Meister der PR
Das neue Buch von Lutz Hachmeister und Michael Kloft Das Goebbels-Experiment. Propaganda und Politik ist eine einzigartige und empfehlenswerte Montage von teilweise unveröffentlichtem Bildmaterial und Passagen aus den Tagebüchern von Josef Goebbels mit Kommentaren von Zeithistorikern und SPIEGEL-Redakteuren. Der Dokumentarfilm Das Goebbels-Experiment wurde im Rahmen der Berlinale gezeigt. Von Wolfgang Mehlhausen
Mit gespreizten Armen und ernst dreinblickend ist der Reichsminister Dr. Joseph Goebbels in Großaufnahme auf dem Buchdeckel abgebildet. Jubel- und Prachtbände gibt es, so lange es Bildbände gibt. Nicht selten erschienen diese auch für fragwürdige, wenig verehrenswerte Menschen. Doch ein Bildband für Goebbels, und das noch aus dem SPIEGEL-Verlag? Das ist eine Überraschung. Diesen anzusehen, macht neugierig.
60 Jahre Befreiung und Kriegsende – ein Blick zurück
Vor wenigen Tagen lief der Eichinger-Film Der Untergang mit Bruno Ganz in der Hauptrolle auch im Fernsehen. Bruno Ganz spielte den "Führer" und ist ihm täuschend ähnlich. Hitler mit Rechtsscheitel, Stirnlocke und Bärtchen wird selbst von dem "Mann von der Straße" heute noch problemlos erkannt, und nicht nur in Deutschland. Vermutlich wird sich das auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nicht ändern.
Andere Figuren des Dritten Reiches sind heute schon fast vergessen, nur Historiker und Spezialisten werden auf Anhieb Ribbentropp, Kaltenbrunner oder Keitel sofort erkennen. Die Menschen, die den 2. Weltkrieg und das Ende der NS-Herrschaft noch bewusst erlebten, sind fast alle tot. Goebbels hingegen, im Hitlerfilm nicht sehr ähnlich dargestellt, ist zu einem "System" geworden.
Zur Person des Dr. Joseph Goebbels
Verschiedene Autoren haben in dem vorliegenden Buch etwas zur Person des Dr. Goebbels geschrieben. Der Leser erfährt von seiner Jugend, der Arbeit als Reichspropagandaminister und über seine Tätigkeit als Gauleiter von Berlin, wo er Gegenspieler des Kommunisten Walter Ulbricht war. Auch das Privatleben des Mannes, der Hitler um wenige Stunden überlebte wird beleuchtet.
Magda Goebbels, die ihrem Mann in den Tod folgte, hatte vorher ihre sechs Kinder vergiftet. Sie spielte einige Zeit die "First Lady" im Hitlerstaat, da der "Führer" keine Ehefrau hatte und Fräulein Braun, seine Geliebte, bis zum Schluss vor dem eigenen Volk und ausländischen Repräsentanten versteckt wurde. Man fragt sich, wie der "Germane" Goebbels sich ausgerechnet die tschechische Schauspielerin Lida Baarová zur Geliebten nahm. In den Texten finden wir immer wieder Zitate aus Goebbels Tagebuch und seinen Aufzeichnungen, die er wohl bewusst für die Nachwelt verfasste.
Zum großen Teil ein Bildband
Gut die Hälfte des Buches ist als Dokumentarbildband gestaltet. Wir finden hier verschiedene Fotos aus den unterschiedlichen Lebensabschnitten des Mannes, der das Handwerk der Propaganda vortrefflich beherrschte. Der Leser kann Männern, die für unvorstellbare Verbrechen verantwortlich sind, ins Gesicht sehen. Auf einem Gruppenbild der Goebbels-Familie mit drei der sechs Kinder von 1938 sieht der "Onkel Adolf" so harmlos aus, wie auf einem beliebigen Familienfoto dieser Zeit. Das letzte Bild zeigt die verkohlte Leiche des Mannes, der keineswegs nur Kommentator der Hitlerverbrechen war, sondern oft auch als Scharfmacher auftrat und selbst verantwortlich war für den Tod von Menschen.
Es werden große Fotos eines Mannes dargestellt, der beim Töten nicht selbst Hand anlegte. Seinen Durchhalteparolen wurde bis zum Kriegsende geglaubt und gefolgt. Der intellektuelle Goebbels gehörte zu den schlimmsten Verbrechern des NS-Regimes. Er wusste, was er tat und gestaltete das Böse meisterhaft. Sein Name wird noch lange mit dem Begriff "Propaganda" verbunden sein.
Propaganda und Politik
Die verschiedenen Autoren des Buches zeigen mit verschiedenen Sichtweisen auf das Problem "Propaganda und Politik", dass die Nazis es vortrefflich verstanden, die Menschen zu manipulieren. Goebbels schuf einen mächtigen Apparat dazu und war Initiator und Hauptakteur in diesem grausamen Spiel. Seine "Arbeit" fand auch nach dem Krieg bei Intellektuellen und Medienspezialisten trotz Distanzierung von ihren Inhalten viel Anerkennung. Gerade die Linke bedauerte, dass es ihnen nie gelang, ihre Politik in vergleichbarer Wirksamkeit zu verpacken und die Menschen zu erreichen.
Wer heute die Nazi-Wochenschauen ansieht oder in alten Zeitungen blättert, fragt sich, warum die Menschen die Ideologie der Verbrecher nicht durchschauten und ihnen bis zum Schluss glaubten. Auch auf diese Fragen finden wir zumindest im Ansatz Antworten. Wer sich für Geschichte und speziell die der Nazizeit interessiert, wird viel Neues und Interessantes in diesem Buch finden, der wie ein Bildband gestaltet ist. Worte sagen vieles, doch Bilder können manchmal mehr ausdrücken und vor allem die Phantasie beflügeln. Die braucht man, um das Unvorstellbare annähernd zu begreifen. Dieses Buch leistet einen guten Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte des 2o. Jahrhunderts. Es kann nur empfohlen werden.
Lutz Hachmeister / Michael Kloft (Hg.): "Das Goebbels
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