Kein Land in Sicht

24. Jul 2005 | von | Kategorie: Vergessene Konflikte

Die Sahrauis, nomadisierende Berber in der Westsahara, kämpfen seit dreißig Jahren um ihre Unabhängigkeit - bis heute erfolglos. Daran wird sich laut Experten so schnell auch nichts ändern. Teil 1 unserer neuen Serie “Vergessene Konflikte”. Von Maria Lang

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Zwei Sahrauis sitzen auf gepackten Koffern.

"Bei Ausschreitungen in der von Marokko besetzen Westsahara sollen Dutzende Menschen verletzt und festgenommen worden sein”, meldete die Deutsche Presse-Agentur am 27. Mai – einer der seltenen Tagen, an dem es ein "Volk ohne Land” in die Nachrichten schafft. Die Sahrauis, nomadisierende Berber, kämpfen seit dreißig Jahren um ihre Unabhängigkeit, bis heute erfolglos. Der Friedens- und Konfliktforscher Prof. Dr. Werner Ruf, der die Sahrauis mehrmals besucht hat, sagt im /e-politik.de/-Interview, eine baldige Lösung des Konflikts halte er für unwahrscheinlich.

Spanische Kolonie

Die Sahrauis gehorchten einst nur den Wolken am Horizont, den Wegweisern auf der Suche nach

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Leben im Flüchtlingslager

Weidegründen. Ihre Unabhängigkeit verlieren die selbsternannten "Söhne und Töchter der Wolken”, im Jahr 1885 infolge der Berliner "Kongo-Konferenz”, auf der die europäischen Mächte die Aufteilung Afrikas beschlossen hatten: Spanien macht die Westsahara zur Kolonie und teilt das Gebiet in Militärsektoren. Abhängig vom spanischen Handel und des wichtigsten Bodenschatzes Phosphat beraubt, beginnt das sahrauische Volk 1973 den Kampf für die Unabhängigkeit. Sahrauische Widerstandsgruppen schließen sich zur "Frente POLISARIO” zusammen, Volksfront zur Befreiung von Saguiat el-Hamra und Rio de Oro.

Von der einen Hand zur anderen

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Grenzpfahl am Dreiländereck Algerien-
Demokratische Arabische Republik Sahara-
Mauretanien

Während die UNO von Spanien die Dekolonialisierung der Westsahara fordert, erheben die Nachbarländer Marokko und Mauretanien Anspruch auf das Gebiet. Der marokkanische König Hassan II. ordnet die "Heimholung der marokkanischen Sahara” an und lässt, unter dem Schutz seiner Armee, im "Grünen Marsch” 300.000 Zivilisten in die Westsahara übersiedeln. Die marokkanische Luftwaffe fliegt Angriffe mit Phosphor- und Napalmbomben, bei denen etwa 24.000 Sahrauis sterben. Die Überlebenden sammeln sich in Flüchtlingslagern im algerischen Tindouf, wo heute etwa zwei Drittel der sahrauischen Bevölkerung leben.

Am 14. November 1975 übergibt Spanien das Gebiet an Marokko und Mauretanien. Die drei Vertragspartner ignorieren dabei ein von der UNO eingefordertes Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes (IGH), das einen Monat zuvor veröffentlich wurde. Darin verneint der IGH "die Existenz irgendeines Bandes territorialer Souveränität” zwischen der Westsahara einerseits und andererseits Marokko und Mauretanien.

15 Jahre Krieg gegen Marokko

Als Antwort der POLISARIO auf die Besetzung ihres Landes, ruft sie einen eigenen Staat aus: Die Demokratische Arabische Republik Sahara (D.A.R.S.). Der offizielle Regierungs-sitz liegt nahe der algerischen Grenze in einem kleinen Gebiet, das nicht von Marokko kontrolliert wird. 1982 wird die D.A.R.S Mitglied der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) und hat heute zu fast 90 Staaten diplomatische Beziehungen. Als Reaktion darauf hat Marokko hat die OAU 1985 verlassen.

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Unterzeichnung der Friedensvertrages
zwischen POLISARIO und Mauretanien.

