Polnisches Wahlroulette – Teil 2
Plakatwand auf dem zentralen |
Vor dem Hintergrund eines derartigen politischen Erdbebens in Polen erscheinen die Veränderungen im neuen Bundestag als gering. Doch ist dies kein neues Phänomen in der 16-jährigen demokratischen Tradition der III. Republik Polens. Keine Regierungspartei wurde bisher wieder gewählt, lediglich eine Regierung, die rechtskonservative Koalition unter Jerzy Bużek, hat die Legislaturperiode bis zum Ende überstanden. Während im Jahr 2001 beide Regierungskoalitionen, die "Wahlaktion Solidarność" sowie die "Freiheitsunion", an der 5% bzw. 8%-Hürde scheiterten, schafften es dieses Mal der SLD und die PSL trotz immenser Stimmenverluste immerhin wieder in den Sejm.
Sprunghaftes Wahlverhalten
Für das überraschungsreiche Auf und Ab in den Umfragewerten könnte man zum einen die polnische Skandalkultur heranziehen. In diversen Untersuchungskommissionen werden Politiker zu Korruptionsaffären und angeblicher Kollaboration mit dem Geheimdienst der sozialistischen Volksrepublik Polen mit Fragen bombardiert, die oft nicht der Wahrheitsfindung dienen, sondern das Ziel verfolgen, den politischen Gegner zu diskreditieren. Zum anderen ist der Wahlkampf stark fixiert auf Führungsfiguren, die Programme stehen oft im Hintergrund.
Umgreifender Populismus
Spitzenkandidat der Samoobrona Andrzej |
Prospekt der nationalistischen |
Neuer Belast einer krisengeschüttelten Nachbarschaft
Das deutsch-polnische Verhältnis dürfte durch den Regierungswechsel eher belastet werden. Immerhin war es u.a. PiS, die im vergangenen deutsch-polnischen Konflikt einen schärferen Ton forderte (/e-politik.de/ berichtete: Deutsch-polnisches Bermudadreieck). Im Oktober letzten Jahres verabschiedete der polnische Sejm einstimmig einen Beschluss, in dem festgestellt wurde, das Deutschland bisher keine ausreichenden Kriegsreparationen für die Schäden und Verluste im 2.Weltkrieg an Polen geleistet hätte. Als Warschauer Oberbürgermeister hatte Lech Kaczyński bereits prophylaktisch die Kosten berechnen lassen, die das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg in Warschau verursachte und kam auf stolze 31,5 Milliarden Dollar. In einer IV. Republik müsste nach seinen Vorstellungen vor allem die polnische Deutschlandpolitik dahingehend neu austariert werden, dass man eigene Interessen gegen ein als bevormundend und herablassend wahrgenommenes Deutschland kompromissloser durchsetzen müsse. Die Deutschlandpolitik – ob konsensorientiert und kooperationswillig oder konkurrierend und konfliktoffensiv – wird im innenpolitischen Diskurs vermutlich zentraler als zuvor.
Auf der anderen Seite bieten die Profile der polnischen PO und der deutschen CDU relativ viele Schnittstellen. Die PO, die nun aller Voraussicht den Außenminister stellen wird, steht für eine eher moderate und balancierende Außenpolitik. Einmal in die Regierungsverantwortung genommen, könnte auch die aggressive Wahlkampfpropaganda der PiS einem pragmatischeren Kurs weichen. Da ein Agieren auf internationaler Ebene stets von Konstanten wie geographische Lage und wirtschaftlichen Interessen sowie Einstellungsmustern der Öffentlichkeit maßgeblich beeinflusst wird, erscheint eine sintflutartige Kursänderung in der deutsch-polnischen Nachbarschaft eher abwegig.
Allerdings ist zunächst kaum eine Verbesserung in den deutsch-polnischen Beziehungen zu erwarten, die durch Gebietsansprüche deutscher Revanchisten, dem Streit um das Zentrum gegen Vertreibung und die Debatte um deutsche Reparationszahlungen bereits nachhaltig strapaziert wurden. Hier müsste sich allerdings auch die deutsche Seite künftig sensibler verhalten als bisher. Hätte die bisherige Bundesregierung die latenten Ängste der Polen vor Gebietsansprüchen revanchistischer deutscher Vertriebener und einem den Deutschen unterstellten Geschichtsrevisionismus ernster genommen und Verantwortung übernommen, würde Warschau heute sicher wohlwollender über die Oder schauen.
Wahlbroschüre des Präsidentschaftskandidaten |
Ein konsensorientierter Kurs der neuen polnischen Regierung wird sich auf europäischer Ebene vermutlich als schwieriges Unterfangen erweisen, da zwei populistische Parteien im Parlament sitzen, die mit Argusaugen auf die Verteidigung polnischer Interessen achten werden und die Wählerschaft der PiS abwerben könnten.
Bei den anstehenden polnischen Präsidentschaftswahlen kristallisierten sich Donald Tusk (PO) und Lech Kaczyński (PiS) als aussichtsreichste Kandidaten heraus. Noch führt Tusk klar, doch sollte ein ähnlicher Wählerumschwung wieder eintreten, könnte Polen bald im Schatten der Kaczyński-Brüder einer IV. Republik stehen.
Kehren Sie zum ersten Teil der Wahlanalyse zurück und erfahren Sie, wie sich das neue polnische Parlament zusammensetzt und welches Profil die vertretenen Parteien besitzen. Mehr…
Weiterführende Links:
Nationale Wahlkommission
Kurzübersicht zum Parteiensystem Polens
Beschreibung und Analyse des Parteiensystems Polens
Lesen Sie auch bei /e-politik.de/:
“Was werden wir davon haben?”
Polen – das Zünglein an der Waage?
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