“Leben ist schlimmer als Sterben”

16. Mrz 2005 | von | Kategorie: Flucht und Asyl

Rainer_Unkel.jpgIrak, Afghanistan, Kosovo, Tschetschenien – Krisenherde weit weg von uns und unserer Normalität. Wie steht es aber um die von Krieg und Folter traumatisierten Menschen, die hier leben? Wie gehen vor allem Flüchtlingskinder mit dem Erlebten um? /e-politik.de/ sprach mit der 59-jährigen Therapeutin Gisela Framheim von Refugio – einem Beratungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer in München. Von Daniela Recht

/e-politik.de/: Anlässlich des zehnjährigen Bestehens von Refugio haben Sie in der Jubiläumsfestschrift folgendes beschrieben: “Die Kinder erfinden Bilder und Geschichten, in denen sie Helden sind, Kämpfe bestehen und Schwierigkeiten meistern. Sie sind die Könige, die `die Bösen` bestrafen, sie sind die Prinzessinnen, die bewundert und geliebt werden.” Was machen Sie mit traumatisierten Kindern, die gar nichts mehr fühlen?

Gisela Framheim: Ich bezweifle, dass es Kinder gibt, die wirklich nichts mehr fühlen. Eher zeigen sie sich erstarrt und oft in ihrer Motorik eingeschränkt, um ihre Gefühle von Angst und Zorn zu binden. Andere wiederum sind immer in Bewegung, um so ihren inneren Schrecken in Schach zu halten. Ich hatte einmal ein vierjähriges Kind in Therapie, das ausdauernd mit Gummimessern im Sandkasten hantiert hat, gemordet und gestochen hat. Bis sie soweit sind, dass sie Geschichten erfinden, vergeht eine lange Zeit. Ich bringe die Kinder Schritt für Schritt ins Spiel: mit ganz wenigen Spielsachen. Wichtig bei einer Therapie ist, dass man die kleinen Impulse, die Kinder geben, aufgreift und weiterführt, sie sozusagen entwickeln lässt. Es muss ihnen die Möglichkeit zur Phantasie gegeben werden.

/e-politik.de/: Was machen Sie mit den Kindern in der Therapie?

Framheim: Zu Anfang geht es vor allem darum, die Kinder wieder an ihre Kraftquellen zu führen: Im Malen, Spielen und Geschichten-Erzählen schaffen sich die Kinder mit unserer Hilfe ein Gefühl, geschützt und stark zu sein. Im Spiel dürfen sie sich als diejenigen fühlen, die die Situation unter Kontrolle haben, die starke Beschützer haben. Sie stellen oft in verschlüsselter Form ihre Erlebnisse dar: Kämpfe und Kriege, Feuer und Zerstörung mit den Spielfiguren. Aber in ihren Spielen finden sie einen besseren Ausgang des Geschehens: Da tauchen Helfer auf, die “Bösen” werden vor Gericht gestellt. Das reduziert ihre Ängste und natürlich ist gerade für die erstarrten Kinder die Bewegung wichtig: Mit Kissen, Bällen und Schaumstoffschlägern freuen sie sich zunehmend an ihrer Kraft und körperlichen Geschicklichkeit.

/e-politik.de/: Sprechen Sie auch mit den Kindern konkret über das im Krieg Erlebte?

Framheim: Manchmal, zu einem späteren Zeitpunkt der Therapie, aber es steht nicht im Vordergrund. Die Kinder würden es gar nicht aushalten, die ganze Zeit diese schrecklichen Geschichten zu hören.

/e-politik.de/: Welche konkreten Erlebnisse haben die meisten Kinder im Krieg gemacht?

Framheim: Es gibt kaum ein Kriegsereignis, von dem Kinder nicht betroffen sind: Sie haben erlebt, wie sie aus ihren Häusern vertrieben und die Häuser angezündet wurden. Sie sahen, wie Menschen, manchmal sogar die eigenen Familienangehörigen, vor ihren Augen abgeschlachtet wurden. Die Kinder erlebten lebensgefährliche Fluchtwege: im Schlauchboot über die Adria oder tagelang ohne Proviant über verschneite Berge.

/e-politik.de/: Aus welchen Ländern kommen die meisten Flüchtlinge zu Ihnen?

Kind_in_AfrikaJPEG.JPGFramheim: Schwerpunkte sind der Balkan, Kosovo und immer noch sehr viele Menschen aus Bosnien. Ebenso sind es nach wie vor Flüchtlinge aus dem Irak und aus Afghanistan. Und neuerdings sind es einige Leute aus Tschetschenien. Menschen aus Afrika – Togo, Kongo, Nigeria, Äthiopien – gehören immer wieder zu unseren Patienten, allerdings schaffen es nur wenige nach Europa. Sie haben meistens grauenhafte Geschichten hinter sich.

 

/e-politik.de/: Kamen aufgrund des Irak-Krieges mehr Flüchtlinge zu Ihnen?

