Keine Heilung

10. Mai 2005 | von freier Autor | Kategorie: Gesundheits- und Sozialpolitik

wolffsohn.jpgDer streitbare Historiker Michael Wolffsohn hat durch seine jüngsten Äußerungen zur Kapitalismuskritik wieder einmal auf sich aufmerksam gemacht. Am Jahrestag des Kriegsendes sprach er an der Universität Leipzig über das schwierige Verhältnis von Deutschland, Israel und Palästina. Seine überraschende These: Weil die Drei die "richtigen Lehren" gezogen haben, finden Deutschland und Israel nicht zueinander. Von Stefan Niklas

Schlotternde Knie habe er gehabt vor diesem Vortrag. Die letzte Woche war auch sicher keine leichte Zeit für Michael Wolffsohn. Zuletzt hatte er nämlich durch einen Artikel in der "Rheinischen Post" auf sich aufmerksam gemacht, in dem er Sprachbilder, die Müntefering als rhetorische Mittel in seiner "Kapitalismuskritik" gebrauchte (Stichwort: "Heuschrecken"), mit der Hetzpropaganda der Nationalsozialisten verglich. Darauf hagelte es scharfe Kritik, Anfeindungen und Empörung.

Doch Wolffsohn tritt nicht auf wie einer, der empören will. Im Gegenteil: der Historiker von der Bundeswehr-Uni in München macht einen sehr sicheren und ruhigen Eindruck und ist ein hervorragender Redner, dem sich gut folgen lässt. Man fragt sich, ob das wirklich der Mann ist, der sich positiv über Folter geäußert haben soll. Im Gegensatz zu früheren Rednern der Reihe "Das Sonntagsgespräch" ist Wolffsohn extrem gut vorbereitet und steigt von Beginn an auf sein Thema "Deutschland / Israel / Palästina – Geschichte als Falle" ein.

"Richtige" Lehre und trotzdem kein Glück

Am sechzigsten Jahrestag des Endes des 2. Weltkrieges ist es sicherlich von besonderer symbolischer Bedeutung, wenn im Titel eins Vortrages Deutschland und Israel vorkommen. Auf diesen Umstand macht der in Tel Aviv geborene Historiker auch aufmerksam, doch er lässt zum Glück kein störendes Pathos aufkommen. Da schickt er lieber seine These gleich vorweg, die dann doch erahnen lässt, warum dieser Mann es vermag, großes Aufsehen zu erwecken: Weil Deutsche, Juden/Israelis und Araber aus ihrer gemeinsamen Geschichte (1933-1945) die aus ihrer Sicht jeweils "richtigen Lehren" gezogen hätten, könnten sie nicht mehr zueinander finden. Sie hätten die Fähigkeit einander zu verstehen grundsätzlich verloren, weil die Erfahrungen des 2. Weltkrieges und besonders des Holocaust so unterschiedliche politische (und moralische) Bezugsrahmen ausgeprägt haben.

Nie wieder Täter – Nie wieder Opfer

Den "tiefen Graben", der wegen der "richtigen Lehren" zwischen Deutschland und Israel, aber auch der zwischen Deutschland und den Palästinensern, entstanden ist, stellt Wolffsohn anhand von vier Stichwörtern dar, die ein "analytisches Korsett" zur Klärung der größten Unterschiede liefern sollen. Diese Stichwörter sind Gewalt, Volk, Land und Religion.

Deutsche sagen, Gewalt sei kein politisches Mittel mehr. Sie sagen, der Begriff "Volk" sei biologistisch beschmutzt und deswegen inakzeptabel. Sie sagen "Land für Frieden" und sie sagen "Nein danke!" zur Gretchenfrage. Deutsche wollen nie wieder Täter sein.

Israelis und Palästinenser hingegen wollen nicht mehr wehrlos sein, nicht mehr gewaltlos leiden müssen. Sie wollen jeweils ein Volk sein. Land wollen die Israelis schon aus strategischen, aber auch aus "libidinösen" Gründen nicht mehr abgeben und die Palästinenser fragen: "Wie viel Land denn noch?" Israel will ein jüdischer Staat mit jüdischer Demokratie sein und für die Palästinenser übernimmt die Hamas die Bildungs- und Sozialpolitik – mit Säkularisierungslogik kommt man da nicht weit. "Nie wieder Opfer!" – das ist die Devise von Israelis und Palästinensern.Und wer hat hier nun Recht? "Beide haben Recht!" antwortet Wolffsohn. Er vergleicht dies mit einer Wiener Melange, bei der man Kaffee und Milch und hier eben Recht und Unrecht nicht mehr zu trennen weiß.

Wir lernen nur Niederschmetterndes

So gesehen gibt es keine Lösung für den Konflikt im Nahen Osten, an der Deutschland mithelfen könnte. Israel und Palästina werden von alleine wohl nicht aufeinander zugehen. Aber Deutschland kann mit seinen ach-so-gut-gemeinten Ratschlägen, Wolffsohn zufolge exakt nichts ausrichten. An Deutschland wird die Welt nicht heilen! – und Wolffsohn macht keinen Hehl daraus, dass er auch sonst keine Therapie für den Nahen Osten dabei hat. Nur eben die pessimistisch stimmende Diagnose: alle sind sie in die Falle der Geschichte getappt – und das, obwohl doch alle gelernt haben. "Der Schuldige ist schuldlos schuldig" zeigt Ödipus und sagt uns Wolffsohn.

Zeit den Kopf in den Sand zu stecken? Noch nicht ganz! Neben der niederschmetternden Lehre schickt der ungeliebte jüdisch-deutsche Historiker seinem "erkennbar ernsthaften Publikum" noch einen kleinen Trost mit auf den Weg. Dieser heißt: Multiperspektivisches Denken. Er meint damit, dass wir akzeptieren sollten, dass unsere Lehre vielleicht nicht die Lehre überhaupt ist und es viele verschiedene Geschichtskonstruktionen gibt, wie die Historiker es nennen. "Wenn eine Partei die eigene Perspektive für die Gesamtperspektive hält, ist Geschichte eine Falle." Multiperspektivisch also – für einen Wissenschaftler sollte dies eigentlich ganz normal sein, aber für einen Politiker?


Die Bildrechte liegen bei http://www.wolffsohn.de/.


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