Einen Teilsieg erringen die Sahrauis 1979: Mauretanien kapituliert vor der POLISARIO und unterzeichnet einen Friedensvertrag, in dem es auf alle Gebietsansprüche verzichtet. Marokko besetzt nun auch diesen südlichen Teil der Westsahara. Die frühere EU-Parlamentarierin Margot Kessler schreibt über die Lebensbedingungen in den von Marokko besetzten Gebieten in einem 2001 erschienenen Bericht: "Leben unter der marokkanischen Okkupation heißt bis heute ein Leben mit Angst vor willkürlicher Festnahme, Haft ohne gesetzliche Verfahren, vor ungerechten Verfahren vor Gericht, Folter, vor Verschwinden und Massenhinrichtung.”

Mit großem finanziellem Aufwand kämpft Marokkos Armee bis Ende der 80er Jahre gegen die Sahrauis, die militärisch unterlegene POLISARIO antwortet sehr erfolgreich mit  Guerillataktik und greift sogar im marokkanischen Kernland an. Marokko errichtet daraufhin einen 2000 Kilometer langen Verteidigungswall quer durchs Land, der mit modernster Technik bestückt ist und etwa zwei Drittel der Westsahara einschließt. Nach Angaben der Gesellschaft der Freunde des sahrauischen Volkes, kurz GFSV, wurde Marokko beim Bau der "Mauer” von den USA, Frankreich und Israel militärisch und technisch unterstützt.

Die UNO als Vermittler bislang erfolglos

Ende der 80er-Jahre schaltet sich die UNO wieder aktiv in den Konflikt ein und erreicht einen Waffenstillstand. Der Sicherheitsrat verabschiedet am 29. April 1991 die Resolution 690, der zufolge die Sahrauis in einem Referendum über ihre Zukunft entscheiden sollen: Integration in das marokkanische Königreich oder Unabhängigkeit.

Das Referendum kommt nicht zustande, weil Marokko und die POLISARIO sich nicht darüber einigen können, welche Personen zur Abstimmung zugelassen werden sollen. Mit zwei Vorschlägen versucht der damalige Sondergesandte für die Westsahara, James Baker (Ex-US-Außenminister) den Konflikt trotzdem zu lösen. Gemäß dem Plan "Baker I” aus dem Jahr 2001 sollte die Westsahara eine autonome Region im marokkanischen Staat sein, aber nicht unabhängig. Die begrenzte Autonomie sollte nur für Kultur, Erziehung und Fischfang gelten, nicht aber für Sicherheit, finanziellen Haushalt, Post und Kommunikation. Nach fünf Jahren sollten die Sahrauis über den Autonomiestatus abstimmen. Die POLISARIO lehnt den Plan ab.

Zugeständnisse an Marokko – ergebnislos

Zwei Jahre später unterbreitet der UN-Gesandte Baker den Streitparteien einen weiteren Vorschlag (Baker II).

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Soldaten der MINURSO

Demnach sollte die Bevölkerung der Westsahara nach fünfjähriger Autonomie in einem Referendum mit offenem Ausgang über eine Unabhängigkeit entscheiden. Marokko stimmte dem Plan nicht zu.

Die “Mission der Vereinten Nationen für das Referendum in der Westsahara”, kurz MINURSO, dauert seit 15 Jahren an – der drittlängste UNO-Einsatz überhaupt. Sie hat ihr Ziel, das Referendum der Sahrauis über ihre Unabhängikeit, bis heute nicht erfüllt. Alle drei bis sechs Monate wird das Mandat vom Sicherheitsrat verlängert. So auch am 28. April dieses Jahres. Der nächste Stichtag ist nun der 31. Oktober. Der Sicherheitsrat hat auch beschlossen, "mit der Angelegenheit befasst zu bleiben”.

 

Lesen Sie auch unser Interview mit Prof. Werner Ruf, Westsahara-Experte.

Hier geht es zum Dossier Vergessene Konflikte.


Die Bilder stellte uns freundlicherweise kritische ökologie/ifak e.V. zur Verfügung.

Die Bildrechte liegen mit Ausnahme von Bild 4 (POLISARIO-Archiv) bei Kritische Ökologie / ag.


Weitere Informationen:

Aufsatz von Herrn Professor Ruf

Internetangebot der AG Friedensforschung an der Universität Kassel zum Westsahara-Konflikt

Hintergrundtext zum Konflikt von der Gesellschaft der Freunde der sahrauischen Volkes


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Ein Kommentar
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  1. Westsahara gehörte schon immer Marokko.
    die 200.000 wüstenbewohner können garnicht ohne Marokko Überleben.

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