Polarisierer
Roland Koch zählt ohne Zweifel zu den umstrittensten deutschen Konservativen. Er polarisiert, wird verehrt oder verachtet, nur egal ist er kaum jemandem. Eine neue Biographie beleuchtet den Hessen. Von Bert Große
Roland Koch, hessischer Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender, geht als echtes "political animal" durch. Sein Leben gehört der Politik. Der profilierte Konservative ist sicher der Aufsteiger seiner Generation, nicht nur in Hessen. Ambitionen auf die Kanzlerschaft führten in der Vergangenheit zwar nicht zum Erfolg, für zukünftige Wahlen darf aber auch weiterhin von einem erbitterten Kampf gegen seine innerparteiliche Gegnerin Angela Merkel ausgegangen werden.
Hajo Schumacher, langjähriger Journalist für Spiegel oder Süddeutsche Zeitung, verfügt über beste Kontakte und hat den Versuch unternommen, den wohl prominentesten Christdemokraten seiner Generation zu porträtieren.
Wer ist Roland Koch
Am Anfang war Eschborn ein ländlicher, sauberer und ordentlicher Vorort der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Roland Koch, Einzelkind und Sohn des hessischen Politikers Karl Heinz Koch, wächst wohlbehütet auf. Bereits in jungen Jahren erwacht sein Interesse an Politik, gefördert von der Familie.
Mit 14 Jahren begründet Roland Koch in Eschborn einen Ortsverband der Jungen Union – natürlich mit ihm an der Spitze. Als wiederkehrendes Muster scheint das Kochs Markenzeichen zu werden. Er wird schon bald Stadtverordneter und Kreistagsabgeordneter und zieht als quasi-natürlicher Nachfolger seines Vaters 1987 mit gerade 29 Jahren in den Wiesbadener Landtag ein. Seit 1999 ist er hessischer Ministerpräsident und wurde 2003 trotz der CDU-Spendenaffäre mit absoluter Mehrheit wieder gewählt. Kochs Ambitionen auf das Kanzleramt sind ein offenes Geheimnis, auch wenn Angela Merkel derzeit unangefochten scheint.
Ein hessischer Netzwerker
Seine politische Heimat ist die hessische CDU. Seit frühester Jugend ist er in der Partei tief verwurzelt: Alfred Dregger oder Manfred Kanther, die mächtigen Altvorderen, lernte er bereits als Kind bei Kabinettsrunden am heimischen Küchentisch kennen.
Unter den Mitgliedern seiner Generation hatte Koch sich – immer der Jüngste – nach harten Kämpfen als Anführer durchgesetzt. Schon damals hatte man sich in der "Tankstelle", einem Netzwerk der gegenseitigen Karriereförderung, zusammengefunden. In der Folge ist das halbe hessische Kabinett aus der "Tankstelle" hervorgegangen. Auch im "Andenpakt", dem legendären Zusammenschluss konservativer Nachwuchspolitiker, war Koch bestens verdrahtet. Ebenso wie der enge Kontakt zu Altkanzler Kohl haben ihm die guten Beziehungen in seiner politischen Arbeit immer genutzt.
Arbeitswütig und provokant
Als Politiker verfügt Roland Koch über ein sensationelles Gespür für Themen, die die Wähler bewegen. Sein "Doppelpass"-Wahlkampf 1999 hat gezeigt, dass er politische Risiken nicht scheut. Gegner, Medien und zum Teil auch die eigenen Mitglieder lehnten die Kampagne als ausländerfeindlich ab, doch Koch hielt unbeirrt an ihr fest.
Koch gilt als fanatischer Arbeiter. Schumacher schreibt ihm den Ehrgeiz zu, jedes Detail und jede Vorlage besser zu kennen als alle anderen. Wohl kein anderer CDU-Politiker hat sich sein Wissen so hart erarbeitet.
Dank seiner fest geordneten Weltsicht verfügt Koch auch über ein klares Feindbild: die politische Linke. Als strammer Konservativer mit ökonomischem Sachverstand hatte er sich über die Themen Arbeit, Familie und Innere Sicherheit profiliert, erinnert sei an sein "Wisconsin-Modell" der zeitlich begrenzten Sozialhilfe. Auftreten und Rhetorik schüren bei seinen Gegnern zum Teil echten Hass.
Ein Leben für die Politik
| Hajo Schumacher |
So schüttelt der Leser nur noch den Kopf, wenn Koch, in einer regelrechten Notoperation lange vor seinem 50. Geburtstag vor dem Herzinfarkt gerettet, zwei Tage später zu einem Termin ins Weiße Haus fliegt.
Sein Biograph steht Roland Koch angenehm kritisch gegenüber, ohne verletzend zu werden – auch wenn er die politischen Dummheiten Kochs gebührend kritisiert. Die gelegentlich durchschimmernde Ironie, etwa bei der süffisanten Bemerkung, dass Kochs Mutter Irene noch heute die Friseurtermine ihres Sohnes organisiert, gibt dem Buch die gewisse Würze. Treffende, gelegentlich bitterböse Kommentare, etwa die Titulierung der hessischen CDU als "Vereinigung adipöser Herren ab 50" sorgen stellenweise für echte Heiterkeit.
Auch wenn der Band sicher nicht zum "Standardwerk" über den Hessen werden dürfte, so werden alle Gewinn aus der Lektüre ziehen, die mehr über Koch, seine politischen Ambitionen oder die hessische CDU wissen wollen. Eins bleibt sicher, Roland Koch wird auch weiterhin entweder Fans oder Feinde haben, nur egal bleibt er kaum jemandem.
Schumacher, Hajo: "Roland Koch, Verehrt und verachtet"
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2004, 340 Seiten
9,90 Euro, ISBN 3-596-16153-3
Die Bildrechte liegen beim Fischer Taschenbuch Verlag.
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