Reise ins Innenleben eines Häftlings

19. Jul 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Guanta2.jpgDorothea Dieckmann, Schriftstellerin und freie Mitarbeiterin mehrerer Feuilletons wie z. B. der ZEIT, wurde von den ersten Fernsehbildern aus Guantánamo, die Anfang 2003 ausgestrahlt wurden, zu einem sehr ungewöhnlichen Buchprojekt inspiriert: Die komplizierte Rechtskonstruktion zur Inhaftierung der "feindlichen Kämpfer", die sich in einem quasi rechtsfreien Raum ohne die gewohnten Kontrollmechanismen der US-Verfassung und des Völkerrechts wiederfanden, spornte sie zu intensiven Recherchen an: Sie sammelte Unmengen an Zeitungsausschnitten und versuchte sich ein möglichst genaues Bild vom Guantánamo-Komplex zu machen, auch wenn sie keinerlei Möglichkeit hatte, dorthin zu reisen.

Was fühlt man in der Ausweglosigkeit?

Innerhalb weniger Monate brachte Dieckmann einen kurzen Roman, eher eine Erzählung, zu Papier, in deren Mittelpunkt die fiktive Person Rashid steht: Ein junger Hamburger Muslim, der bei einer Reise nach Pakistan in Turbulenzen gerät und schließlich in Guantánamo landet. In einem gewagten Experiment versetzt sich die Autorin in die Gedanken und Gefühle des Häftlings: Wie fühlt sich ein junger Mann, der auf unbestimmte Zeit in US-Gewahrsam bleiben wird? Wie erlebt er die Schikanen des Wach- und Verhörpersonals? Wie sieht sein Gefühlsleben zwischen Phasen der Hoffnung und der Verzweiflung aus?

Ein polarisierendes Buch

Dorothea Dieckmann beschreibt dies in sehr kurzen, einprägsamen Sätzen, die in ihrem Stakkato einen eigentümlichen Sog entfalten. Bereits beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, als sie ein Kapitel aus der Rohfassung las, war sich die Kritik einig: Handwerklich ist das Buch gelungen. Ansonsten gehen die Meinungen aber sehr, sehr weit auseinander: Einige halten Guantánamo für ein mutiges und wichtiges Buch, das für die menschenrechtlich-fragwürdige Politik der Bush-Administration eindrucksvolle Bilder und Sprachformen findet. Andere urteilen hingegen, dass Dieckmann auf dem schmalen Grat zwischen politischem Engagement und Kitschproduktion abstürze. Gefangenenlager sind in der Literatur der Moderne ein wichtiges Motiv, erfordern aber sehr viel Fingerspitzengefühl, woran es ihr im Gegensatz zu Imre Kertesz oder Primo Levi mangele. Außerdem seien die Hintergedanken bei ihrer Themenwahl zu durchschaubar: Sie wolle lediglich auf der populären Welle des Bush-Bashings mitsurfen und somit die Verkaufszahlen ihres Buchs in die Höhe treiben.

Fazit

Es handelt sich in jedem Fall um ein Buch, das seine Leser herausfordert. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen bewusst. Wie weit sich jeder einzelne auf das Gedankenspiel von Rashids inneren Monologen einlassen möchte, muss jeder für sich selbst entscheiden: "Zu viel Schmerz sitzt in den Knien, zu wenig Schmerz in den Füßen. Nur nicht bewegen. Aber die Füße schmerzen, und die Knie noch mehr. Die Knie kämpfen gegen die Füße, die Füße gegen die Knie. Es ist ein Kampf um die Neigung der Schenkel, den Schwerpunkt des Rumpfs, ein Entscheidungskampf."


Dieckmann, Dorothea: "Guantánamo. Roman."

Klett-Cotta, Stuttgart, 2004, 159 Seiten.

ISBN: 3-608-93599-1, 16 Euro.

Der Verlag im Internet: www.klett-cotta.de

Die Bildrechte liegen beim Verlag Klett-Cotta.

Infos zur Autorin: http://www.perlentaucher.de/autoren/9326.html


Lesen Sie hier den zweiten Teil der Doppelrezension über Neuerscheinungen zum Themenkomplex Guantánamo.


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