Lust auf Bonaparte

22. Mrz 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Napoleon.jpgÜber kaum eine historische Person ist so viel geforscht worden wie über Napoleon. In Deutschland erlebt der selbsternannte Kaiser der Franzosen eine Renaissance. Von Fabian Engelmann

“Denn das Genie ist ein Meteor, das dazu bestimmt ist zu verbrennen, um sein Jahrhundert zu erleuchten.” Mit diesem Napoleon Zitat – er umschrieb die Person Alexander des Großen – leitet Volker Ullrich, Mitarbeiter der Wochenzeitung die ZEIT, seine Biographie über Napoleon Bonaparte ein. Wie sehr diese Charakterisierung auch auf den kleinen Korsen zutreffen sollte, zeichnet Ullrich in seiner kurzen Darstellung gewissenhaft und übersichtlich nach. Er sieht seine Aufgabe nicht darin, Werk, Zeit und Person erschöpfend darzustellen. Dies sei nahezu unmöglich, wird doch die Zahl der Veröffentlichungen zu Napoleon inzwischen auf 80.000 Bücher geschätzt. Keiner der großen Biographien konnte diesem Anspruch laut Ullrich bislang gerecht werden.

Napoleon Rezeption nimmt zu

Deutschland erlebt derzeit eine regelrechte Napoleon-Renaissance. Einem größeren Publikum wurde Napoleon durch eine deutsch-französische TV-Produktion näher gebracht, in der ein insgesamt verklärendes, heroisierendes Bild des Generals und selbsternannten Kaisers gezeichnet wurde. Napoleon als Europäische Integrationsfigur, als Friedensstifter und Heilsbringer. Nein, solch eine Darstellung ist vielleicht politisch korrekt, indem sie die deutsch-französische Freundschaft und Brüderlichkeit beschwört, ein halbwegs objektivierendes Bild wird mit diesem TV-Kitsch jedoch nicht vermittelt.

Ein Klassiker der Napoleon-Forschung, Georges Lefebvres 1935 erstmals veröffentliche Biographie, ist kürzlich neu aufgelegt und mit einem umfassenden Nachwort von Daniel Schönpflug versehen worden. Darin heißt es: “Lefebvre gehört zu den ersten, die eine Darstellung der napoleonischen Ära in Angriff nehmen, in der es nicht um die Lobpreisung eines großen Mannes oder die Verurteilung eines niederträchtigen Schurken geht. Im Mittelpunkt stehen Frankreichs Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in einer Zeit fundamentalen Wandels. Lefebvre hat mit diesem Buch zu einem Paradigmenwechsel beigetragen. Dies bedeutet jedoch weder, dass die Debatten seitdem weniger kontrovers, noch dass sie völlig unpolitisch geworden sind.”

Napoleon als Gedankenobjekt

Dass die Debatte weiter anhält, zeigt die soeben veröffentlichte Napoleon-Biographie von Johannes Willms, ehemaliger Feuilleton Chef der Süddeutschen Zeitung. Harsche Kritik muss der Autor dieser Tage über sich ergehen lassen. So mahnt Peter Schöttler in seiner Kritik zur Veröffentlichung an, dass Willms gerade nicht den Weg Lefebvres – auch eine sozial- und/oder Mentalitätsgeschichte zu schreiben – gehe.

Er erzähle Napoleons Lebensgeschichte von der Wiege bis zur Bahre, ohne eine spezifische Fragestellung zu entwickeln. Und es kommt noch schlimmer: Willms verwechsele Gedanken- und Realobjekt. Er konstruiere eine Persönlichkeit, wie es sich jeder Proseminar-Student zu verbieten hätte.

Napoleon für Einsteiger

Auch Volker Ullrich unterlässt es konsequent, eine Fragestellung zu entwickeln. Er stellt Napoleons Leben in chronologischer Reihenfolge dar und bettet es in die Europäische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts ein. Dies ist legitim und notwendig, hat doch Napoleon die Geschicke Europas bestimmt und Europäische Geschichte gemacht.

Ullrich ist es hierbei gelungen, die überaus komplexen Zusammenhänge allgemeinverständlich aufzuzeigen. Das Buch – eine Mischung aus Rowohlt Monographie und dtv-portrait – eignet sich gerade für Leser, die sich der Person Napoleons erstmalig nähern.

Ullrich führt gut ins Thema ein, indem er den Forschungsstand kurz und übersichtlich wiedergibt. Im Anhang findet sich neben einer Zeittafel eine Bibliographie, die – einer Einführung angemessen – vom Autor durchaus hätte kommentiert werden können. Positiv ins Gewicht fällt, dass Ullrich wichtige Zeitgenossen und bedeutende historische Ereignisse in kurzen Absätzen vorstellt beziehungsweise erläutert.

Mitunter gelingt es dem Autor nicht immer, die komplexen Zusammenhänge offen zu legen. Etwa wenn er Napoleons Wandel von einem Verfechter der Unabhängigkeit Korsikas zu einem Frankreichtreuen General rekonstruiert. Das mit zahlreichen Abbildungen versehene Buch kann als gelungener Versuch der Darstellung des Lebens und Wirkens Napoleons gewertet werden. Es ist weder ein großer Wurf noch ein wirklicher Beitrag zur Forschung, wohl aber eine handwerklich gut geschriebene und übersichtlich aufgebaute Lektüre, die Lust auf mehr Napoleon macht.

 

Ulrich, Volker: “Napoleon. Eine Biographie” Rowohlt Verlag, (2004), 180 Seiten 17,90 Euro ISBN 3-498-06882-2


Weitere Bücher zum Thema:

Willms, Johannes: “Napoleon. Eine Biographie”Verlag C. H. Beck, (2005), 840 SeitenISBN 3-406-52956-9

Lefebvre, Georges: “Napoleon”Klett-Cotta Verlag, (2003), 622 SeitenISBN 3-608-94341-2


Die Bildrechte liegen beim Rowohlt Verlag.


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