Licht ins Dunkel bringen

28. Feb 2005 | von | Kategorie: Politisches Buch

Das deutsche Gesundheitswesen ist ein stark ausdifferenziertes Teilsystem unserer Gesellschaft. Handlungslogiken und Wahrnehmungsmuster der beteiligten Akteure sind mitunter nur schwer nach zu vollziehen. Eine neue Einführung bringt Licht ins Dunkel. Von Fabian Engelmann

Bild_Michael_Simon.jpgGesamtdarstellungen des bundesdeutschen Gesundheitswesens sind in den letzten Jahren Mangelware, auch wenn sich eine Vielzahl von Publikationen zu Einzelaspekten auf dem wissenschaftlichen Markt befindet. Zuverlässige Gesamtdarstellungen lieferten etwa Hans-Ulrich Deppe, der dem Leser die “Soziale Anatomie des Gesundheitssystems” auf einfache und verständliche Weise näher gebracht hat. Zuletzt erschien die außerordentlich komplexe Darstellung von Rosenbrock und Gerlinger.

Letztere kann zweifelsohne als die bislang gelungenste Gesamtdarstellung bezeichnet werden. Nicht zuletzt deshalb, weil die Autoren die Zielgröße Gesundheit in den Mittelpunkt stellen. Bei aller gebotenen und von den Autoren strengstens eingehaltenen Sachlichkeit ist die Untersuchung von einer normativen Prämisse geleitet: “Gesundheit ist politisch gestaltbar”. Nun hat Michael Simon mit Das Gesundheitssystem in Deutschland eine Einführung vorgelegt.

Historischer Exkurs

Simon, Professor an der Evangelischen Fachhochschule Hannover, gilt als profunder Kenner bundesdeutscher Krankenhauspolitik. Sein Buch beginnt mit einem ausführlichen Kapitel zur historischen Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems. Dies ist durchaus sinnvoll, sind doch seine Institutionen Produkt ökonomischer, sozialer und kultureller historischer Prozesse. So versuchte Bismarck, die deutsche Arbeiterschaft durch Einführung der Sozialversicherung zu zähmen. Nicht Menschlichkeit, sondern politisches Kalkül war sein Motiv.

Neben einem kurzen Abriss des bundesdeutschen Gesundheitswesens verhandelt Simon auch das der DDR. Auf wenigen Seiten gelingt es ihm, beide Systeme anschaulich gegenüber zu stellen. Er schafft dem Leser damit eine gute Ausgangsbasis, um für weiteres gerüstet zu sein. Leider übernimmt Simon bei der Darstellung des BRD-Systems wissenschaftlich besetzte – und mit Verlaub – etwas abgenutzte Begriffe, wie etwa die “Phase der Kostendämpfungspolitik”. Hier hätte er durchaus kreativer arbeiten und althergebrachte Deutungsmuster kritischer reflektieren müssen.

Grundprinzipien des deutschen Sozialstaates

Im folgenden stellt Simon die Grundprinzipien der sozialen Sicherung im Krankheitsfall sowie Grundstrukturen und Basisdaten des Gesundheitssystems dar. Anschließend arbeitet er neben der Gesetzlichen Krankenversicherung weitere Teilsysteme ab. Ambulanter und stationärer Sektor werden ebenso berücksichtigt wie Fragen der Arzneimittelversorgung und Pflege. Die Abschnitte sind übersichtlich gegliedert, der Zugang zum Stoff fällt leicht. Am Ende eines jeden Kapitels erhält der Leser nützliche Literaturhinweise und Links. Der Band kann, so auch die Intention des Autors, als Nachschlagewerk benutzt werden.

Verständlich geschriebene Texte ermöglichen auch Lesern ohne Vorkenntnisse, einen unkomplizierten Zugang zum Thema. Das Buch blendet allerdings einige interessante und wichtige Aspekte aus, die in einer modernen Darstellung berücksichtigt werden sollten.

Prävention bleibt außen vor

Simon lässt die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zunehmend wichtiger werdende Prävention leider völlig außen vor. Bedenkt man, dass sie zu einer vierten Säule (neben Kuration, Rehabilitation und Pflege) im Gesundheitswesen ausgebaut werden soll, wäre Aufarbeitung hier dringend geboten. Der Teilbereich ist noch lange nicht so stark ausdifferenziert wie die vom Autor dargestellten Felder. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Akteuren, die in der Prävention aktiv sind. Vor dem Hintergrund des kommenden Präventionsgesetzes (mehr zum Thema Präventionsgesetz lesen Sie hier) werden sich Strukturen auf Bundes- und Landesebene herausbilden, die in einer Gesamtdarstellung des Gesundheitssystems Berücksichtigung finden müssen.

Europäische trifft auf nationale Entwicklung

Ein weiterer nicht berücksichtigter Aspekt, ist die Problematik der Europäischen Gesundheitspolitik. Sicher: Es handelt sich um eine Darstellung des deutschen Systems. Zudem ist eine Harmonisierung nationaler Gesundheitssysteme per se nicht vorgesehen. Die Verantwortung für die Organisation der Sozial- und Gesundheitssysteme verbleibt bei den Mitgliedstaaten.

Dennoch wird die zunehmende Öffnung des Europäischen Binnenmarktes auch am deutschen Gesundheitssystem nicht spurlos vorbei laufen. So könnten die gesetzlichen Krankenversicherungen im Zuge der Einführung von Wettbewerbselementen im deutschen System unter das Europäische Wettbewerbsrecht fallen. Diese sogenannte negative Integration könnte wiederum zu einer Erosion des nationalen Gesundheitssystems führen. Deshalb wäre ein Kapitel “Europäische Gesundheitspolitik – Auswirkungen auf das deutsche Gesundheitssystem” durchaus angebracht. Daran anknüpfend hat es Simon auch strikt unterlassen, Steuerungsprobleme im Gesundheitssystem zu verhandeln. Wichtige Fragen werden hier ausgeblendet. So zum Beispiel der Bereich der Integrierten Versorgung oder das Verhältnis von Wettbewerb zu Korporatismus.

Horizonterweiterung sinnvoll

Insgesamt erfüllt Simons Darstellung nahezu alle Voraussetzungen für ein gelungenes Lehrbuch zum deutschen Gesundheitssystem. Der Autor hält was er verspricht. Er hat eine allgemeinverständliche Einführung geschrieben, die keine Vorkenntnisse erfordert. Wer mehr wissen will, sollte auf den Band von Rosenbrock/Gerlinger zurückgreifen. Für kommende Auflagen – die das Buch allemal verdient hat – sollte über eine Horizonterweiterung (Prävention, Europäische Gesundheitspolitik) nachgedacht werden. Trotz dieser Kritik gehört Simons Einführung ohne Zweifel zur ersten Liga gesundheitswissenschaftlicher Literatur zum Thema.

 

Michael Simon: “Das Gesundheitssystem in Deutschland. Eine Einführung in Struktur und Funktionsweise”
Verlag Hans Huber, (2005), 301 Seiten
29,95 Euro
ISBN 3-456-841135-3


Die Bildrechte liegen beim Verlag Hans Huber.


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