Letzter Teenager

28. Feb 2005 | von Dorothea Mützel | Kategorie: Politisches Buch

lottmann.jpgJoachim Lottmann hat sich mit seinem neuestem Roman Die Jugend von heute an eine ethnografische Beobachtung der Akteure des Berliner Nachtlebens gewagt
und die Jugend dabei verstoßen und gleichzeitig umarmt. Von Dorothea Mützel

Der Ich-Erzähler Johannes Lohmer – kurz: Onkel Jolo – ist dem Romanautor von Die
Jugend von heute
, Joachim
Lottmann
, in mehr als bloß dem Akronym ähnlich: Er ist Schriftsteller
und Popliterat (Lottmann ist der Autor des 1987 erschienenen Romans Mai,
Juni, Juli
), Mittvierziger, geboren in Hamburg, jetzt wohnhaft am
Hackeschen Markt und kennt so ziemlich jeden, den die Berliner Pop-Elite
(oder was noch von ihr übrig geblieben ist) zu bieten hat. Dem Autor hat
Onkel Jolo allerdings eines voraus: Er will weg aus Berlin. Unter dem Motto “Rette
sich, wer kann!” beginnt der Roman: Es ist 2003, die Stadt ist pleite und
es herrscht Endzeitstimmung “wie vor Hitlers Machtergreifung”. Nichts wie
raus aus der Hauptstadt, aus Deutschland. Dass Jolo es nicht geschafft hat,
in seinen dreieinhalb Jahren in Berlin auch nur eine einzige Frau erobern
zu können, ist dabei ein weiteres, nicht unwesentliches Fluchtmotiv.

Diagnose: vollkommen krank

Was Onkel Jolo in der Stadt hält, ist sein 23-jähriger Neffe Elias, der eigentlich
gar nichts macht. Jedenfalls nicht tagsüber. Irgendwie schafft Jolo es einfach
nicht, Elias und den Rest der perspektivenlosen Jugend von heute allein zu
lassen. Dabei hat diese viele Probleme: “Die von mir so bewunderte und engagierte
Jugend von heute war vollkommen krank. Und zwar in einem Ausmaß, das noch keiner
vor mir erkannt hatte. Mehr noch: Definierte man Jugend als die Zeit nach der
Kindheit und vor der Berufstätigkeit, so gab es seit den 90er Jahren gar keine
Jugend mehr. Keiner erreichte mehr postpubertäre Reife. Ich war der letzte
lebende Teenager.”

Anthropologische Reisen durch die Nacht

Nichtsdestotrotz: Zu viel los ist in Berlin, zu viele Wunderdrogen wollen
von der Jugend, die gar keine mehr ist, konsumiert, zu viele Julias, Mirandas
und Jassis “aufgestellt” und “gebohnert” werden. So tingelt Jolo ein paar Jahreszeiten
lang von einem Club zum nächsten und hat sich als Hauptaufgabe gestellt, seinem
Schützling vor allem dabei zu helfen, es endlich einmal mit einem
Mädchen zu tun und nicht nur darüber zu reden. Für diese Mission nimmt der
Ich-Erzähler Jolo den Leser zwischendurch mit ins Nightlife von München, zum
Weihnachtsfest in den Harem von Rainer
Langhans
(dort wohnte Lohmer in den 90ern) und abschließend ins beschauliche
Wien: Nach einer Überdosis Spaßgesellschaft und der narkotischen Wunderdroge
Samsunit, die zum Beispiel “bei der Trennung von siamesischen Zwillingen” verwendet
wird, weiß Jolo, dass er seinem Körper zu viel zugemutet hat und ab sofort
sein Leben ändern muss.

Abstecher ins “Haider-Land”

“Fortan wollte ich mich an Menschen wenden, die ÄLTER waren als ich”, resümiert
er. Zusammen mit seiner langjährigen, plötzlich dann doch festen Freundin zieht
er in die österreichische Hauptstadt und stellt ob der “Jelinek-Deppen” und “vermoderten
Menschen” im “Haider-Land” Österreich fest, dass er gut nach Wien passe: “Das
Leben – es war endlich vorbei!” Und doch vermisst Jolo die Sexyness der jungen
Leute und vor allem seinen Neffen, der die Jugend personifiziert, die Jolo
selbst nie gehabt hat. Schließlich kehrt er jedoch wieder zurück nach Berlin,
um Elias zu helfen: In einem absurden Finale verschwindet dieser, weil er zum
Zeitpunkt der Bombenanschläge in Madrid war und dort ein Bin-Laden-T-Shirt
getragen hatte, daraufhin festgenommen wurde und schlussendlich in Guantánamo
Bay gelandet ist.

Literarisches Schaumschlagen

In Die Jugend von heute finden sich haufenweise unterhaltsame Dialoge,
Details, Anekdoten, Sprüche, Musikverweise – wie es sich für einen Popliteraten
gehört. Lottmann spart auch nicht beim name dropping, trifft sich
im Roman mit oder redet zumindest über bekannte oder weniger bekannte, jedenfalls
meist echte Menschen aus Kunst, Kultur, Literatur und Journalismus. Und vor
allem: Er verkündet zu jedem und allem seine Meinung, ist radikal in seinen
(Vor-)Urteilen, bedient fast unbekümmert und schonungslos Klischees. Die Selbstinszenierung
kommt hier nicht zu kurz. Dabei bleibt unklar, ob Lottmann mit seinem Alter
Ego abrechnen will, ja, ihn selbst überhaupt sympathisch findet, oder ob er
ihn einfach mit gesunder Selbstironie in den höchsten Tönen lobt. Es ist eine
ständige Gratwanderung, die der Autor vollzieht und dem Leser abverlangt, die
wunderbar feinen Nuancen der Sprache, den Witz oder Ernst einer Situation selbst
einzuschätzen.

Die Jugend von heute ist anders

Der selbstherrliche Stil des Autors, der immer wieder auf Ironie geprüft werden
muss, und etwa auch Lottmanns gerade zu Beginn holzig und gekünstelt wirkende
Selbstbedienung in der “Sprache der Jugend” machen die Lektüre nicht immer
einfach. Fraglich ist auch, ob die pauschalisierten Beobachtungen über die
Jugend überhaupt ernst gemeint sind: Die Jugend von heute habe keinen Sex,
sondern kuschele nur, sie sei unpolitisch, aber doch engagiert, sei esoterisch,
wird dann wieder von Lohmer bewundert, aber letztendlich als “vollkommen krank” bezeichnet.
Der Roman mutet so reportagenhaft, so realistisch an, dass Fiktion und Wirklichkeit
immer wieder verwischen. Vermutlich wird sich nicht zuletzt aufgrund dieses
gleichzeitigen Anspruchs an und Entbehrens jeglicher Grundlage von Authentizität
die Generation der Mittzwanziger, dessen Porträt dieses Buch zu zeichnen versucht,
bei der Lektüre des Romans weniger amüsieren als die Mittvierziger Leserschaft,
für die dieses Buch eigentlich geschrieben zu sein scheint.


Joachim Lottmann: “Die Jugend von heute”

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004

319 Seiten

8, 90 Euro

ISBN 346203426X

Die Bildrechte liegen beim Verlag Kiepenheuer
und Witsch
.


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