Framheim: Es sind zu unserem Erstaunen nicht mehr Leute gekommen. Aber wir haben gespürt, dass alle Erwachsenen und Kinder verstört waren. Sie hatten furchtbares Mitleid mit der Bevölkerung im Irak, denn sie haben ja ähnliches Leid erfahren. Andererseits kamen durch die Fernsehbilder die eigenen schrecklichen Bilder verstärkt hoch. Alpträume haben sich verschlimmert. Es gab deutliche Verschlechterungen in den Therapien. Längst überwundene Ängste kamen wieder.

/e-politik.de/: Können Sie beschreiben, wie sich ein Trauma bei einem Menschen äußert?

Framheim: Irgendetwas Wesentliches im Inneren ist zerbrochen. Menschen sind depressiv, den Tränen nah, resigniert. Sie leben mit dem Gefühl, das Leben ist für sie vorbei. Leben ist für diese Menschen schlimmer als das Sterben. Schlafstörungen sind ein wesentliches Kennzeichen für eine Traumatisierung, da sie Angst vor Alpträumen haben. Besonders belastend sind die immer wiederkehrenden Flashbacks ausgelöst durch ein Geräusch, einen Geruch, einen Anblick. Es ist, als ob der Mensch alles noch einmal erlebt und das Angstgefühl hält manchmal stundenlang an. Manche Menschen sehen tagelang Schreckensbilder vor sich, hören sogar Schreie und erleben ihre reale Umgebung nur schemenhaft. Flüchtlinge vermeiden auch bestimmte Verkehrsmittel. Denn sie haben Angst vor uniformierten Menschen, egal ob es ein Verkehrspolizist oder U-Bahn-Kontrolleur ist. Sie leben reduziert, um alles zu vermeiden, was Schrecken bei ihnen auslösen könnte.

/e-politik.de/: Eine Therapie bei einem Kriegstrauma dauert recht lange. Die meisten können aber gar nicht in Deutschland bleiben, weil ihnen eine Abschiebung droht.

Framheim: Das ist bei uns zum Glück noch nicht vorgekommen, dass jemand aus einer laufenden Behandlung abgeschoben wurde. Es gibt sehr viele Verhandlungen mit der Ausländerbehörde Münchens. Menschen in Behandlung sind vor einer Ausweisung aus der Stadt geschützt.

/e-politik.de/: Und nach der Behandlung können sie abgeschoben werden?

Framheim: Theoretisch kann das passieren. Praktisch ist mir noch kein Fall bekannt. Solange ich hier bin, ist noch keiner unserer Patienten in die Heimat zurückgeschickt worden. Es ist jedoch klar, dass für die meisten irgendwann die Rückkehr in die Heimat ansteht. Diese Bestimmungen dafür sind so kompliziert und vielfältig.

/e-politik.de/: Stichpunkt: Neues Zuwanderungsgesetz. Was kritisieren Sie daran?

Framheim: Was die Väter des Grundgesetzes damals beabsichtigten, dass Menschen Recht auf Asyl haben – dieses Recht ist schon längst ausgehöhlt. Ferner sind die Einschränkungen, die Flüchtlinge im Alltag erfahren, traumatisierend: die Art der Unterbringung, Essenspakete, Verweigerung der Arbeitserlaubnis, Arbeitsbedingungen, die sie hinnehmen müssen aus Sorge vor der Abschiebung, schlechte medizinische Versorgung. Es ist beschämend für ein reiches Land wie Deutschland, dass es sich Derartiges leistet.

/e-politik.de/: Kann man unter diesen Bedingungen überhaupt noch von Therapieerfolgen sprechen?

Framheim: Die aktuellen Lebensbedingungen von Flüchtlingen bleiben als dauerhafte Belastung bestehen. Flüchtlinge werden ziemlich willkürlich von einer Unterkunft in die andere verlegt. Die Ausländerbehörde von München und die Verwaltungen der Sozialdienste arbeiten zwar solidarisch, dennoch sind auch sie an Gesetzesvorlagen gebunden. Trotz alledem gibt es Verbesserungen bei den Betroffenen. Menschen lernen, mit ihren Ängsten besser umzugehen. Wir beobachten, dass Menschen im Laufe der Therapie ein Stück weit lebendiger werden.

/e-politik.de/: Wie gehen Sie persönlich mit den Leidensgeschichten ihrer Patienten um?

Framheim: Eine Hilfe ist, dass wir im Team viel darüber sprechen. Wenn wir merken, dass es den Menschen besser geht, nährt sich Hoffnung. Man begreift, dass niemand die Menschen völlig zerstören kann.

/e-politik.de/: Herzlichen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Daniela Recht.


Weiterführende Links:

Refugio im Internet: www.refugio-muenchen.de


Die Bildrechte liegen bei Terres des Hommes (Fotos: Rainer Unkel, Ulrecht Tietze).


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