesellschaft verändere sich als solches, als Gesamtheit, sondern es sind immer nur Teile, die sich verändern. Einige verändern sich gar nicht, einige ganz langsam, einige haben viele Möglichkeiten, weil sie jung sind und neue Dinge ausprobieren, andere haben ganz wenige Möglichkeiten sich überhaupt anzuschließen, weil sie vielleicht weniger Geld haben.
/e-politik.de/: Wie sieht dieser Typ Mensch aus, der Trends vormacht?
Wippermann: Man kann keine Trends vormachen, man kann nur Abweichungen vorleben von Gegebenheiten und es kann sein, dass diese Abweichungen von anderen Leuten als interessant angesehen werden und diese Abweichungen annehmen. Dann werden es immer mehr, bis es irgendwann Mainstream ist und dann kann man nicht mehr von Trend sprechen. Vielleicht sollte ich einmal erklären was ein Trend ist: Ein Trend ist der Unterschied zwischen zwei Messpunkten. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Kaffee und gießen Milch da rein, dann haben Sie irgendwann einen Milchkaffee und Sie werden es nicht mehr trennen können.
Die Bildrechte liegen beim Trendbüro.
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