Organspenden für alle

03. Jun 2005 | von Julia Kreutziger | Kategorie: Gesundheits- und Sozialpolitik
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Prof. Dr. Günter Kirste

Am 4. Juni 2005 findet bundesweit der “Tag der Organspende” statt. /e-politik.de/ hat aus aktuellem Anlass mit einem Vorstandvertreter der der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) über Spendebereitschaft, das Transplantationsgesetz und Ängste in der Bevölkerung gesprochen. Ein Interview mit Prof. Dr. Günter Kirste von Julia Kreutziger

/e-politik.de/: Derzeitig stehen in Deutschland circa 12.000 Patienten auf der Warteliste für ein Spendeorgan. 2004 haben 1.081 Menschen nach der Feststellung des Hirntods insgesamt 3.508 Organe gespendet. Vermutet werden jedoch jährlich 4.000 Hirntote. Das Transplantationsgesetz (TPG) schreibt vor, dass die Krankenhäuser dazu verpflichtet seien, Hirntotdiagnosen zu melden, um erst einmal eine mögliche Spende in Betracht ziehen zu können. Wie erklären Sie sich dennoch diese Diskrepanz, die die Zahlen aufwerfen?

Prof. Dr. Günter Kirste: Leider melden nicht alle Krankenhäuser hirntote Patienten an die DSO, obwohl sie nach dem TPG dazu verpflichtet wären. Tatsächlich kommen nur rund 40 Prozent aller Krankenhäuser mit Intensivstation dieser Verpflichtung nach, sehen also auch die Organspende als Teil ihres Versorgungsauftrages an.

/e-politik.de/: Warum melden nicht alle Krankenhäuser hirntote Patienten?

Kirste: Die Gründe dafür sind vielfältig. Eine Organspende ist ein seltenes medizinisches Ereignis im Krankenhaus. Die Voraussetzungen dafür sind vielleicht nicht bei jedem immer präsent, ganz besonders nicht bei dem immensen Personal- und Zeitdruck, der auf diesen Stationen oft herrscht. Auch die Ablehnung der Organspende durch die Klinik- oder Stationsleitung kann ein Grund dafür sein, dass sich ein Krankenhaus nicht an der Gemeinschaftsaufgabe beteiligt.

/e-politik.de/: Inwiefern müssen die Strukturen der Intensivmedizin verändert werden, um das Intensivpersonal zu entlasten und eine bessere Betreuung der Angehörigen zu gewährleisten, die ja meist in einer emotional stark belastenden Situation die Entscheidung über eine Organspende zu treffen haben?

Kirste: Eine Entlastung des Personals auf den Intensivstationen wäre sicher auf jeden Fall wünschenswert, nicht nur in Bezug auf die Organspende. Die Angehörigen von Organspendern werden allerdings im Akutfall nicht nur vom medizinischen Personal des Krankenhauses, sondern auch von den Koordinatoren der DSO betreut. Dieser Betreuungsrahmen unterliegt keiner zeitlichen Beschränkung und wird auf Wunsch sogar oft auch nach der Organspende fortgesetzt.

/e-politik.de/: Die Strukturierung der Krankenhäuser und demnach auch die hausinterne Politik divergieren: Wie realistisch ist es, dass sich die DSO stärker in die Intensivmedizin einmischt, damit dem Willen der potenziellen Spender auch nachgekommen wird und intensive Angehörigengespräche stattfinden?

Kirste: Es kann nicht Aufgabe der DSO sein, sich in krankenhausinterne Abläufe oder Strukturen einzumischen. Vielmehr ist es unser Wunsch, gemeinsam mit jedem einzelnen Krankenhaus hausinterne Verfahrensregeln für den Akutfall zu erarbeiten. Diese würden dem Personal Handlungssicherheit für diesen Fall geben und könnten die individuellen Besonderheiten eines jeden Krankenhauses berücksichtigen.

/e-politik.de/: Manche fordern, dass die Krankenhäuser, die sich nicht an der Interaktion zwischen Organspendebereitschaft und Transplantation beteiligen, eine entsprechende Budgetkürzung erfahren sollten. Wer könnte das festlegen? Wie stehen Sie dazu?

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Hauptverwaltung der
DSO in Neu-Isenburg

Kirste: Diese Entscheidung würde auf Länderebene getroffen werden. Die DSO setzt derzeit auf Kooperation und Dialog, nicht auf Sanktion, um alle Krankenhäuser dazu zu gewinnen, sich an der Gemeinschaftsaufgabe Organspende zu beteiligen. Bevor man sich zu dem Schritt der Mittelkürzung entschließt, sollte man zunächst versuchen, durch Landesausführungsgesetze zum TPG den rechtlichen Rahmen für die Krankenhäuser noch eindeutiger zu formulieren, zum Beispiel durch die Verpflichtung zur Einsetzung von Transplantationsbeauftragten.

