Polnisches Wahlroulette
Prospekt des künftigen Premiers Jarosław Kaczyński (PiS) |
Ein gewaltiger Rechtsruck geht durch Polen. Die beiden konservativen Parteien " Recht und Gerechtigkeit" (PiS – Prawo i Sprawiedliwość) und "Bürgerplattform" (PO – Platforma Obywatelska) konnten – nach den vorläufigen Wahlergebnissen – in den Parlamentswahlen zusammen ganze 50,7 Prozent der Wählerstimmen bzw. 60 Prozent der Mandate auf sich vereinen. Diese überwältigende Mehrheit im polnischen Sejm ermöglicht ihnen jedoch – entgegen der bisherigen Umfragewerte – keine Verfassungsänderung, die beide bei unterschiedlichen Vorstellungen auch anstreben. Die bisherige Regierungspartei "Bund der Demokratischen Linken" (SLD – Sojusz Lewicy Demokratycznej) erlitt hingegen einen immensen Stimmenverlust von rund 30 Prozent, wurde allerdings mit ca. 12 Prozent überraschend doch noch viertstärkste Fraktion.
Populisten in der Mehrheit
Stimmverteilung der Sejmwahlen (vorläufige Ergebnisse) |
Über die Hälfte der polnischen Wähler glaubten den Wahlslogans dreier populistischer Parteien – PiS, LPR und Samoobrona. Die stärkste Fraktion stellt mit 26,6 Prozent die nationalistische und wertkonservative PiS. Die Saubermänner-Gebrüder Lech und Jarosław Kaczyński dominieren die Law-And-Order-Partei. Der Vorsitzende der Partei, Jarosław Kaczyński, hat bereits den Sessel des Premierministers erobert. Sein Bruder Lech hofft nun in Kürze auf den Präsidentenposten. Als Oberbürgermeister Warschaus verbot er eine "Parade der Normalität", die für die Toleranz von Homosexualität werben sollte. Die Schaffung einer IV. Republik Polen soll mit einer Verfassungsänderung eingeläutet werden, die eine Stärkung des Präsidenten, die Verringerung der Abgeordnetenimmunität, eine umfassendere Gesundheitsversicherung und eine Reform bzw. die Abschaffung diverser staatlicher Institutionen anstrebt. PiS unterstützt auch die Einführung der Todesstrafe.
Werbung für den PO-Spitzenkandidat Jan Maria Rokita |
Auf der Oppositionsbank
Die restlichen vier Parteien werden nur bedingt eine gemeinsame Oppositionspolitik betreiben können. Der eher linke, EU-freundliche SLD ist hervorgegangen aus der ehemaligen kommunistischen Partei Polens PZPR und strebt eine sozialdemokratische Tradition an. Er wird sich vermutlich in verschiedenen Punkten mit der "Polnischen Bauernpartei" (PSL – Polskie Stronnictwo Ludowe) koordinieren können, zumal sie zu Beginn der auslaufenden Legislaturperiode gemeinsam die Regierungskoalition gestellt haben. Diese beiden Linksparteien werden aber kaum mit den übrigen beiden im Sejm vertretenen Parteien zusammenarbeiten können.
Mandatsverteilung im Sejm (vorläufige Ergebnisse) |
Die Mandatsverteilung im relativ schwachen Senat ähnelt dem Kräfteverhältnis im Sejm, nur dass die Samoobrona hier nicht vertreten ist. Doch möglicherweise droht dieser zweiten Kammer gemäß PO-Plänen zur Verfassungsänderung schon bald ihre Abschaffung.
Die geringe Wahlbeteiligung von selbst für Polen geringen 39,25 Prozent erklärt sich aus dem Vorlauf der Wahlen, in dem in Umfragen offensichtlich wurde, dass PO und PiS eine sichere Regierungsmehrheit erhalten werden. Viele Wähler werden daher wenig Sinn in der Abgabe ihrer Stimme gesehen haben.
Lesen Sie in Teil 2 der Wahlanalyse über das sprunghafte Wahlverhalten der polnischen Bürger sowie die zu erwartenden Auswirkungen des Regierungswechsels auf die deutsch-polnischen Beziehungen. Mehr…
Weiterführende Links:
Nationale Wahlkommission
Kurzübersicht zum Parteiensystem Polens
Beschreibung und Analyse des Parteiensystems Polens
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