Schlafmohn statt Reis
Einst die Reisschüssel Asiens, heute neben Afghanistan der größte Produzent von Opiaten: Burma. In diesem von Bürgerkrieg, Militärdiktatur und Grenzkonflikten gezeichneten Land kämpfen zudem die meisten Kindersoldaten der Erde. Burma gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und bleibt trotz seiner Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi von den Medien oft unbeachtet. Von Stephan Radomsky
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| NobelpreisträgerinAung San Suu Kyi. |
Fällt das Wort Burma – auch Birma oder neuerdings Myanmar – in den Medien, ist oft nur von ihr die Rede: Aung San Suu Kyi. Sogar Coldplay-Sänger Chris Martin beteiligt sich an einer Werbekampagne für die Freilassung der zierlichen Frau. Die wohl bekannteste Bürgerin ihres Landes ist die Friedens-Nobelpreis-Trägerin von 1991. Die Tochter eines Vorkämpfers für die Unabhängigkeit des Landes vom britischen Imperium sitzt aber trotz einer gewonnenen Parlamentswahl und der Auszeichnung aus Oslo nicht in der Regierung, sondern seit 1989 immer wieder in Hausarrest.
Mit ihrer Partei National League for Democracy (NLD) gewann sie 1989 die Parlamentswahlen. Rund 80 Prozent der Wähler hatten für sie gestimmt. Die Militärregierung, die das Land seit 1962 mit Gewalt zu regieren versucht, setzte die Aktivistin für ihre Anstrengungen für mehr Demokratie “zu ihrem eigenen Schutz” fest und erkannte die Wahl nicht an. Eine fast typische Situation für das südostasiatische Land, in dem seit Jahrzehnten gegen die Staatsmacht und oft auch gegen Nachbarstämme gekämpft wird.
Nicht Kampf um Demokratie, sondern um regionale Unabhängigkeit
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| Burma und seine Nachbarstaaten. |
Doch der Konflikt innerhalb Burmas ist nicht in erster Linie ein Kampf um Demokratie, sondern um Unabhängigkeit und freie Hand auf dem lokalen Drogenmarkt. Rund 30 bewaffnete Gruppen kämpfen in den Provinzen mit der Armee oder anderen Volksgruppen um die Vorherrschaft. Wichtigste ethnische Gruppe sind die Birmanen, die rund 65 Prozent der etwa 50 Millionen Einwohner des Landes stellen und großteils den Zusammenhalt des Vielvölkerstaats befürworten. Viele andere Ethnien haben aber das Gegenteil im Sinn: die Unabhängigkeit. So die Shan mit neun Prozent oder die Karen mit sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Zudem gibt es noch die Volksgruppe der Wa, die in ihrem Teil des Landes bereits faktisch einen eigenen Staat errichten konnten. Mit einigen Volks- und Rebellengruppen wurden bereits Waffenstillstände vereinbart. Diese geben den einzelnen Ethnien aber nur in gewissem Maß Eigenverantwortung beim Drogenhandel. Zudem sind die Abkommen sehr brüchig und oft durch bewaffnete Auseinandersetzungen belastet.
Finanziert wird der bürgerkriegsähnliche Konflikt zum großen Teil mit Geld aus dem Drogenhandel – und zwar auch auf Seiten der burmesischen Armee. Obwohl die Militärjunta an der Staatsspitze mehr als die Hälfte des jährlichen Etats in die Armee steckt, reicht dieses Geld nicht aus. So fördert selbst die Staatsmacht in den von ihr kontrollierten Gebieten den Anbau von Klatschmohn und die Produktion von Rohopium. Dadurch gilt Burma, neben Afghanistan, als der größte Opium-Exporteur der Welt und trägt so maßgeblich zum zweifelhaften Ruhm des “goldenen Dreiecks” in Südostasien bei.
Keine Chance für internationales Eingreifen
Die Weltgemeinschaft versucht hier zwar zu intervenieren, jedoch mit geringem Erfolg. Die bereits seit längerem von den USA und der EU verhängten Waffenembargos können nicht verhindern, dass stets neuer Nachschub an die zahlungskräftigen Kunden geliefert wird. Und auch die Bemühungen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) werden unterlaufen. “Für die Bauern gibt es keinen freien Markt. Mit dieser Politik treibt die Regierung die Menschen in die Armut”, zitierte das Online-Portal drittewelt.de die stellvertretende WFP-Exekutivdirektorin Sheila Sisulu nach ihrem Besuch im September 2004.
So lebten nach Angaben der Universität Kassel bereits 1997 etwa 23 Prozent der Bürger Burmas unterhalb der Armutsgrenze. Eine Zahl, die sich angesichts der weiterhin repressiven Politik des Landes und der gezielten Benachteiligung und Vertreibung der Minderheiten in den Grenzregionen noch verschlimmert haben dürfte.
Mehr als 60 000 Kinder in der staatlichen Armee
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| Über die Grenze nach Thailand geflohen: eine Witwe mit ihrem kleinen Sohn. |
Nicht nur Vertreibungen und das gezielte “Aushungern” ungeliebter Minderheiten sind in Burma Alltag. Auch der Einsatz von Kindern in allen Konfliktparteien gehört zum täglichen Geschäft. So schätzen Hilfsorganisationen, dass allein in der staatlichen Armee über 60 000 Kinder ab elf Jahren dienen. Weitere 6 000 sollen auf Seiten der verschiedenen Rebellengruppen kämpfen. “Als besonders schlimm empfinde ich, dass Kinder zwangsrekrutiert werden, nur damit die Gegner sie nicht kriegen. In manchen Regionen dient die Rekrutierung von Kindersoldaten auch als Instrument zur Unterdrückung von oppositionellen Gruppen und Ethnien”, erklärte Andreas Rister von der Hilfsorganisation Terre des Hommes in einem Interview mit der ZEIT die besondere Logik des Einsatzes von Kindersoldaten.
Auch ärztliche Versorgung ist Mangelware. So leben etwa 150 000 Menschen an der Burmesischen Grenze zu Thailand nur mit der Versorgung durch rund 70 “Rucksack-Doktoren” – Exil-Burmesen, die aus den Flüchtlingslagern des Nachbarlandes auf der anderen Grenzseite in das oft verminte und unzugängliche Dschungelgebiet reisen. Mit Rucksäcken voller Medikamente gelangen sie auf Schmugglerpfaden durch die Dörfer, bis ihre Vorräte aufgebraucht sind. Danach geht es zurück nach Thailand, um neue Ausrüstung zu holen.
Die Militärjunta: Ein Schritt nach vorn, zwei zurück
Die Lage im Land scheint sich wieder zu verschärfen: Nachdem das Regime eine Zeit lang mit liberaleren Köpfen in der Politik vorsichtige Öffnung signalisiert hatte, wird nun wieder die Isolation betrieben. Dem Staatschef vollkommen loyale Militärs wurden in verschiedene Ämter gehievt und so die Chance für erste Verhandlungen auf internationaler Ebene ausgeschlagen. Zudem setzt die Armee auf neue Offensiven gegen die restlichen Rebellengruppen, mit denen noch keine Waffenstillstände geschlossen wurden. Außerdem sitzt Aung San Suu Kyi nach einem wohl von der Regierung fingierten Überfall auf ihren Konvoi im Mai 2003 und einem Gefängnis wieder in Hausarrest – zum eigenen Schutz versteht sich.
Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.
Die Bildrechte liegen bei freeburma.org (Porträt) und Terre des Hommes (Mutter mit Kind). Karte: Public Domain.
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