/e-politik.de/: Wir sprechen gerade über die postmortale Organspende, also über die Transplantation von Organen nach der klinischen Feststellung des Hirntods. Nun gibt es ja auch gesetzlich eingeschränkte Lebendspenden, die in den letzten Jahren zugenommen haben. Einige Transplantationsmediziner plädieren für eine Lockerung der gesetzlichen Vorgaben, um dem Organbedarf gerecht werden zu können, sprich: auch anonyme Organspenden sollten zulässig sein sowie die gerichtete Spende ohne Näheverhältnis zwischen Spender und Empfänger. Was halten Sie von einer Ausweitung des TPG? Wo sehen Sie Missbrauchgefahren?

Kirste: Wir halten das TPG in seiner derzeitigen Form für völlig ausreichend. Die Ausweitung der Lebendspende durch eine Neudefinition des Spenderkreises entspräche nicht dem Subsidiaritätsprinzip, wonach die Lebendspende immer nachrangig zur postmortalen Organspende zu betrachten ist. Wenn das Gesetz mit mehr Leben gefüllt würde, sprich, mehr Krankenhäuser sich an seiner Umsetzung beteiligen würden, wäre diese Fragestellung überflüssig.

/e-politik.de/: Nur zwölf Prozent der Deutschen besitzen einen Organspendeausweis. Ist das ein Indiz dafür, dass die Spendebereitschaft in Deutschland so gering ist oder dafür, dass sich die Menschen generell zu Lebzeiten nicht ausreichend mit dem Thema der Organspende befassen wollen?

Kirste: Nicht die Anzahl der Menschen mit einem Organspendeausweis stellt ein Indiz für die Organspendebereitschaft dar, sondern die Einstellung der Bevölkerung zum Thema. Eine forsa-Befragung aus dem Jahre 2001 hat ergeben, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen dem Thema insgesamt aufgeschlossen gegenüber stehen, mehr als 60 Prozent wären bereit, sich nach ihrem Tod Organe entnehmen zu lassen. Dass nur 12 Prozent dies auch in einem Ausweis dokumentiert haben, liegt zum einen daran, dass viele nicht wissen, wo man den Ausweis bekommt, und zum anderen daran, dass viele ihren Willen nicht dokumentiert, aber den nächsten Angehörigen mitgeteilt haben.

/e-politik.de/: Man hört immer wieder Aussagen, wie: “Wenn ich einen Organspendeausweis besitze, hätte ich Angst, dass man medizinisch nicht mehr alles Notwendige für mich tun würde.” Was leistet die DSO auf dem Gebiet der Information und Aufklärung, um solche Irrtümer zu beseitigen?

Kirste: Die Aufklärung der Bevölkerung auch und besonders zu diesen Fragestellungen ist Aufgabe der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der Krankenkassen und der Gesundheitsbehörden auf kommunaler Ebene. Diese Institutionen kommen dieser Aufgabe im Rahmen ihrer Mittel und Möglichkeiten auch nach. Auch die DSO klärt diesen, leider noch weit verbreiteten Irrtum natürlich auf, wenn sie darauf angesprochen wird. Dies geschieht entweder durch Medienarbeit oder durch die Beantwortung von Anfragen, die direkt an die DSO gerichtet werden.

/e-politik.de/: In Belgien besteht eine Organspendepflicht, das heißt jedem Verstorbenen können Organe ohne vorherige Einwilligung entnommen werden, es sei denn man lässt sich persönlich im Stadthaus in einem Computerregister eintragen, welches immer vom Krankenhaus bei der Feststellung des Todes konsultiert wird. Sollten ähnliche Modelle in Deutschland diskutiert werden? Oder sehen Sie berechtigte ethische, religiöse oder kulturelle Selbstbestimmung damit verletzt?

Kirste: Eine Änderung des Transplantationsgesetzes hin zu der von Ihnen beschriebenen Widerspruchslösung halten wir nicht für das geeignete Mittel, dem Organmangel zu begegnen. Auch wäre dafür kein gesellschaftlicher Konsens zu finden. Die Diskussionen im Vorfeld der Verabschiedung des TPG haben gezeigt, dass die erweiterte Zustimmungslösung das einzige Modell war, das die an der Entscheidungsfindung beteiligten Interessengruppen als Kompromiss akzeptieren konnten.


Weiterführende Links:

Deutsche Stiftung Organtransplantation
Tag der Organspende

Informationsstelle Transplantation und Organspende
Der Organspendeausweis hier zum Runterladen


Die Bildrechte liegen bei der DSO.


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