Meteo-Kriege

28. Aug 2005 | von | Kategorie: Vergessene Konflikte

Der Drei-Schluchten-Damm in China oder die Dürre an der Elfenbeinküste – es gibt immer mehr Beispiele für eine neue Problematik, die die Erde in Zukunft verstärkt beschäftigen wird: die sogenannten umweltinduzierten Konflikte. Teil 5 unserer Serie Vergessene Konflikte. Von Dominik Schottner 

Das Foto zeigt in Beton gegossene Allmachtsphantasien. Naturbeherrschung. Weltmachtgehabe. Ein paar Touristen stehen an einer Balustrade und fotografieren das Betonmonster, das später einmal Schiffe transportieren soll: ein Schiffschleusensystem. Doch was wie ein Monster aussieht, ist in Wahrheit nur ein kleiner Teil eines noch viel größeren Plans, den die chinesische Führung vor einigen Jahren ausgeheckt hat und der bis heute nicht fertig gestellt ist: der Drei-Schluchten-Damm in der Provinz Hubei.

Neue Kategorie von Konflikten

Das Prestigeprojekt ist mitnichten frei von Makeln. Umweltschützer fürchten, dass den Bauern, die wegen der Flutung des Stausees umgesiedelt werden müssen, das Ackerland verloren geht. Außerdem sei noch nicht klar, wo und wie man die Sedimente des Flusses unterbringen möchte. Die massiven Eingriffe des Projekts in die Umwelt in den drei Schluchten steht indes stellvertretend für eine Kategorie von Konflikten, die die Erde in Zukunft verstärkt beschäftigen wird: die sogenannten umweltinduzierten Konflikte.

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Geographische Lage von Burkina Faso

Umweltinduzierte Konflikte gehen unter anderem auf sogenannte anthropogene Umweltveränderungen zurück. Meistens sind diese vom Menschen maßgeblich beeinflussten oder sogar hervorgerufenen Veränderungen nicht allein Auslöser für Konflikte, sondern tragen nur dazu bei, dass sich diese verschlimmern. So hatte der Konflikt an der Elfenbeinküste seine Wurzeln streng genommen in einer extensiven Dürreperiode zwischen 1968 und 1973 in Burkina Faso, in deren Folge eine Million Burkiner nach Elfenbeinküste einwanderten. Bis heute ist der Anteil der Burkiner an der ivorischen Bevölkerung auf 20 Prozent angewachsen. Spannungen zwischen ihnen und den Ivorern und den Einwanderern aus Burkina Faso führten schließlich zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen zwischen 1999 und 2003. Heute wacht eine UN-Mission (UNOCI) gemeinsam mit französischen Soldaten über die Einhaltung des im Jahre 2003 geschlossenen Quasi-Friedens.

Verdeckte Risiken

UN-Soldaten werden in China vorerst sicherlich nicht einmarschieren – selbst wenn der Unmut der Bevölkerung, den der Bau des Drei-Schluchten-Damms erzeugt hat und weiter wird, gewaltsam werden sollte. Und trotzdem sind Konflikte wie in Elfenbeinküste auch in China vorprogrammiert. Allein: Hören wird man von ihnen kaum. So ist der ursprüngliche Grund des Dammbaus – Kontrolle des Flutwassers zur Verhinderung von Überschwemmungen unterhalb der drei Schluchten – mittlerweile einem Konglomerat verschiedener Zwecke gewichen. Die chinesische Regierung gibt an, mittels des Drei-Schluchten-Damms die Schifffahrt auf dem drittgrößten Fluss der Erde, dem Jangtsekiang, intensivieren und so die Häfen für den Handel attraktiver gestalten zu wollen. Zudem wolle man die Wasserenergie des Flusses verstärkt ausnutzen, um dem rapide steigenden Energiebedarf in der Region Herr zu werden. Beteiligt an dem Projekt sind auch ausländische Firmen, so etwa die Investmentbank Morgan Stanley oder Siemens. Die Bundesregierung übernahm sogar die Bürgschaft für das milliardenschwere Engagement von Siemens.

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Überschwemmung am Jangtsekiang, China

Für das Projekt, das 1994 begonnen wurde, müssen bis zu 1,9 Millionen Menschen umgesiedelt werden. "19 Kreisstädte mit 140 Landbezirken und 13.541 Dörfer werden unter Wasser verschwinden", prophezeit Greenpeace. Selbst wenn diese Zahlen nicht ganz der Realität entsprächen – sofern sie auch nur annähernd das abbilden, was in der Realität schließlich passieren wird, ist den chinesischen Behörden der Unmut ihrer eigenen Bevölkerung sicher. Anders als in Ländern wie Burkina Faso oder auch Niger, wo die Staatsapparate schwach sind, kann China diesen Unmut aber nicht nur niederschlagen, sondern ihn schon prophylaktisch in Schach halten, indem es den Betroffenen Schadenersatz zahlt. Von so etwas kann man in der Sahelzone freilich nur träumen.

Nur ein Schritt von der Ökologie zum Krieg

Weltweit wird in den kommenden Jahren mit bis zu 50 Millionen Umweltflüchtlingen gerechnet. Nicht immer überqueren diese Menschen, wie im Fall Burkina Faso, internationale Grenzen. In den meisten Fällen ist es sogar so wie im Fall China, wo die Betroffenen in die umliegenden Gebiete umsiedeln oder umgesiedelt werden. Dort stellen sie aber wiederum für die etablierte Bevölkerung eine Last dar, da sie auf den ohnehin strapazierten Märkten der Entwicklungsländer die Lage verschärfen. Wie der Fall Elfenbeinküste demonstriert, kann sich aus diesen ökonomischen Konflikten, deren Ursache in der Veränderung der Umwelt lag, schnell ein bewaffneter Konflikt ergeben. Die Geringschätzung nachhaltiger Umweltpolitik in der internationalen Politik wird vor diesem Hintergrund besonders deutlich.

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Folgen des Seebebens in Banda Aceh

Dabei, so denkt man, können die Politiker die düsteren Voraussagen gar nicht ignorieren. Zu warm ist der Erderwärmungsteufel, den Klimaforscher Woche um Woche an die Wand malen. Zu wasserreich die Computeranimationen, mit denen das Abschmelzen der Polkappen simuliert wird. Zu erschreckend auch die Folgen des Seebebens in Südostasien, das einen kleinen Eindruck davon vermittelt hat, was passieren könnte, wenn der Meeresspiegel wegen der globalen Erwärmung ansteigt. Und trotzdem geschieht nichts, außer dem halbherzigen Umsetzen des Kyoto-Protokolls, das nach Einschätzung von Wissenschaftlern aber leider nur ein kleiner Anfang für die großen Umweltprobleme ist, die uns blühen – und mit ihnen Ressourcen-Verteilungs-Konflikte, von deren Ausmaß wir heute keine Vorstellung haben.

Ohndefinitionsmacht

Problematisch ist in diesem Zusammenhang das Fehlen einer Definition für Umweltflüchtlinge. Von der Genfer Flüchtlingskonvention werden sie nicht erfasst und auch die Bundesrepublik Deutschland verweigert Umweltflüchtlingen explizit das Asyl. Und die vielen Binnenflüchtlinge, sogenannte "internally displaced persons (DIP)", also jene, die gar nicht erst in ein anderes Land migrieren, tauchen in den Statistiken ohnehin nicht auf.


Die Bildrechte liegen bei Backstage BBC.

Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.

 


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